Das Schreiben in den Zeiten von Corona

Ein multimediales Tage- und Skizzenbuch von Heidelberger Autorinnen und Autoren

Mit einem Vorwort von Veronika Haas | Literaturherbst Heidelberg
„…wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen“? – Fragen gibt es viele in diesen Tagen, doch Kunst kennt keinen Lockdown, sie drängt seit jeher voran, insbesondere in gesellschaftlichen Krisen. Für Franz Kafka war das Schreiben eine „Form des Gebets“, Jean Paul war sich sicher: „Solange ein Mensch ein Buch schreibt, kann er nicht unglücklich sein“. – Das Schreiben ist wie das Leben: wunderbar und schmerzhaft zugleich, Schreiben ist Trost und Anklage, ein fortwährendes Infragestellen, Dichtung und Wahrheit, Marter und Befreiung, Bedrängnis und Selbstvergewisserung. Ebenso ergeht es uns beim Lesen. „Der Roman“, sagte der Dichter Novalis, ist nichts anderes als „ein Leben als Buch“. Leben, Schreiben, Lesen sind nach der romantischen „Lebenskunstlehre“, wie sie Anfang des 19. Jahrhunderts propagiert wurde, ein und dasselbe.
„Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ (frei nach dem Romantitel von Gabriel Garcia Márquez) ist – wie auch das Leben in diesen denkwürdigen Tagen – ein anderes. Welche Möglichkeiten hat Sprache, welche Räume schaffen Wörter, insbesondere während der so genannten Ausgangsbeschränkung? – „…und alle Fragen offen“. Dieses multimediale Tage- und Skizzenbuch ist eine Einladung an Heidelberger Autorinnen und Autoren, sich solchen und anderen Fragen schreibend anzunähern, zugleich ist es eine Einladung an alle Leser zu verweilen und – wann immer man möchte – für sich mit dem Geschriebenen in einen Dialog zu treten.
Dabei ist das Tage- und Skizzenbuch bewusst offen gehalten: Es kennt keine Genregrenzen und sucht die Vielstimmigkeit. Es ist ein Blankobuch für leise und laute Worte, Poesie und Prosa, gedankliche Streifzüge und auch für Bruchstückhaftes. Es ist eine Bühne, auf der in Ton und Video gelesen, gesprochen, nachgedacht werden darf. Ein Raum, in dem Autoren, Leser und Besucher während des „Social Distancing“ zusammenfinden mögen und Gemeinschaft wieder möglich ist.

Aus diesem Tage- und Skizzenbuch sollen letztlich Wortwelten entstehen, die nach und nach über die zeitlichen und thematischen Grenzen der Corona-Pandemie hinauswachsen, ein digitaler Schreib-, Lese- und Hörraum für Literatur in Heidelberg und darüber hinaus.








Mit Lyrik, Prosa, Essays, „Poesie ohne Worte“, Poetryfilmen, visueller Wortkunst, Audio- und Video-Lesungen von
Astrid Arndt, Marlene Bach, Bella Bender, Peter Bösselmann, Adriana Carcu, Matthias Delbrück, Wiebke Hartmann, Rolf Krane, Gerhild Michel, Marion Tauschwitz, Marcus Schiltenwolf, Sofie Steinfest, Hannelore Gerent, Heide-Marie Lauterer, Barbara Imgrund, Teresa Kaya, Gertrud Edelmann, Ariana Nero, Anton Ottmann, Claudia Schmid, belmonte, Olga Kovalenko, Rebecca Netzel, Elisabeth Singh-Noack, Michael Benz, Gerhard Drokur, Wilhelm Dreischulte, Elisabeth Pfeiffer, Andrea Willig und Yokosandra




25./26. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Achtzehn Tage lang haben uns Autoren und Künstler im „Multimedialen Tage- und Skizzenbuch“ begleitet und jeden Tag mit Lyrik, Prosa, Essays, „Poesie ohne Worte“, Visual Poetry, Audio- und Videolesungen bereichert. So erwartet Sie auch zum Ende unseres Tagebuchs ein wahres poetisches Feuerwerk: mit Texten voller Mut, „unseren Schritten mehr Puls und Atem zu geben“ (Elisabeth Singh-Noack), „die Füße schweben zu lassen“ (Gertrud Edelmann), umsichtige „Kriegerinnen“ (Rolf Krane) und „standhaft im Wind“ (Barbara Imgrund) zu sein… und nicht zuletzt: dass wir uns – Corona zum Trotz – unsere Literaturstadt Heidelberg bewahren, denn „eine satte Weile gehört sie uns“ (Claudia Schmid). „To walk“ (Peter Bösselmann) mag das Motto der nächsten Wochen sein, umsichtig und Schritt für Schritt.
Diese und weitere wunderbare Beiträge in Wort und Bild von Matthias Delbrück, Teresa Kaya, belmonte und Michael Benz erwarten Sie hier im „Tage- und Skizzenbuch“ und auch in unserer Lese-Lounge, die wir zum Abschluss nochmals umgestaltet haben und die für Sie – innerhalb dieses Tagebuchs – auch in den nächsten Wochen weiterhin ein Raum zum Verweilen sein mag, bisweilen gar mit neuen Texten ergänzt wird.


Der Baum


Aufrecht, zum Licht
reckt er sich
streckt er sich
bricht aber nicht

standhaft im Wind
so weise
und leise
wie nur Große es sind

was für ein Traum
wäre der Mensch
weniger Mensch
und mehr Baum.


© Barbara Imgrund


Barbara Imgrund
Im Allgäu aufgewachsen, in München Germanistik studiert und in verschiedenen renommierten Verlagen das Lektorenhandwerk gelernt. Seit 1998 arbeitet sie frei als Übersetzerin und Autorin. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Tierschutz, im Hospiz- und Besuchshundedienst. Die dabei gesammelten Erfahrungen verarbeitet sie in ihren Romanen: So schreibt sie mit Vorliebe erfundene Geschichten aus dem wahren Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Heidelberg. Erschienen sind von der Autorin Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen, Sonnenblumenblues, FreakOut und Wild Woman. Besuchen Sie die Homepage und die Facebook-Seite der Autorin.




Der Autor Matthias Delbrück hat in den vergangenen Wochen der Coronakrise Haikus geschrieben. Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Weg auch nach Deutschland fand. Rainer Maria Rilke sah in dieser weltweit kürzesten Gedichtform „einen neuen und wertvollen Bewußtseinsinhalt“. Haikus zu schreiben, ist dichterisch anspruchsvoll. Traditionell bestehen sie aus drei Zeilen: Die 1. und 3. Zeile haben fünf, die 2. hat sieben Silben. Diese Kürze verlangt eine komprimierte Sprachdichte, zugleich sollen Haikus vielschichtige, antithetische oder symbolische Aussage enthalten. Die Texte sollen sich im Erleben des Lesers vervollständigen.





Spielende Wörter
halten mich in der Schwebe
Verblühtenbaumtraum






mehr Menschenelend
dauerblaue Himmelszeit
Bezüge bleiben




Matthias Delbrück
1966 in Hannover geboren, seit 1986 in Heidelberg bzw. Dossenheim, promovierter (Umwelt-)Physiker. Er arbeitet seit vielen Jahren als Lektor im Sachbuchbereich, seit 2007 im eigenen Redaktionsbüro, wo er auch übersetzt und journalistische Texte verfasst. Kreatives Schreiben seit 2012, Kurse u. a. bei Karina Odenthal; er veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten und Lyrik. „Lyrik“, sagt er, „ist etwas Wundervolles, aber nicht leicht zu fassen.“ | © Foto (privat)






Das Haiku hat sich aus dem Tanka (Kurzgedicht) entwickelt, eine weit über 1000 Jahre alte japanische Gedichtform von puristisch-poetischer Schönheit: ein Lobgesang auf den Augenblick.
Der Heidelberger Konzeptkünstler Peter Bösselmann teilt mit uns heute ein „Tanka“ der besonderen Art und voller ästhetischer Anmut, das in Zusammenarbeit mit der Tänzerin und Choreografin Crystal Schüttler entstanden ist. Das Tanzstück „to walk“ ist inspiriert von Leben und Werk der japanischen Tanka-Dichterin Kawano Yuko. In die Musik zum Stück sind Texte von Kawano im japanischen Original eingearbeitet (Rezitation Yuri Isogai). Am 14. März 2020 hatte das Tanzstück – bedingt durch die Corona-Pandemie in einem Livestream – Premiere.


Foto © Peter Bösselmann

Erfahren Sie mehr über Peter Bösselmanns Projekt PolyPhones

Peter Bösselmann
arbeitet in Heidelberg als Konzeptkünstler an den Schnittstellen von Musik, Text, Foto/Video und Performance. Ein bevorzugtes Material für seine Projekte ist die »Ressource Heidelberg«. Im Rahmen von Beschränkungen und Möglichkeiten der kleinen Stadt entstehen aus gewollt einfachen Ansätzen poetisch verdichtete Arbeiten, in denen sich Bild/Video, Text und Musik zu surrealen Blicken auf den Ort verbinden – zum Beispiel Portraits von Heidelberger Parkplätzen als abstrakte Wandinstallation oder Stadt-Fotografien, bei denen die Motivwahl auf der Basis konzeptueller Parameter erfolgt. Aktuell arbeitet Peter Bösselmann an dem Video »Sieben Ansichten des Kôsô Entotsu«, einem »Heidelberg/Hokusai-Projekt«, das sich von einer Holzschnitt-Serie Hokusais zu einem speziellen Blick auf Heidelberg inspirieren lässt. Durch die Corona-Einschränkungen liegen die Entotsu-Dreharbeiten brach – Zeit für das dokumentarische Projekt „Corona Skies“, das Himmel-Fotografien aus der Tageszeitung versammelt…
…und für „PolyPhones„, ein Projekt mit der Beteiligung vieler Stimmen in vielen Sprachen: Alle Beteiligten sprechen für PolyPhones den gleichen (übersetzten) Text mit ihrem Smartphone ein; die Aufnahmen werden von Peter Bösselmann zu einer polyglotten Sound-Collage komponiert. Inzwischen hat Peter Bösselmann den zweiten Aufruf gestartet, selbst wer sich nicht bei der Lese-Version des PolyPhones-Textes beteiligt hat, kann bei dem geplanten Musikvideo „Polyphone Augenblicke“ mitmachen: Kommen Sie zu Einzelterminen in das Atelier im Klausenpfad und lassen sich mit Ihrer Corona-Maske für das PolyPhones-Musikvideo vor einem Greenscreen filmen!
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Tanz mit dem Leben
Bewegung im Stillstand,
Stille in Bewegung –
Ziehen wir ernsthaft
in Erwägung,
unseren Schritten mehr
Puls und Atem zu geben?
Schreiten im Tanz,
tanzende Schritte –
dem Mut folgt
die Begeisterung!
Ohne Choreographie,
ohne Noten, ohne Taktstock
den Schritten mehr
Gewicht verleihen,
dem Boden vertrauen,
dem Rhythmusgefühl.
Natur und Universum
fordern uns nicht heraus,
sondern auf zum
Engtanz auf poliertem Parkett.


© Elisabeth Singh-Noack


Elisabeth Singh-Noack, 1961 in Hamburg geboren, schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr Gedichte, später auch Kurzprosa, Szenen sowie Haikus. Sie studierte Indologie, lebte und wirkte lange in Indien, Portugal und an vielen Orten Deutschlands zwischen Alster und Chiemsee, hat drei Kinder in die Lebenskunst eingeführt und unterstützt Menschen in schwierigen Lebensphasen. Seit 2005 wohnt sie vorwiegend in Dossenheim und ist Mitglied der Literatur-Offensive Heidelberg. Ihre Texte erscheinen in Anthologien, in Hörspiel, Internet und bei anderen Projekten. Am liebsten berauscht sie sich an Natur, Dichtung und Klang. Im Jahr 2020 soll im Lothar Seidler Verlag ein Buch mit Lyrik erscheinen. Lesen Sie ein weiteres Gedicht der Autorin aus der Reihe Poesie unterwegs









„Malerei ist eine stumme Poesie und die Poesie ist eine blinde Malerei.“
LEONARDO DA VINCI

Das Poetische braucht nicht immer Worte, es kennt unzählige Ausdrucksformen. „Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ kann buchstäblich bildhaft und in dieser Bildhaftigkeit poetisch-narrativ sein. Das zeigen uns auch die heutigen Bilder von dem Heidelberger Autor und Künstler belmonte, von Elisabeth Singh-Noack und Michael Benz.
Klicken Sie auf die Fotos und sich direkt hinein in „Bildgeschichten ohne Worte“.


Michael Benz
Jahrgang 1961, bezeichnet sich selbst als „Tourist“: „Der Kamerasucher erlaubt mir unzählige Versionen der Welt“. Fotografiert seit seiner Kindheit. Seine Fotografien hat er in zahlreichen Einzel- und Gruppenaustellungen gezeigt.


belmonte, 1971 in Hamburg geboren, lebt in Heidelberg. Lyrik-Debütpreis 2008 des Pop-Verlag. Betreiber des Blogs VNICORNIS. Organisation des Preises der Heidelberger Autorinnen und Autoren. Co-Sprecher der Autorinnen und Autoren der UNESCO City of Literature Heidelberg und Mitglied im Dichterkollektiv KAMINA. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Magazinen (u.a. MATRIX, BAWÜLON, PASSAGEN – Magazin für Kunst und Literatur und TraduzioneTradizione).
Im Buchhandel erhältlich Junas Lob (Verlag Brot&Kunst) und Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert, Versroman in zwölf Lektionen (Pop-Verlag).








Irgendwann lachen & lieben andere in unserer Stadt.
Eine satte Weile jedoch gehört sie uns.



© Claudia Schmid


Claudia Schmid schreibt Kriminelles, Historisches, Reiseberichte, Hörspiele und Theaterstücke. Sie lebt in der Nähe von Heidelberg. Neben ihren Büchern hat die Germanistin rund fünfzig Kurzgeschichten veröffentlicht und mehrere literarische Preise erhalten. Die Ehren-Kriminalkommissarin der Polizei Mannheim-Heidelberg ist zudem Redakteurin von Kriminetz.
Zur Homepage der Autorin.





24. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

„Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ hat uns in den vergangenen Wochen durch mannigfaltige Wort- und Bildlandschaften geführt, eine poetische Reise mit Autoren und Künstlern, die nicht allein um Corona, sondern vor allem um das Leben kreiste. Und wie sehr das Schreiben selbst Leben ist, darum geht es in unseren heutigen Tagebucheinträgen: in einem wunderbaren Haiku von Wiebke Hartmann und in dem tiefgründigen Gedicht „Ich brauche“ von Olga Kovalenko. Auch unser Format „Poesie ohne Worte“ setzen wir heute fort: mit Bildern von den Autorinnen Barbara Imgrund, Astrid Arndt und Yokosandra – und nochmals mit Bildern vom Fotografen Michael Benz, der uns mit seinen tiefsinnigen und humorvollen Arbeiten in unserem Tagebuch vielfach begleitet hat.




Schreibend bei mir sein.
Buchstaben formen die Welt.
Ich kann sie löschen…



Lesen Sie weitere Texte von Wiebke Hartmann in unserem Tagebuch und in unserer Lese-Lounge.

Wiebke Hartmann geboren in Heidelberg, Studium der Ethnologie, Soziologie und Religionswissenschaft in Berlin. Lehrbeauftragte und Volkshochschuldozentin, Mitarbeiterin beim STERN, journalistische Arbeiten und zwei Reportagen für STERN-BUCH. Weiterbildung in Familientherapie. Systemische Familientherapeutin in Norwegen. Dort Publikation von journalistischen Arbeiten und Fachartikeln. Heute lebt sie teilweise in Schweden und in Heidelberg, sie publiziert weiterhin journalistisch, veröffentlicht literarische Arbeiten und ist Autorin eines Fachbuchs zum Thema Migration (Der Reisende ohne Schatten). Mitglied der Heidelberger LitOff seit 2015. Zur Homepage der Autorin

Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform und dichterisch anspruchsvoll. Traditionell bestehen sie aus drei Zeilen: Die 1. und 3. Zeile haben fünf, die 2. hat sieben Silben.






Ich brauche…

Ich brauche manchmal nur mich
und das Sonderlicht
des Erwachens,
dass im finsteren Dunkel bricht,
der singende Klang jemandes Lachen…
Ich brauche manchmal nichts
mehr als einen Augenblick zu haben,
in dem ich mich als Lehrer betrachten
kann, wie eine fremde Welt ohne sichtbare Grenzen;
einen seltsamen Weg mit den tausend möglichen Windungen
zeigend in die verschiedensten Richtungen
und allen möglichen Wenden;
eine unfertige raue Gestalt ohne Anhalt, die man zum Vollenden
bringen will;
und vielleicht noch, dass es still
ist
dass man endlich vergisst,
diesen Lärm der Verpflichtung.
Und ich brauche noch meine Dichtung,
die wie ein dünner Faden in jegliche Richtung
mich in die Ferne zieht und mich an die Freiheit bindet.
Die Muse, die alles lindert,
eines jeden einzelnen Schmerz,
und erschöpft dieses Netz
von strömenden Gedanken,
die in mir so fest verankern,
die wie eine Magie erstehen,
und im Chaos der Welt vergehen,
ohne eine Antwort zu finden,
wie die Vögel in jungen Linden,
in den fallenden Blättern der Wind;
dass man sich einfach die Zeit nimmt,
zum Betrachten,
zum Spüren,
zum Fühlen
für das Achten
auf die eigenen Gefühle
zum Erachten des Lebens,
das sich eben in jedem Begreifen
und Reifen
der einfachen Dingen versteckt,
im Antlitz der Einfachheit selbst…
— Aber es war erst
fünf Uhr
noch eine ganze Stunde
der Arbeit am langweiligen Tisch.
Das Papier lag durcheinander vermischt
und ich könnte nichts Nützliches finden
Kaffee könnte die Schlafsucht nicht lindern
nur die Zunge verbrennen.
Ich hörte das laute Reden
auf der Straße.
Ich hätte den Raum so gerne verlassen
aber es war erst fünf Uhr
eine Enttäuschung pur…
Ich brauche manchmal nur mich


© Olga Kovalenko


Olga Kovalenko
1986 in Kiew geboren, nach dem Bachelordiplom für Philologie, Übersetzen und Dolmetschen in der Ukraine, Medizinstudium in Heidelberg. Promotion 2017. Assistenzärztin am Universitätsklinikum Heidelberg. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen (Prosa und Lyrik) auf Russisch, darunter das Buch Engel des Himmels. Seit sieben Jahren schreibt sie Lyrik und Prosa in deutscher Sprache. Veröffentlichungen u.a. in der Literaturzeitschrift BAWÜLON. Mitglied des Dichterkollektivs KAMINA. Diverse Auftritte im Rahmen des KAMINA-Dichterkreises, des Literaturherbst Heidelberg, bei der Nacht der Forschung. Aktiv auch für das Tikk Theater, Breidenbach Studio. Zuletzt entstand ihr Lyrikzyklus Nachtgedichte (rund 26 Gedichte). Besuchen Sie die Facebookseite der Autorin..








„Malerei ist eine stumme Poesie und die Poesie ist eine blinde Malerei.“
LEONARDO DA VINCI

Das Poetische braucht nicht immer Worte, es kennt unzählige Ausdrucksformen. „Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ kann buchstäblich bildhaft und in dieser Bildhaftigkeit poetisch-narrativ sein. Das zeigen uns auch die heutigen Bilder von…
…den Autorinnen Barbara Imgrund und Astrid Arndt, deren wunderbaren Gedichte in diesem Tagebuch wir nochmals wärmstens empfehlen möchten.
…dem Fotografen Michael Benz, dessen Fotos, Tiefsinnigkeit und bisweilen schwarzer Humor dieses Tagebuch auch zuvor bereichert haben.
…der Autorin Yokosandra, für die Corona und Quarantäne kein poetisches Abstraktum, sondern vielmehr zur novellistischen Realität wurden. Erfahren Sie unten stehend mehr.
Klicken Sie auf die Fotos und sich direkt hinein in „Bildgeschichten ohne Worte“.


Yokosandra, 1976 geboren, lebt seit 2010 in Heidelberg. Sie hat Literaturwissenschaft studiert und schreibt Lyrik, Geschichten für Kinder, Schultheater, Kurzgeschichten und Anekdoten aus dem echten Leben auf Deutsch und Französisch. Sie leitet seit 2002 Schreibwerkstätten und unterrichtet an der Grundschule. Außerdem gestaltet sie Collagebilder und zeichnet gern. Für Yokosandra ist die Corona-Pandemie alles andere als ein Abstraktum aus Zahlen und Fernsehbildern: Sie hat aufgrund eines Corona-Falls in der Familie bewegende und bisweilen denkwürdige Erfahrungen in der Quarantäne-Isolation gemacht und diese in einem Blog aufgeschrieben. Ihre Erlebnisse lesen sich wie eine Novelle voller Höhe- und Wendepunkte.




23. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

„Schon hat diese Stadt in meinem Lebenslauf eine Schneise geschlagen“ (Sofie Steinfest): ein buchstäblicher „Worthimmel“ über unserer Literaturstadt Heidelberg erwartet Sie heute – mit zwei zauberhaften Gedichten von Gerhild Michel („Schöne Alte Brücke“) und Sofie Steinfest („Neckar – der Losstürmende“), die unsere Stadt, Neckar und Brücke poetisch hochleben lassen. Um Heidelberg, das „Schreiben in den Zeiten von Corona“, um Wort, Sinn und Bedeutung kreisen die visuellen „Duette“ des Konzeptkünstlers Peter Bösselmann, dessen Arbeiten an den Schnittstellen von Musik, Text, Foto und Video in Heidelberg immer wieder begeistern und neue Perspektiven eröffnen. Auch unsere Reihe „Poesie ohne Worte“ führen wir heute fort: mit Bildgeschichten vom Heidelberger Autor und Künstler Wilhelm Dreischulte.




Sofie Steinfest
in Wien geboren, ist Naturwissenschaftlerin (Zoologie) und Philosophin. Sie hat als Verhaltensforscherin mit einer Gruppe Neuweltaffen gearbeitet, für verschiedene NGOs und im Europäischen Parlament. Mit ihren drei Kindern lebt sie heute am Rande des Odenwalds, wobei ihr die mittlerweile erworbene therapeutische Ausbildung vorgeblich hilft. Sie arbeitet in Heidelberg, ist mit ihrem Lieblingsschriftsteller Heinrich Steinfest verheiratet und widmet sich mit ebensolcher Leidenschaft dem eigenen Schreiben, zuletzt dem Roman „Die Geburtsstunde der Donaustörung“ sowie einiger Kurzprosa und Lyrik. Seit 1996 erste Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien wie „Schreibkraft“, „DUM“, „Litopian“, „Pappelblatt“, „Lit:Us Fanzine“, „Theater Heidelberg“.
Lesen Sie noch ein Gedicht von Sofie Steinfest aus der Reihe Poesie unterwegs von der UNESCO City of Literature Heidelberg.

Foto © Robert Marcus Klump





Schöne Alte Brücke


Schöne Alte Brücke
mit deinen roten Sandsteinbögen
über dem grünen Wasser
mit den kleinen Strudeln

Viele Menschen hast du getragen
sie kamen und gingen
wie Zugvögel
angezogen von diesem Ort
am Ufer des Flusses
und der mächtigen Schlossruine
über den Dächern der Altstadt

Geht der Tag zu Ende
treffen sich hier Trinker
Träumer und Musikanten

Auf dein warmes Geländer
gelehnt schau‘ ich der Sonne zu
von Wolken umringt
sinkt sie langsam
Ins goldene Wasser







© Gerhild Michel


Gerhild Michel
geboren in Berlin, aufgewachsen in Heidelberg. Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft in Wien, mehrjährige Theaterarbeit an verschiedenen deutschen Bühnen. Anschließend Studium der Pädagogik, seit 1975 im Lehramt in Heidelberg. Lehraufträge an der Päd. Hochschule Heidelberg mit dem Thema „Schüler schreiben Gedichte“. Lyrik-Veröffentlichungen in Zeitschriften, Anthologien und Gedichtbänden. Mitglied der GEDOK Heidelberg.
Zuletzt erschienen: Alles in den Augen. Gedichte (Edition Exemplum)
Zur Homepage der Autorin

Foto © Gerhild Michel





Peter Bösselmann
„Worthimmel über Heidelberg“


Für den Konzeptkünstler Peter Bösselmann hängt der Himmel über Heidelberg nicht voller Geigen, sondern voller Wörter. Diesen „Worthimmel über Heidelberg“ (Fotomontage, 100 x 80 cm, C-Print) konnte man in einer Ausstellung bereits bewundern: Durch ein im Raum aufgebautes Fernrohr ließen sich die „Sterne“ am nächtlichen Himmel als Worte lesen, und diese waren – jedes für sich – selbst wiederum Kunstwerke, die Peter Bösselmann mit seinem „HD_Generator“ erzeugt hatte.

Der HD_Generator

Scheibenpaar: links H-, rechts D-Worte
Foto © Peter Bösselmann

Der HD_Generator ist eine Wortkombinationsmaschine auf Basis des Heidelberger Autokennzeichens. Drehbare Scheiben sind paarweise so angeordnet, dass auf der linken Scheibe nur Begriffe zu finden sind, die auf „H“ enden, während die rechte Scheibe Begriffe versammelt, die mit „D“ beginnen. Dieser End- bzw. Anfangsbuchstabe ist bei den Begriffen auf den Drehscheiben jeweils weggelassen; zwischen den Scheiben befindet sich ein „HD“ als Koppel, welche die jeweils gegenüberliegenden Begriffe verbindet.

„Das Schreiben in den Zeiten von Corona“:
Peter Bösselmann hat mit dem HD_Generator für das „Multimediale Tage- und Skizzenbuch“ neue „Duette“ gestaltet.


Foto © Peter Bösselmann

Erfahren Sie mehr über Peter Bösselmanns Projekt PolyPhones

Peter Bösselmann
arbeitet in Heidelberg als Konzeptkünstler an den Schnittstellen von Musik, Text, Foto/Video und Performance. Ein bevorzugtes Material für seine Projekte ist die »Ressource Heidelberg«. Im Rahmen von Beschränkungen und Möglichkeiten der kleinen Stadt entstehen aus gewollt einfachen Ansätzen poetisch verdichtete Arbeiten, in denen sich Bild/Video, Text und Musik zu surrealen Blicken auf den Ort verbinden – zum Beispiel Portraits von Heidelberger Parkplätzen als abstrakte Wandinstallation oder Stadt-Fotografien, bei denen die Motivwahl auf der Basis konzeptueller Parameter erfolgt.
Aktuell arbeitet Peter Bösselmann an dem Video »Sieben Ansichten des Kôsô Entotsu«, einem »Heidelberg/Hokusai-Projekt«, das sich von einer Holzschnitt-Serie Hokusais zu einem speziellen Blick auf Heidelberg inspirieren lässt.
Durch die Corona-Einschränkungen liegen die Entotsu-Dreharbeiten brach – Zeit für das dokumentarische Projekt „Corona Skies“, das Himmel-Fotografien aus der Tageszeitung versammelt. Und für „PolyPhones„, ein Projekt mit der Beteiligung vieler Stimmen in vielen Sprachen: Alle Beteiligten sprechen für PolyPhones den gleichen (übersetzten) Text mit ihrem Smartphone ein; die Aufnahmen werden von Peter Bösselmann zu einer polyglotten Sound-Collage komponiert.
Zur Homepage









„Malerei ist eine stumme Poesie und die Poesie ist eine blinde Malerei.“
LEONARDO DA VINCI

Das Poetische braucht nicht immer Worte, es kennt unzählige Ausdrucksformen. „Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ kann buchstäblich bildhaft und in dieser Bildhaftigkeit poetisch-narrativ sein. Das zeigen uns heute die Bilder vom Heidelberger Autor und Künstler Wilhelm Dreischulte: das Corona-Virus als rattenähnliches Wesen – eine Reminiszenz an die Pestratte. Die Bilder sind überwiegend mit einem Brandmalkolben zumeist auf Pappelsperrholz entstanden.
Klicken Sie auf die Fotos und sich direkt hinein in „Bildgeschichten ohne Worte“.


Wilhelm Dreischulte
1965 in Haselünne/Emsland geboren. Seit 2001 Mitglied der LiteraturOffensive Heidelberg und beteiligt sich rege an Lesungen, Radiosendungen und Literaturaktionen. Neben vielen Beiträgen in Anthologien der LitOff ist 2009 „Fremdes Brot“ (Leseprobe) im Lothar-Seidler-Verlag erschienen und „Wir wollen nicht auf der Straße leben“ 2013 im Machandel-Verlag. Schreiben, Malen, Bildhauerei sind ihm gleichwertige Anliegen.



22. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Was ist es, das uns – ganz gleich ob als Schreibender oder als Leser – an Literatur begeistert: Es ist die Macht der Fantasie, die Entdeckung des Unterbewussten, „das Wandern in ferne Welten“, wie es einst Jean Paul formulierte. Marlene Bach liest für Sie heute eine berührende Kurzgeschichte über einen nur vermeintlichen Anti-Helden, in der sich Bewusstsein und Unterbewusstsein, Realität und Traum vermischen. Heide-Marie Lauterer hat ebenfalls eine berührende Geschichte geschrieben, die Sie in unserer Lese-Lounge finden: „Auferstehung“ liest sich wie ein Hymnus auf die Macht der Lyrik – reflektiert in Versen von Marie Luise Kaschnitz „Manchmal stehen wir auf / Stehen wir zur Auferstehung auf / Mitten am Tag / Mit unserem lebendigen Haar / Mit unserer atmenden Haut.“ Lyrisch reflektiert Heide-Marie Lauterer auch „Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ in ihrem Gedicht „Wie immer“.


Die Autorin Marlene Bach liest für Sie ihre berührende Kurzgeschichte „Würstchenträume“.



Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren und wuchs nahe der niederländischen Grenze auf. 1997 zog die promovierte Psychologin nach Heidelberg. Hier begann sie, Kriminalromane und Kurzgeschichten zu schreiben. Für eine dieser Geschichten erhielt sie den Walter-Kempowski-Literaturpreis (2011). Unter dem Titel Samtschwarz ist im März ihr siebter Kriminalroman erschienen. Lesen Sie die Pressestimmen zu ihrem neuen Roman und hören Sie eine Leseprobe. Zur Homepage der Autorin






Wie immer


In diesem Frühling ist nichts wie immer.
Die würzig-reine Luft am Morgen
Wenn ich barfüßig zum Briefkasten eile
Völlig ungewohnt
Statt der frohen Botschaft
Nur Zahlen über Zahlen und
Eine Kurve ohne Ende.
Der Täuberich, der im blühenden Apfelbaum auf die Taube flattert.
Es gibt wieder Maikäfer
Und
Nachts tanzen die Motten um die Straßenlaterne.
Wirklich, nichts ist in diesem Frühling wie immer.
Auch nicht der langweilig streifenlose Himmel ohne Netz und doppelten Boden.
Wo bist du, WIE IMMER, rufe ich verzweifelt.
Im Winde raschelt das Laub,
der Täuberich verlässt die Taube.

Nach der Tageschau
sagt mein Mann,
Lese ich dein Gedicht.








© Heide-Marie Lauterer


Dr. Heide-Marie Lauterer ist 1952 in Heidelberg geboren. Studium der Germanistik und Geschichte; Gymnasiallehrerin, Historikerin, zuletzt bei der Max-Weber-Edition an der Bayrischen Akademie der Wissenschaften. Nach zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen schreibt sie Romane, Geschichten und Reiterkrimis. Ihre Kurz-Geschichten sind in verschiedenen Anthologien sowie dem Band Irre Geschichten abgedruckt. Sie ist Mitglied der Mörderischen Schwestern, der Heidelberger Autorenvereinigung Litoff und dem Heidelberger Textsalon. Zuletzt erschienen ist ihr Roman Das Bestsellerprojekt

Lesen Sie „Auferstehung“ in der Lese-Lounge




21. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

„Das Schreiben in den Zeiten von Corona“: An den finalen Tagen unseres „Tage- und Skizzenbuchs“ wenden wir den Blick nun mehr und mehr auch auf das Schreiben selbst – mit täglich neuen Texten, Reflexionen und wunderbaren Bekenntnissen von Heidelberger Autoren. Ein solches poetisches „Bekenntnis“ gibt uns heute Elisabeth Singh-Noack: Schreiben als Dialog mit sich und der Welt, als Bewegung, niemals als Stillstand, immer fortdrängend, jedoch ohne dabei den Zauber des Moments zu versäumen.
Heute setzen wir auch unser Format „Poesie ohne Worte“ fort, das uns in den nächsten Tagen weiterhin begleiten wird. – Und so viel sei verraten: Auf den letzten Seiten unseres „Tage- und Skizzenbuchs“ erwarten Sie u.a. tolle Lesungen von Heidelberger Autoren, und auch unsere Literaturstadt – „der Vaterlandsstädte Ländlichschönste“, wie es bei Hölderlin heißt – rückt nochmals ins Zentrum poetischer Betrachtungen.


In bester Gesellschaft

Ich kann mit mir lachen
(wir teilen denselben Humor)
und neue Ideen feiern.
Ich tanze mit meiner
Leidenschaft
und schlüpfe in verschiedene
Rollen.
Der Kanon klingt stimmig,
harmonisch der Refrain meines
Gesangs.
Und in anregendes Gespräch
vertieft,
entdecke ich neue
Perspektiven.
Ich halte Schritt mit mir
in der Bewegung durch Zeit
und Raum und spaziere
bewusst nie allein
(ich habe mich immer dabei).
Lange weile,
betrachte, denke, dichte ich
und finde mittendrin mich
an der Quelle der Inspiration.


© Elisabeth Singh-Noack




Elisabeth Singh-Noack
1961 in Hamburg geboren, schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr Gedichte, später auch Kurzprosa, Szenen sowie Haikus. Sie studierte Indologie, lebte und wirkte lange in Indien, Portugal und an vielen Orten Deutschlands zwischen Alster und Chiemsee, hat drei Kinder in die Lebenskunst eingeführt und unterstützt Menschen in schwierigen Lebensphasen. Seit 2005 wohnt sie vorwiegend in Dossenheim und ist Mitglied der Literatur-Offensive Heidelberg. Ihre Texte erscheinen in Anthologien, in Hörspiel, Internet und bei anderen Projekten. Am liebsten berauscht sie sich an Natur, Dichtung und Klang. Im Jahr 2020 soll im Lothar Seidler Verlag ein Buch mit Lyrik erscheinen. Lesen Sie ein weiteres Gedicht der Autorin aus der Reihe Poesie unterwegs von der UNESCO City of Literature Heidelberg.
Foto © privat








„Malerei ist eine stumme Poesie und die Poesie ist eine blinde Malerei.“
LEONARDO DA VINCI

Das Poetische braucht nicht immer Worte, es kennt unzählige Ausdrucksformen. „Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ kann buchstäblich bildhaft und in dieser Bildhaftigkeit poetisch-narrativ sein. Das zeigen uns heute nochmals Fotos von Michael Benz, die Titel tragen wie „Endlich: Virus isoliert“ oder „ausgesorgt“.
Klicken Sie auf die Fotos und sich direkt hinein in „Bildgeschichten ohne Worte“.

Michael Benz, Jahrgang 1961, bezeichnet sich selbst als „Tourist“: „Der Kamerasucher erlaubt mir unzählige Versionen der Welt“. Fotografiert seit seiner Kindheit. Seine Fotografien hat er in zahlreichen Einzel- und Gruppenaustellungen gezeigt.




20. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Heute beginnt die finale Woche unseres „Multimedialen Tage- und Skizzenbuchs von Heidelberger Autoren“. Heute beginnen auch die ersten so genannten Maßnahmen-Lockerungen – in Heidelberg und vielen anderen Städten Deutschlands. Wie anders sich das „alltägliche“ Leben im Zeichen des „Lockdown“ und „Social Distancing“ (noch immer) anfühlt, spiegelt sich in den heutigen Texten: wie „in einem Schuhkarton“, heißt es in dem wunderbaren Gedicht Nebel von Astrid Arndt, „die Stadt verpackt wie in Seidenpapier“; Olga Kovalenko schreibt in ihrem „Literarischen Gedankenfluss“ Distanz über die „tägliche Trägheit der Seele“ – „disconnected“ – und das „Verschlucken der Gedanken“.







Nebel

Die Stadt liegt heut im Schuhkarton
Dort hinterm Berg hört die Welt auf
In Seidenpapier gehüllt träumt das Schloss
Vom Waldbodenduft vergangener Tage
Vogelgezwitscher – in Zimmerlautstärke



© Astrid Arndt






Astrid Arndt
in München geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Hagen und Gesang mit Schwerpunkt Neue Musik in Detmold. Arbeitete als wissenschaftliche Autorin, als Musikjournalistin und als Lehrbeauftragte für Sprecherziehung und Medien an der Universität Bielefeld. Wissenschaftliche Veröffentlichungen u.a. über Kafka, Kleist und Arno Schmidt. Zuletzt erschien ihr Jugendbuch Die gläserne Seite im Draupadi-Verlag. Mitglied im Autorennetzwerk Heidelberg, HD-Textsalon und Heidelberger Literaturnetz. Neben literarischen Lesungen (Heidelberger Literaturtage, DAI, Bermudafunk) hält sie multimediale Workshops zu Hörbüchern und Biographischem Schreiben in der Metropolregion Rhein-Neckar. Zur Facebookseite der Autorin.
Foto © privat






DISTANZ. Ein Nachmittag.
Ein literarischer Gedankenfluss


Disability. Disconnection. Disposition
Disponibile. – Non Sono disponibile. Chiamami piu tardi.


Interessant. Innovativ sah die Welt da draußen aus. Integrieren muss man, will man, kann man? Interagieren muss man. Irreversibilität ist ein illusionärer Irrtum des Irrealen. Infolge: Interaktion ist irreal.

Sucht. Die Zeit ist die Sucht. Sehnsüchtiges Streben nach all dem Vergangenem und Verflogenem. Schwammiger Stolz stieß gegen die Wand der unüberwindbaren Vergesslichkeit.

Tausende Töne trommeln tapfer an der traurigen Täuschung der Tauglichkeit. In den tiefsten Träumen tauchte die tägliche Trägheit der Seele.

Abgrund. Abriss. Abbruch. Abstinenz deiner Nähe. Ein abartig klebriges Gummiband. Ich zog an einem Ende und wurde an das andere kräftig herangezogen – zurück zu den nicht Existierenden, in die schwarze Hole der Abwesenheit. Ahnungslosigkeit angelte andauernd andere Eindrücke und verschluckte meine Gedanken.

Disponibile.
Disposition. Disintegrity. Distraction. Dispersion.
Distanz.



© Olga Kovalenko


Olga Kovalenko
1986 in Kiew geboren, nach dem Bachelordiplom für Philologie, Übersetzen und Dolmetschen in der Ukraine, Medizinstudium in Heidelberg. Promotion 2017. Assistenzärztin am Universitätsklinikum Heidelberg. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen (Prosa und Lyrik) auf Russisch, darunter das Buch Engel des Himmels. Seit sieben Jahren schreibt sie Lyrik und Prosa in deutscher Sprache. Veröffentlichungen u.a. in der Literaturzeitschrift BAWÜLON. Mitglied des Dichterkollektivs KAMINA. Diverse Auftritte im Rahmen des KAMINA-Dichterkreises, des Literaturherbst Heidelberg, bei der Nacht der Forschung. Aktiv auch für das Tikk Theater, Breidenbach Studio. Zuletzt entstand ihr Lyrikzyklus Nachtgedichte (rund 26 Gedichte). Besuchen Sie die Facebookseite der Autorin..





19. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Viele vermissen in diesen Tagen die „Leichtigkeit des Seins“. Es gibt einen Bereich, den das „Social Distancing“ nicht berührt: die Natur. Wunderbare Gedichte von Elisabeth Singh-Noack, Gertrud Edelmann und Barbara Imgrund haben uns in diesem „Tagebuch“ bereits eine Natur gezeichnet, die uns nicht nur staunen, sondern die Leichtigkeit des Seins wieder fühlen lässt. Und diese Leichtigkeit wollen wir auch heute – Corona zum Trotz – nochmals feiern: mit einem Poetryfilm zu einem Text von Loma Eppendorf, einer unvergessenen Autorin, und dem „Frühlingsball“ von Elisabeth Pfeiffer.
Besuchen Sie auch unsere Lese-Lounge, die wir seit gestern für Sie geöffnet haben: ein digitaler Raum zum Verweilen, ein „Buch im Tagebuch“ und eine virtuelle Lesebühne. – Und noch eine redaktionelle Notiz: Herzlichen Glückwünsch, Sofie Steinfest und Andrea Willig, zur Shortlist-Nominierung für den Preis der Heidelberger Autorinnen und Autoren!


Loma Eppendorf, geboren 1919 in Hamburg, lebte seit 1954 in der Rhein-Neckar-Region. „Mit der Sprache zu arbeiten“, sagte sie, „bedeutet für mich, ihren Wohlklang mit der Präzision des Ausdrucks in Einklang zu bringen. So wird die Aussage glaubwürdig, Sprache verdichtet. Ein lebenslanges Bemühen.“ Sie schrieb Bücher und Beiträge für verschiedene Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen. Mit 92 Jahren veröffentlichte sie ihren Lyrikband „Unter herbstlichen Sternen“, aus welchem das Gedicht „Herbst am Teich“ stammt. Sie starb im Jahr 2016. Ihre Lyrik und Texte sind unvergessen.




Auf dem Frühlingsball

Kirschbaumdamen im gerafften barocken Ballkleid
Begrüßen mit leichtem Knicks die Ankommenden
In der Auffahrt zu Schloss Kraichgau

Birkenladys im zartgrünen Seidengewand
Bewegen sich sanft zur Windharfe und
Reichen mir einen Begrüßungscocktail

Apfelbäumchen in rosa-weißen Tutus
Springen graziös in den Saal
Fassen sich an Astärmchen bilden Reihen und Grüppchen
Drehen Pirouetten vor dem begeisterten Publikum

Applaus

Ein Buchenherr im zartgrünen Samtfrack
Tritt auf mich zu „Darf ich bitten?“
Wir wiegen uns zu den Walzerklängen
Des Frühlingshimmelsorchesters

© Elisabeth Pfeiffer


Elisabeth Pfeiffer
1961 geboren, Lebensorte Rom, Speyer, St.Märgen; Studium der Volkswirtschaftslehre und Psychologie. Office Managerin Hörakustik, freiberufliche Theaterpädagogin. Mitglied in der Autorengruppe Spira. Beiträge in Anthologien verschiedener Autorengruppen, zuletzt in angerichtet und aufgetischt der Literatur-Offensive Heidelberg.



18. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Pünktlich zum – hoffentlich vorletzten – Wochenende im Zeichen des „Social Distancing“ öffnen wir unsere Lese-Lounge: ein digitaler Raum zum Verweilen, ein Buch im „Tage- und Skizzenbuch“ und zugleich eine virtuelle Lesebühne. Die Lese-Lounge ist heute und zukünftig für längere Texte von Heidelberger Autoren gedacht. Zugleich finden sich darin aber auch alle neuen wie älteren Audio- und Videolesungen aus dem „Multimedialen Tage- und Skizzenbuch von Heidelberger Autoren“. Für dieses Wochenende haben wir ein literarisches Rundum-Paket geschnürt.


In unserer Lese-Lounge kann man es sich – mit nur einem Klick – gemütlich machen. Hören Sie nochmals Audio- und Video-Lesungen von Marlene Bach, Marion Tauschwitz, Bella Bender, Sofie Steinfest und Barbara Imgrund. Und entdecken Sie neue Texte von Wiebke Hartmann, Gerhard Drokur und Rebecca Netzel, hören Sie eine Lesung der Kriminal-Autorin und Ehren-Kriminalkommissarin der Polizei Mannheim-Heidelberg Claudia Schmid.


Wiebke Hartmann hat in den vergangenen Wochen des „Social Distancing“ ihren Blick schweifen lassen und teilt mit uns ihre Eindrücke von einer Gesellschaft, die mit Beschränkungen umzugehen versucht. Lesen Sie Ihren Text „Kesseldruck“.

Gerhard Drokur schildert in seinem Text „Die Hamster-Wette“ Erfahrungen, die vielen nur allzu vertraut anmuten: leere Regale in den Supermärkten, Hamster-Käufe und der gänzliche Ausverkauf von Produkten, denen man vor der Corona-Pandemie nur wenig existentielle Bedeutung zumaß.

Rebecca Netzel geht es in ihrem munteren Gedicht vor allem um eines: Optimismus, Dankbarkeit und Gemeinschaftssinn.

Wenn Agatha Christie Sorgen plagten oder sie nicht schlafen konnte, polierte sie Gläser. Claudia Schmid sagt, dass ihr in den Zeiten von Covid-19 noch nicht der Sinn für Humor abhanden gekommen sei. Statt Gläser zu polieren, arbeitet sie an den nächsten zwei Bänden ihrer Reihe „Mörderische Bergstraße“ und liest Ihnen heute daraus vor.





17. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Noch einmal wenden wir den Blick auf das, womit uns die Corona-Pandemie unmittelbar konfrontiert: Vergänglichkeit, Verlust und Abschied. Heute teilt Adriana Carcu mit uns ihr berührendes Gedicht „Stasis“.
Überdies hat ein neues Format in unser „Multimediales Tage- und Skizzenbuch“ Einzug gehalten, das uns auch in Zukunft begleiten wird: „Poesie ohne Worte“.


Stasis

Die Antlitze der Vermissten besuchen mich nachts,
Einige nehmen meine Hand zu ihrer Schläfe,
um zu fühlen, ob sie noch Fieber haben.
Andere schauen nach unten wie in einem Buch,
das ihre Lebensgeschichte erzählt,
Und andere scheinen langsame,
sich nähernde Schritte zu hören.

Die Gesichter meiner weggegangenen Freunde
besuchen mich nachts,
Einige erzählen mir ausführlich,
wie sich Entsagung anfühlt,
Andere umgeben mich mit ihren Armen,
um mich vor Illusionen zu schützen
Und andere laßen mich
meinen Kopf auf ihre durchsichtige Schulter legen.

Es ist der Ort, von dem aus man am besten die Ewigkeit betrachten kann.

© Adriana Carcu


Adriana Carcu ist eine internationale Journalistin und Autorin, kuratiert Kunstaustellungen mit deutschen und rumänischen Künstlern und unterrichtet seit 2007 Englisch und Rumänisch an der Volkshochschule Heidelberg. Sie wurde im rumänischen Temeschwar geboren und lebt seit 1988 in Heidelberg. Sie hat englische Literatur und Zivilisation studiert und mit einer Arbeit über „Human Nature and Human Condition in the Works of Henry James” abgeschlossen. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter Interview des Jahres mit Künstler Valeriu Sepi (Die Geschichte unserer Tage). Eine sentimentale Chronik war als Bestes Buch des Jahres (Gala für herausragende Verlags Neuerscheinungen Druckfertig) nominiert. Adriana Carcu ist Mitglied u.a. im Rumänischen Schriftsteller Verein, Exil P.E.N international, GEDOK Heidelberg. Zuletzt erschienen von ihr Golden (Pop-Epik) und Das Lied aus dem Norden. Zur Homepage und Facebook-Seite der Autorin.






„Malerei ist eine stumme Poesie und die Poesie ist eine blinde Malerei.“
LEONARDO DA VINCI

Das Poetische braucht nicht immer Worte, es kennt unzählige Ausdrucksformen. „Das Schreiben in den Zeiten von Corona“ kann buchstäblich bildhaft und in dieser Bildhaftigkeit poetisch-narrativ sein. Das zeigen uns heute die Fotos von Michael Benz, die die Titel tragen „Genügend Zeit zur Selbstbetrachtung“, „Isolation“, „Kleines bremst Großes“, „Widerstand“ und „abwarten“.
Klicken Sie auf die Fotos und sich direkt hinein in „Bildgeschichten ohne Worte“.

Michael Benz, Jahrgang 1961, bezeichnet sich selbst als „Tourist“: „Der Kamerasucher erlaubt mir unzählige Versionen der Welt“. Fotografiert seit seiner Kindheit. Seine Fotografien hat er in zahlreichen Einzel- und Gruppenaustellungen gezeigt.




16. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Nach den gestrigen Tagebucheinträgen soll es auch heute Raum geben für jene Eindrücke und Bilder der vergangenen Pandemie-Wochen, die uns im Grunde verstummen lassen. Der Heidelberger Autor Anton Ottmann hat sich „Gedanken zu Tod und Glück in den Zeiten von Corona“ gemacht, die sich poetisch zu drängenden Fragen verdichten.
Wie mit diesen Fragen umgehen? Gertrud Edelmanns Gedicht lässt sich als lyrische Antwort lesen und führt uns direkt auf „Obstwiesen“.



Anton Ottmann Autor und freier Journalist. Autor von Kurzgeschichten, Dialogen und Gedichten, Veröffentlichungen mehrerer literarischer Bücher und von mathematischem Unterrichtsmaterial. Mitglied des Autorennetzwerk Heidelberg.
Zur Homepage des Autors.

Gedanken zu Tod und Glück in den Zeiten von Corona

Was bleibt von mir?
Eine Handvoll Erde,
ein gepflanzter Baum,
tote Fotos voller Leben.
Ein paar Taten und Gedanken,
die nach und nach verblassen.
Am Ende geht selbst die Ahnung,
dass da ein Mensch gewesen.

Wer ist glücklich?
Der für den nächsten Tag lebt
und jeden Hunger stillt?
Der Großes schafft
und Beifall sucht?
Der die kleinen Dinge liebt
und Menschen mag?

Wer ist unglücklich?
Wer nur erwartet
und nichts geben will?
Wer nicht geliebt wird
und nicht lieben will?
Wer in sich selbst versinkt
und dies nicht ändern will?



© Anton Ottmann





Thomas Mann sagte: „Ich bin ein Mensch des Gleichgewichts. Ich lehne mich instinktiv nach links, wenn der Kahn rechts zu kentern droht – und umgekehrt.“ So ist Getrud Edelmanns Gedicht „Auf den Obstwiesen“ eine wunderbare Metapher für das Gleichgewicht, das uns vielleicht doch letztlich nur „fester wurzeln lässt.“





Auf den Obstwiesen


Wenn der Wind in die Bäume greift
und sie schüttelt und rüttelt,
sie an den Wipfeln zieht,
dann gehen sie ein Stück mit ihm,
bleiben nicht starr und hart,
sondern wiegen sich in ihm,
lassen ihn sein Spiel treiben
und wenn er sie nicht umwirft,
werden sie nur stärker,
verwurzelt in der Erde.




© Gertrud Edelmann


Gertrud Edelmann
1961 im hessischen Odenwald geboren und dort aufgewachsen, studierte Germanistik und Theologie in Marburg und Heidelberg, wo sie seit 1981 lebt. Sie war in Sprachinstituten, bei der Zeitung und im Buchhandel tätig und legte die Abschlussprüfung für das Fach Ethik an der Universität Gießen ab. Seit 1991 übt sie ihren Beruf als Gymnasiallehrerin aus. Sie ist. Mitglied in der Autorengruppe „city of literature“, Heidelberg.
Zuletzt erschienen Sonnensegel. Gedichte im Draupadi Verlag.
Lesen Sie ein weiteres Gedicht der Autorin aus der Reihe Poesie unterwegs von der UNESCO City of Literature Heidelberg.

Foto © Kirsten Bews





15. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Heute und morgen öffnet sich das Tagebuch all jenen Eindrücken, Bildern und zuweilen Erlebnissen während der vergangenen Pandemie-Wochen, die im Grunde verstummen lassen. Mit seinem Gedicht „Blick“ macht Marcus Schiltenwolf dies auf eindrückliche Weise poetisch fühlbar. Der Heidelberger Autor belmonte wählt die bewusste Überzeichnung ins Grotesk-Morbide. Dazwischen zwei Haikus von Hannelore Gerent: kleine Inseln der Stille.



Marcus Schiltenwolf
Arzt am Uniklinikum, seit 1987 in Heidelberg, verheiratet, 3 Kinder. Lyrik seit der Schulzeit, im Nebenfach, neben der Arbeit am Klinikum. „Ich richte mich ein zwischen allen Stühlen.“ Lyrikpreis der Stadt Mannheim 1995.





Blick


Das Feuchte im Auge
regt sich wund
verkrampft den sonnenhellen Blick
dass ich nicht mehr hinschauen mag
den Kopf in den Schatten senke
denn ich kann es nicht ertragen.








© Marcus Schiltenwolf













Für die Autorin Hannelore Gerent ist das Haiku, wie sie sagt, die ideale Ausdrucksform. Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Weg auch nach Deutschland fand. Rainer Maria Rilke sah in dieser weltweit kürzesten Gedichtform „einen neuen und wertvollen Bewußtseinsinhalt“. Haikus zu schreiben, ist dichterisch anspruchsvoll. Traditionell bestehen sie aus drei Zeilen: Die 1. und 3. Zeile haben fünf, die 2. hat sieben Silben. Diese Kürze verlangt eine komprimierte Sprachdichte, zugleich sollen Haikus vielschichtige, antithetische oder symbolische Aussage enthalten. Die Texte sollen sich im Erleben des Lesers vervollständigen.





Am Rand ist’s einsam.
Aber am Rand sieht man viel.
Mehr als mittendrin.






Gar nichts bezwecken,
gar nichts wollen, einfach nur
gehen und sehen.




Hannelore Gerent
geb. in Stuttgart. Studium Kunst und Grafik-Design (Dipl.-Designerin). Werbegrafik, freie Grafik/Ausstellungen. Veröffentlichungen von Comics und Sketchen im Simplicissimus und in Büchern. Im Haiku fand sie ihre ideale Ausdrucksform, weil sie darin geübt ist, die Dinge auf den Punkt zu bringen. In Wort und Bild. Mitglied der LitOff und des Autorennetzwerk Heidelberg.
Im Buchhandel erhältlich: ZARTE FAUSTSCHLÄGE, Haikus für alle Fälle, mit vielen farbigen Abbildungen, 256 Seiten.







Der Heidelberger Autor belmonte sucht die bewusste Überzeichnung ins Morbide-Groteske. Ergänzt durch seinen Linolschnitt „Tanzende Mänade“ – Mainades (von μανία maníā, „Raserei, Wahnsinn“).


Tanzende Mänade | Linoldruck, 2006 | © belmonte

der fuß

im anfang war der gestank
und der gestank war eklig
und eklig war der gestank
derselbe war im anfang eklig

und es war alles faul
und die luft war faul
und die erde war faul und war morast und vergammelung
und die fäulnis kroch in alle ritzen und löcher
und verwesung und dünste wehten in alle richtungen
und alles war faule ausscheidung aus dem ewigen ausfluss
und alles war auswurf
der sich in moder zersetzte
und in eitrige pest aufstieg

und der gestank sprach
– es werde fuß
da formte sich aus dem morast eine ferse
und eine hacke drang aus dem ekligen moder hervor
und die sohle wölbte sich darunter
und der ganze fuß spannte sich und zog seine zehen aus der vergammelten erde
und war nur durch einen knöchel verbunden
und rutschte hin und her auf dem schmierigen grund

also schuf der gestank den fuß nach seinem bilde

und der gestank segnete den fuß und ruhte sich aus in seinem ekel


© belmonte


belmonte, 1971 in Hamburg geboren, lebt in Heidelberg. Lyrik-Debütpreis 2008 des Pop-Verlag. Betreiber des Blogs VNICORNIS. Organisation des Preises der Heidelberger Autorinnen und Autoren. Co-Sprecher der Autorinnen und Autoren der UNESCO City of Literature Heidelberg und Mitglied im Dichterkollektiv KAMINA. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Magazinen (u.a. MATRIX, BAWÜLON, PASSAGEN – Magazin für Kunst und Literatur und TraduzioneTradizione).
Im Buchhandel erhältlich Junas Lob (Verlag Brot&Kunst) und Sitte und Sittlichkeit im ausgegangenen Jahrhundert, Versroman in zwölf Lektionen (Pop-Verlag).




14. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Werden uns die Wochen des „Social Distancing“, das unmittelbare Erleben einer weltweiten Krise in unserer individuellen Lebenswirklichkeit und auch als Gesellschaft dauerhaft verändern? – Auf den heutigen Seiten unseres „Multimedialen Tage- und Skizzenbuchs“ nähern sich zwei Heidelberger Autorinnen diesen Fragen an.


„Ich werde nicht einen Tag Freude versäumen…“
Barbara Imgrund liest für Sie ihr Gedicht „Trotzdem“

Barbara Imgrunds Gedicht „Trotzdem“ ist ein Lobgesang auf das Leben, das sich – allen Krisen, Widrigkeiten und Schicksalsschlägen zum buchstäblichen Trotz – immer wieder neu behauptet.


Barbara Imgrund
Im Allgäu aufgewachsen, in München Germanistik studiert und in verschiedenen renommierten Verlagen das Lektorenhandwerk gelernt. Seit 1998 arbeitet sie frei als Übersetzerin und Autorin. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Tierschutz, im Hospiz- und Besuchshundedienst. Die dabei gesammelten Erfahrungen verarbeitet sie in ihren Romanen: So schreibt sie mit Vorliebe erfundene Geschichten aus dem wahren Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Heidelberg. Erschienen sind von der Autorin Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen, Sonnenblumenblues, FreakOut und Wild Woman. Besuchen Sie die Homepage und die Facebook-Seite der Autorin.








Gerade noch war das Leben Alltag –
voller Freude und Ereignisse
voller Fülle und Aufgaben
aber auch voller Hetze und Eile,
Intoleranz und Unachtsamkeit,
Verschwendungssucht und Ignoranz.
Gerade noch war alles wie es immer war:
verfügbar, planmäßig, steuerbar.
Und plötzlich gerät unsere Welt aus den Fugen.
Da sitzen wir nun in unserem Kokon
aus Einsamkeit und Langeweile.
Gefangen zwischen Angst und Hoffnung,
Ohnmacht und Hilflosigkeit –
Um uns herum spielt ein Film,
in dem wir unfreiwillig die Hauptdarsteller sind.
Doch langsam, ganz langsam zeigt sich etwas ganz Zauberhaftes:
Wir beginnen neben all dem Elend
etwas Gutes darin zu sehen:
Zeit für die, die wirklich wichtig sind.
Die Natur holt sich ihr Recht zurück.
In den Flüssen schwimmen wieder Fische.
Die Luft ist wieder klar.
Das Leben geht weiter und
die Sterne funkeln uns ihr ewiges Licht.
Die Erde gibt uns vielleicht eine zweite Chance
Und ich bete darum, dass wir sie ergreifen,
dass wir etwas mitnehmen aus dieser schweren Zeit.
Etwas mehr Menschlichkeit.
Mitgefühl mit den Alten und Schwachen.
Wertschätzung dessen, was im Leben wichtig ist
und derer, die es uns zu erhalten helfen.
Gerade noch war das Leben Alltag
und den wünschen sich viele zurück.
Doch hinter dem Tor von Schmerz, Angst und Trauer
könnte etwas Neues auf uns warten.
Etwas Besseres vielleicht, etwas Tieferes.
Etwas mehr Verbindlichkeit und Besinnung.
Ewas mehr von der Freude und den schönen Ereignissen
und etwas weniger Hetze und Eile.
Wenn wir es zulassen.
Diese Welt, das sind wir. Wir alle zusammen.
Wir müssen es nur begreifen.












Ariana Nero ist promovierte Germanistin, Kunsthistorikerin und Psychotherapeutin HP. Sie war in den Bereichen Journalismus, Public Relations und Marketing tätig, bevor sie sich als Psycho- und Hypnotherapeutin mit Schwerpunkt Burnout in eigener Praxis niederließ.
Nach Kurzgeschichten, Lyrik, Fachartikeln erschien 2019 ihr Heidelberger Debutroman Kuckucksbrüder als Taschenbuch und eBook. Ihr zweiter Roman Hundshochzeit ist voraussichtlich ab Mai 2020 im Handel erhältlich.
Zur Homepage der Autorin.




13. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Viele erleben die Tage des „Lockdown“ ähnlich Thomas Manns Romanfigur Hans Castorp den Aufenthalt auf dem »Zauberberg«: als ein „stehendes Jetzt“, das ein anderes Zeitempfinden und eine Entfremdung von der alltäglichen Welt mit sich bringt. Die Heidelberger Autorin Elisabeth Singh-Noack erinnert daran, dass in solchen Tagen der „Entschleunigung“ letztlich vor allem Möglichkeiten liegen: zur „Einkehr, Abkehr, Umkehr“ und zu einer neuen Achtsamkeit.


Entschleunigung –

Zeit der Achtsamkeit
Selbstfürsorge
Entgiftung
Kreativität
Improvisation
Ideen
Zeremonien

Einkehr
Abkehr
Umkehr
Wiederkehr

Empathie
Solidarität
des Feng Shui
der Gedanken
Handlungen
und Gewohnheiten –

Lebenskunst


In ihrer Lyrik geht es Elisabeth Singh-Noack immer wieder um die besonderen Momentaufnahmen, um Erlebnisse und Entdeckungen, vor allem in der Natur, die uns innehalten lassen – etwa das Geräusch von Schnee unter den Füßen und der Spaziergang durch eine stille Winterlandschaft. Sehen Sie den Poetryfilm zu ihrem Gedicht „Frieden“.


Elisabeth Singh-Noack, 1961 in Hamburg geboren, schreibt seit ihrem 16. Lebensjahr Gedichte, später auch Kurzprosa, Szenen sowie Haikus. Sie studierte Indologie, lebte und wirkte lange in Indien, Portugal und an vielen Orten Deutschlands zwischen Alster und Chiemsee, hat drei Kinder in die Lebenskunst eingeführt und unterstützt Menschen in schwierigen Lebensphasen. Seit 2005 wohnt sie vorwiegend in Dossenheim und ist Mitglied der Literatur-Offensive Heidelberg. Ihre Texte erscheinen in Anthologien, in Hörspiel, Internet und bei anderen Projekten. Am liebsten berauscht sie sich an Natur, Dichtung und Klang. Im Jahr 2020 soll im Lothar Seidler Verlag ein Buch mit Lyrik erscheinen. Lesen Sie ein weiteres Gedicht der Autorin aus der Reihe Poesie unterwegs von der UNESCO City of Literature Heidelberg.



12. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren




Kino vom Balkon

Gegen Abend hat endlich die Sonne meinen Nordbalkon erreicht. Darauf habe ich sehnsüchtig gewartet. Was sonst kann man tun als sie sich an ihr erfreuen in diesen Zeiten eines aggressiven Virusteilchens, das uns allen das Ausgehen vermiest? Sonnenuntergänge über den Feldern Handschuhsheims wie über dem Meer, wenn man in Ferien ist. Sind wir ja alle, mehr oder weniger. Bis auf PflegerInnen und ÄrztInnen oder SupermarktkassiererInnen natürlich, die ihr Letztes geben in diesen Zeiten. Und denen es schlecht gedankt wird. Allenfalls mit ein paar Klatschern am Abend vom Balkon.
Und noch nie war der Frühling so frühlingshaft. Jeden Tag herrscht vorbildlich schönes Wetter, wie zum Ausgleich für die Kalamitäten, die uns über alle Nachrichtenkanäle zugebracht werden.
Nach rechts hin zwischen den Zweigen eines noch etwas kahlen Baumes hab ich den Blick auf Weinberge und den Hohen Nistler, der in diesem Abendlicht purpurblau erscheint. Der Magnolienbaum im Hinterhof gegenüber blüht so rosa er nur kann, umso intensiver die Farbe, weil im Kontrast daneben Knospen in Weiß sich geöffnet haben, von einem Apfelbaum vielleicht. Unter mir spielen auf dem Grundstück des Nachbarn Kinder auf dem Trampolin. Eines schlägt sehr gelungene Purzelbäume. In einer abgeteilten Ecke des Rasens huschen zwei Kaninchen umher, ein weißes und ein graues.
Die gerade ergrünte Feldhainbuche vor meiner Nase dient als Stelldichein für ein binationales Taubenpaar, er ist Waldtauberich in graublauem Federkleid mit etwas Weiß am Hals, sie graue Türkentaube mit schwarzem Ring am Köpfchen. Im Vergleich zu ihr ist er riesig. Wenn er als erster kommt, schuhut er ganz laut, sie macht eher ein durchdringendes, wenig ladylikes Kräk, Kräk bei ihrem Anflug. Vor mir haben sie keine Scheu. Ich schaue ihrem Turteln zu. Alles in Allem: Kino pur von meinem Balkon.

Vermutlich wundern sich die Tiere, warum viele Menschen plötzlich entspannt irgendwo herumsitzen oder im Grünen spazieren. Im Wald wimmelt es neuerdings von Spaziergängern.
Nun ist die Sonne weg. Die evangelischen Kirchen haben die Parole ausgegeben, um 19.00 soll vom Balkon aus: ‚Der Mond ist aufgegangen‘ gesungen werden. Er ist noch längst nicht aufgegangen, viel zu früh. Das dauert noch eine Weile. Dafür wird er heute Abend voll sein. Und irgendwie besonders.
Um neun Uhr, wenn er erscheint, lärmt draußen nur noch die Wohngemeinschaft im ersten Stock gegenüber und feiert auf ihrem handtuchschmalen Balkon Party, mit Kerzchen und Lampions und offen- sichtlich ein paar Flaschen Wein und Bier, der Lautstärke nach zu urteilen. Rücksicht auf Nachbarn nehmen sie keine. Aber das war schon vor Corona-Zeiten so. Und ‚Der Mond ist aufgegangen‘ singen sie auch nicht. Schade, ich hätte mitgesungen.
So oder so: Das Leben geht weiter.

© Wiebke Hartmann




Wiebke Hartmann geboren in Heidelberg, Studium der Ethnologie, Soziologie und Religionswissenschaft in Berlin. Lehrbeauftragte und Volkshochschuldozentin, Mitarbeiterin beim STERN, journalistische Arbeiten und zwei Reportagen für STERN-BUCH. Weiterbildung in Familientherapie. Systemische Familientherapeutin in Norwegen. Dort Publikation von journalistischen Arbeiten und Fachartikeln. Heute lebt sie teilweise in Schweden und in Heidelberg, sie publiziert weiterhin journalistisch, veröffentlicht literarische Arbeiten und ist Autorin eines Fachbuchs zum Thema Migration (Der Reisende ohne Schatten). Mitglied der Heidelberger LitOff seit 2015.

Besuchen Sie die Homepage der Autorin und lesen Sie ein Gedicht der Autorin aus der Reihe Poesie unterwegs von der UNESCO City of Literature Heidelberg.




11. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Der Autor Matthias Delbrück hat in den vergangenen Wochen der Coronakrise Haikus geschrieben. Haiku ist eine traditionelle japanische Gedichtform, die Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Weg auch nach Deutschland fand. Rainer Maria Rilke sah in dieser weltweit kürzesten Gedichtform „einen neuen und wertvollen Bewußtseinsinhalt“. Haikus zu schreiben, ist dichterisch anspruchsvoll. Traditionell bestehen sie aus drei Zeilen: Die 1. und 3. Zeile haben fünf, die 2. hat sieben Silben. Diese Kürze verlangt von einem Dichter nicht nur eine komprimierte Sprachdichte, zugleich ist es seine Aufgabe, dabei eine mehrschichtige, antithetische oder symbolische Aussage zu formulieren. Die Texte sollen sich im Erleben des Lesers vervollständigen.





ein März wie noch nie
umherschweifende Sorge
ein freundlicher Blick






treibend getrieben
das Leben ist eine Sucht
unter Kontrolle




Matthias Delbrück
geboren in Hannover, seit 1986 in Heidelberg bzw. Dossenheim, promovierter (Umwelt-)Physiker. Er arbeitet seit vielen Jahren als Lektor im Sachbuchbereich, seit 2007 im eigenen Redaktionsbüro, wo er auch übersetzt und journalistische Texte verfasst. Kreatives Schreiben seit 2012, Kurse u. a. bei Karina Odenthal; er veröffentlichte mehrere Kurzgeschichten und Lyrik. „Lyrik“, sagt er, „ist etwas Wundervolles, aber nicht leicht zu fassen.“ | © Foto (privat)





Die Autorin Sofie Steinfest liest für Sie ihr Gedicht »Blick in den Fluss : philosophisch« und nimmt Sie mit auf einen Weg, der manch einem Heidelberger vertraut anmuten mag. Stimmungsvolle Verse, die auch den Hörer den Blick schweifen lassen auf einen Fluss, der unaufhaltsam im Wandel begriffen ist.


Sofie Steinfest
in Wien geboren, ist Naturwissenschaftlerin (Zoologie) und Philosophin. Sie hat als Verhaltensforscherin mit einer Gruppe Neuweltaffen gearbeitet, für verschiedene NGOs und im Europäischen Parlament. Mit ihren drei Kindern lebt sie heute am Rande des Odenwalds, wobei ihr die mittlerweile erworbene therapeutische Ausbildung vorgeblich hilft. Sie arbeitet in Heidelberg, ist mit ihrem Lieblingsschriftsteller Heinrich Steinfest verheiratet und widmet sich mit ebensolcher Leidenschaft dem eigenen Schreiben, zuletzt dem Roman „Die Geburtsstunde der Donaustörung“ sowie einiger Kurzprosa und Lyrik. Seit 1996 erste Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien wie „Schreibkraft“, „DUM“, „Litopian“, „Pappelblatt“, „Lit:Us Fanzine“, „Theater Heidelberg“.
Lesen Sie noch ein Gedicht von Sofie Steinfest aus der Reihe Poesie unterwegs von der UNESCO City of Literature Heidelberg.

Foto © Robert Marcus Klump



10. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren


Auch heute sind die Seiten unseres „Tage- und Skizzenbuchs von Heidelberger Autoren“ für Sie aufgeschlagen – mit Lyrik von Teresa Kaya, die in Aussicht stellt, was viele in diesen gefühlt unzähligen Tagen des Ausnahmezustands vermissen: die Hoffnung auf eine baldige Wendung. Im Übrigen handelt es sich hierbei um eine besondere Gedichtform: ein so genanntes „Elfchen“. Seine Bezeichnung rührt daher, dass es aus elf Wörtern besteht („Elfchen“), die sich nach einem bestimmten Schema auf fünf Zeilen verteilen. In der 1. Zeile steht nur ein Wort; in der Folge summieren sich die Wörter je Zeile: Zeile 2 hat zwei, Zeile 3 drei, Zeile 4 vier Wörter. Zuletzt steht wiederum nur ein Wort.
In einem Essay teilt Adriana Carcu mit uns Beobachtungen, Innen- und Außenansichten während der Corona-Pandemie und wie – „Social Distancing“ zum Trotz – das Virtuelle und Digitale eine Welt unglaublicher (kultureller) Möglichkeiten eröffnet, in der selbst Nähe wieder möglich scheint.



Corona
Du Frühlingskranz
Voller stachliger Dornen
Zwischen Ranken scheint verborgen
Hoffnung



© Teresa Kaya

Dr. phil. Teresa A. K. Kaya
Jahrgang 1984, promovierte nach einem Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Gender Studies und Amerikanistik in Diakoniewissenschaft an der Universität Heidelberg, wo sie bis 2018 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitete. Seit 2018 ist sie u.a. als Freie Autorin tätig mit Veröffentlichungen von (wissenschaftlichen) Artikeln und Büchern über Lyrik bis zu Blog-Beiträgen. Voraussichtlich Ende 2020 erscheint ihr aktuelles Werk im Goldblatt Verlag.

Zur Homepage der Autorin

Foto © Christoph Bastert








Und dem Tod soll kein Reich mehr bleiben

Ungefähr zu Beginn der sozialen Distanzierung, die dieses Virus mit einem königlichen Namen auferlegt, bereitete ich mich darauf vor, um seine Folgen zu trauern und die irreversiblen Veränderungen zu analysieren, die die Gefahr einer Kontamination in unserem Verhalten mit sich bringen wird. Ich war überzeugt, dass diese dystopischen Zeiten eine instinktive Vorsichtsmaßnahme hinterlassen werden, die wir immer irgendwo im Hinterkopf tragen werden,  und die es schwierig oder sogar unmöglich machen werden, einen Ansatz zu finden. Ich hatte auch einen Titel gefunden: „Die Große Einsamkeit“.
Und dann begannen die Dinge zu passieren.
Ich verfolge seit Jahren das Internet. Wie ein gewisser Komfort einsetzt, ganz zu schweigen von Usurpation, sozialen Funktionen und menschlichen Kontakten. Ich erinnere mich, dass ich selbst inmitten digitaler Euphorie anfällig geworden bin, als mich einmal eine extrem rassistische Meinung auf Facebook so sehr störte, dass ich ihn auf unfriend setzte und sofort eine beispiellose Befriedigung empfand. Ich kann jemanden aus meinem virtuellen Leben ausschließen, ohne Konsequenzen. Erklärungen, Diskussionen und Ausreden waren nicht erforderlich. Nur ein Klick. Es war irgendwie sauber und irgendwie zu einfach. Die digitalen Trennungen waren ebenso unerheblich wie die Freundschaften. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich beschlossen, nur Leute in meiner Liste zu behalten, mit denen ich mindestens ein Wort gewechselt habe. Ich wollte wissen, dass sie echt sind.
Die erste Phase der Isolation war die der damit verbundenen Einsamkeit; es war das erste Mal, dass wir alle die gleiche Erfahrung machten. Auf jedem Kanal, zu jeder Tages- und Nachtzeit teilten die Menschen die gleiche Angst. Langsam ist der virtuelle Raum ein realer Raum geworden. Echtzeit ist zur virtuellen Zeit geworden. Zuerst war es die kollektive Sorge, der Wunsch, so viel wie möglich über das, was mit uns geschah, herauszufinden, die Angst, die sich in aufeinanderfolgenden Zugriffen näherte und wegbewegte, wie die Wellen, die ein Ufer treffen. Der Alltag erhielt neue Koordinaten.
Die Ausgänge wurden immer seltener, begleitet von immer mehr Vorsichtsmaßnahmen, der Rückkehr nach Hause folgte ein Ritual der Sauberkeit, den Tagen ein Ritual der Nachrichten. Nachdem wir festgestellt hatten, dass die Zahlen die einzigen relevanten Nachrichten waren und der Rest unverständlicher wurde, richteten wir unsere Aufmerksamkeit auf uns. Jetzt hatten wir Zeit, über die Bedeutung des persönlichen Kontakts, den Zweck einer Arbeitswoche und die Schnelligkeit nachzudenken, mit der eine kleine Laune der Natur in nur wenigen Wochen unser persönliches Leben verändern und eine Wirtschaft ruinieren kann. Unter unseren Augen gab es ein Drama von globaler Dimension, das wir mit erstaunlicher Schnelligkeit akzeptiert haben.

Dann gab es eine Spaltung, aber auch ein Einrasten der Menschen. Einige waren von den ursprünglichen Ängsten überwältigt und entschieden sich für die apokalyptische Version der Krise, andere beschlossen, sich weiterhin auf die gute Natur der Menschheit und das Bedürfnis nach Zusammenhalt zu verlassen, und wandten sich anderen Quellen der Ermutigung zu. Es begann damit, dass die Italiener von den Balkonen sangen und mit kleinen menschlichen Gesten, die sich allmählich in echte Opfer verwandelten.
Für mich gipfelte das Gefühl der Zugehörigkeit zur großen menschlichen Gemeinschaft in den Online-Manifestationen von Künstlern und Vereinen, die ihre Bühne verloren hatten. Konzerte, Lesungen, Shows und virtuelle Besuche in Museen haben den Alltag mit dieser spirituellen Note geadelt, die uns dazu bringt, ihn besser zu ertragen. Das Digitale erhielt immer reellere, menschlichere Qualitäten. Ich konnte Schriftsteller sehen, die uns in Echtzeit von der Couch ihrer Isolation aus vorlasen, ich konnte Musiker sehen, die aus den improvisierten Studios im Wohnzimmer sangen, ich konnte King Lear live am Globe Theatre in London sehen, ich ging durch den Prado. Ich befand mich zusammen mit all diesen Menschen in einer Isolation, die zu einem Allgemeingut geworden war.
Draußen war die Krankheit unheimlich, Verschwörungstheorien blühten wie Mohnblumen auf Brachland, und die Meinung, dass dies eine Grippe wie jede andere sei, besetzte eine andere Loge. Die Zahlen stiegen sichtbar, aber, wie Dylan Thomas so schön sagte, das Gefühl von Musik, Literatur und Kunst wurde von einem Gedanken beherrscht: And Death Shall Have No Dominion. Das virtuelle bot ein alternatives Leben, eine Variante der Realität, voller Schönheit und Hoffnung. Der Tod konnte nicht gewinnen.
In diesen Tagen voller Ekstase und Terror, in denen der Kreuzgang uns die Möglichkeit gab, uns in all unserer Pracht und unserem Elend (wieder) zu kennen, wünschte ich mir, wenn alles vorbei ist, hätten wir gelernt, dass wir das Böse gemeinsam überwinden können, wenn wir die Reinheit unseres Seins nicht verraten.

© Adriana Carcu


Adriana Carcu ist eine internationale Journalistin und Autorin, kuratiert Kunstaustellungen mit deutschen und rumänischen Künstlern und unterrichtet seit 2007 Englisch und Rumänisch an der Volkshochschule Heidelberg. Sie wurde im rumänischen Temeschwar geboren und lebt seit 1988 in Heidelberg. Sie hat englische Literatur und Zivilisation studiert und mit einer Arbeit über „Human Nature and Human Condition in the Works of Henry James” abgeschlossen. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter Interview des Jahres mit Künstler Valeriu Sepi (Die Geschichte unserer Tage). Eine sentimentale Chronik war als Bestes Buch des Jahres (Gala für herausragende Verlags Neuerscheinungen Druckfertig) nominiert. Adriana Carcu ist Mitglied u.a. im Rumänischen Schriftsteller Verein, Exil P.E.N international, GEDOK Heidelberg. Zuletzt erschienen von ihr Golden (Pop-Epik) und Das Lied aus dem Norden. Zur Homepage und Facebook-Seite der Autorin.



9. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren



Der Dichter Joseph von Eichendorff schrieb, dass Heidelberg besonders im Frühling von einer idyllisch-romantischen Schönheit sei: „…da umschlingt der Frühling Haus und Hof und alles Gewöhnliche mit Reben und Blumen, als gäbe es nichts Gemeines auf der Welt“. Die Autorin Marion Tauschwitz lässt heute mit uns den Blick schweifen und sieht durch das Fenster ihres Arbeitszimmers ein Heidelberg, das selbst in diesen krisenhaften Zeiten merkwürdig vertraut wirkt.

zuletzt erschienen
Das unverlierbare Leben. Erinnerungen an Hilde Domin
zu Klampen! Verlag

Marion Tauschwitz
Jahrgang 1953, schloss ihr Germanistik- und Anglistikstudium an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg ab. Seit 2007 arbeitet sie als selbstständige Schriftstellerin. Sie war engste Vertraute und Mitarbeiterin der Lyrikerin Hilde Domin (1909–2006), deren Biografie »Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin« sie 2009 zu deren 100. Geburtstag vorlegte. Seitdem zahlreiche Veröffentlichungen, Schwerpunkt Biografien. 2018 wurde Marion Tauschwitz in das PEN-Zentrum Deutschland gewählt. 2015 wurde sie von der Autorinnenvereinigung e.V. als „Autorin des Jahres“ ausgezeichnet. 2013 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Förderkreises Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Fachbeirätin Literatur GEDOK Heidelberg. Sprecherin der Versammlung der Heidelberger Autorinnen und Autoren.

Besuchen Sie die Homepage der Autorin.
Hören Sie eine Leseprobe aus ihrem aktuellen Buch.




Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf so genannte Risikogruppen konfrontiert uns mit etwas, das auch berühmte Dichter wie Goethe zutiefst fürchteten: das Altern. Jean Paul brachte es einst auf die humorvolle Formel: „Jeden Morgen ist man 18 Jahre alt, abends 81.“ – Doch wann ist man eigentlich alt? – Eine Frage, die auch der Heidelberger Autor Anton Ottmann stellt.


Anton Ottmann
Autor und freier Journalist. Autor von Kurzgeschichten, Dialogen und Gedichten, Veröffentlichungen mehrerer Bücher und Publikation von mathematischem Unterrichtsmaterial.
Zur Homepage

Wenn ich alt wäre…

Wenn ich alt wäre,
würde ich ganz einfach weiterleben,
vielleicht langsamer und bewusster,
mehr auf meinen Körper achtend,
und mehr die kleinen Dinge schätzend.

Wenn ich alt wäre,
würde ich meine Schulden begleichen,
bei manchem auch meine Schuld.
Ich würde um Verzeihung bitten,
und sagen, wenn ich jemand liebe.

Wenn ich alt wäre,
würde ich mein Leben ordnen,
auf dass ich kein Chaos hinterlasse.
Und allen, die an mich gebunden sind,
die Freiheit geben für die Zeit danach.

Wenn ich alt wäre,
würde ich jeden neuen Tag begrüßen,
das Zwitschern der Vögel und das Surren der Fliegen,
den Duft der Blumen und das Rauschen der Blätter,
und jeden Bissen, der mir schmeckt, genießen.

Doch, sag mir, wann bin ich alt?


© Anton Ottmann





Ob Alltag oder Krisenzeit – viele Autoren entwickeln bemerkenswerte Rituale, um die Muse zu beschwören: Kipling schrieb ausschließlich mit schwarzer Tinte, Hemingway und Lewis Carroll ersonnen ihre Werke vorwiegend im Stehen, Schiller roch an faulen Äpfeln, Charles Dickens brauchte Ruhe, weshalb er sich eine zusätzliche Tür zum Arbeitszimmer einbauen ließ. Die Heidelberger Autorin Heide-Marie Lauterer schwört auf die frühe Morgenluft: „Meine Gedichte kommen immer ganz früh am Morgen. Wenn die erste Amsel singt.“ – Heute teilt sie mit uns zwei Gedichte, die Mut machen und alle einladen, sich gerade in Krisenzeiten „gegen den Sturm zu stellen“.






Black Planet

Wie Jesus auf dem Trampolin
Deiner Auferstehung
Mit jedem Sprung höher zum Licht.
Schwimme, tauche dich frei im klaren Wasser
Fülle den Sack mit schwarzer Erde,
in der Blumen wachsen.
Du gibst mit vollen Händen.



© Heide-Marie Lauterer




Dr. Heide-Marie Lauterer ist 1952 in Heidelberg geboren. Studium der Germanistik und Geschichte; Gymnasiallehrerin, Historikerin, zuletzt bei der Max-Weber-Edition an der Bayrischen Akademie der Wissenschaften. Nach zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen schreibt sie Romane, Geschichten und Reiterkrimis. Ihre Kurz-Geschichten sind in verschiedenen Anthologien sowie dem Band Irre Geschichten abgedruckt. Sie ist Mitglied der Mörderischen Schwestern, der Heidelberger Autorenvereinigung Litoff und dem Heidelberger Textsalon.




8. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Wir schlagen auch heute wieder eine neue Seite in unserem »Multimedialen Tage- und Skizzenbuch von Heidelberger Autoren« auf: mit zwei wunderbaren Gedichten, eines von Barbara Imgrund, das voller Mut und Tatendrang ist, und eines von Marcus Schiltenwolf, ein poetischer Blick auf den Frühling in Coronazeiten. In unserem „digitelen Lesesaal“ liest heute die Autorin Bella Bender ihren Text „Innenleben“. Kurzprosa gibt es auch von Rolf Krane, der uns vier Tage im Zeichen von Ausgangsbeschränkung und Social Distancing miterleben lässt.


Marcus Schiltenwolf
Arzt am Uniklinikum, seit 1987 in Heidelberg, verheiratet, 3 Kinder. Lyrik seit der Schulzeit, im Nebenfach, neben der Arbeit am Klinikum. „Ich richte mich ein zwischen allen Stühlen.“ Lyrikpreis der Stadt Mannheim 1995.

Corona, es ist

Oder doch Einspruch
das erste Grün
zur rechten Zeit
in unserem Lockdown

atme ich
unter Hochdruck
Anfang April
durch die freie Brust

Dich sehe ich
hinter Maske auf der Bank
umher alles still
kein Wind kein Regen

kein Wort
von fremder Seite
bleibst du mir
Einspruch zu halten

gegen die Brüche
im Blick von uns
weg ins Sichtbare
Grün ganz unbedroht.


© Marcus Schiltenwolf





„Sonne fällt durch die hohen Fenster in mein Zimmer….“
Bella Bender liest „Innenleben“ für Sie


Bella Bender, geboren in Baden-Baden, lebt heute in Heidelberg. Im Juni 2017 erschien ihr Erstlingswerk Tinte in Wasser, im Mai 2019 veröffentlichte der Periplaneta Verlag in Berlin ihre Erzählungen Die artgerechte Haltung von Gedanken, 14 Kurzgeschichten über den menschlichen Grundkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit. Das Cover wurde von Julia Klaiber gestaltet. Sie arbeitet als Lektorin und schreibt aktuell einen Roman.
Heidelberger konnten die Autorin zuletzt im Winter bei ihrer Lesung im Bücherglück – Petras BahnstadtBuchhandlung erleben. Auf Instagram liest sie regelmäßig aus ihren Texten. Besuchen Sie auch die Homepage der Autorin, wo Sie auch ihre Gedanken zum Mitnehmen finden. Zum Mitnehmen ist auch ihr hier vorgetragener Text Innenleben.





In dieser Zeit

Ich werde Rosen pflanzen auf verbrannter Erde
und einen Apfelbaum, als gäb’s kein Morgen mehr.
Ich möchte Tauben züchten, bis ich hundert werde,
und sie in Frieden ziehen lassen übers Meer.

Ich säe Eintracht, schütte tiefe Gräben zu,
ich lasse Hoffnung keimen, bis sie Wurzeln schlägt.
Ich gebe täglich Leben, Liebe, Licht hinzu
und warte, dass die Saat aufgeht und Früchte trägt.

Dann werde ich Unkraut jäten, wo ich es nur sehe.
Ich will nicht, dass es in der Erde bleibt
und braun wird, wuchert, faule Blüten treibt.
Ich werde etwas tun. Und sagen, wo ich stehe.




© Barbara Imgrund

Barbara Imgrund
Im Allgäu aufgewachsen, in München Germanistik studiert und in verschiedenen renommierten Verlagen das Lektorenhandwerk gelernt. Seit 1998 arbeitet sie frei als Übersetzerin und Autorin. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Tierschutz, im Hospiz- und Besuchshundedienst. Die dabei gesammelten Erfahrungen verarbeitet sie in ihren Romanen: So schreibt sie mit Vorliebe erfundene Geschichten aus dem wahren Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Seit 2000 lebt und arbeitet sie in Heidelberg. Erschienen sind von der Autorin Das Glück des Schmetterlings beim Fliegen, Sonnenblumenblues, FreakOut und Wild Woman. Besuchen Sie die Homepage und die Facebook-Seite der Autorin.





Corona-Tagebuch

Ein Meter Fünfzig Abstand – 17. März 2020
Bereits vor drei Wochen bin ich in meinem sozialen Leben auf räumlichen Abstand gegangen. Um mich fit zu halten, unternehme ich seitdem täglich eine ausgedehnte Wanderung durch die Weinberge vor meiner Haustür. Heute begegnen mir viel mehr Menschen als sonst zuvor. Die Sonne scheint, der kalte Ostwind hat eine Pause eingelegt und seit gestern sind die Schulen geschlossen. Da kreuzt eine Gruppe von betagten Rentnern meinen Weg. Vielleicht hören sie schlecht und rücken deshalb so nah zusammen. Eine Gruppe von Jugendlichen grillt vor einer Hütte. Sie sind eng zusammengerückt um eine Tischgarnitur mit einer Shisha-Pfeife in der Mitte. Auf einer anderen Bank sitzt ein Großvater neben seinem Enkel. Sie haben eine Pause auf ihrer Radtour eingelegt. Wieder einmal kommt mir eine Gruppe italienisch sprechender Menschen entgegen. Das dritte Mal seit gestern. Sind sie aus Italien zu ihren Verwandten in Deutschland geflohen? Auf meinem Rückweg passiere ich drei Jungen im Grundschulalter, die am Rande einer Wohnsiedlung zusammenspielen. Als sie mich ankommen sehen, ruft einer den anderen zu: „Ein Meter Fünfzig Abstand!“ Aus größerer Distanz lobe ich sie dafür und ermuntere sie, noch mehr Abstand zu älteren Leuten zu halten. Ein anderer meint daraufhin: „Mein Opa und meine Oma sind aus Österreich zurückgekommen. Die haben vielleicht auch Corona.“

Schick durch die Krise – 31. März 2020
Heute ist wieder ein strahlender Tag mit blauem Himmel, ein idealer Tag für eine ausgedehnte Tour durch die Weinberge. Und so walke ich über die asphaltierten Wege, die für die Landwirtschaft und den Weinbau angelegt worden sind. Unterwegs begegnen mir Radfahrer, Fußgänger und Hundehalter mit ihren Vierbeinern. Überraschend kommt mir ein Pkw entgegen. Der Weg ist kaum breit genug für ein einzelnes Fahrzeug. Um auszuweichen und Abstand zu gewinnen, muss ich eine leichte Böschung hochsteigen und in einen Acker stapfen. Ein schickes metallic-blaues Mercedes-Cabrio kommt mir entgegen. Bei dem herrlichen Wetter ist das Dach geöffnet, so dass ich die Insassen von meinem erhöhten Standort gut erkennen kann. Ein Herr sitzt am Steuer. Eine Dame auf dem Beifahrersitz. Die klassische Aufteilung. Beide sind äußerst schick gekleidet. Passend zu ihrem schicken Cabrio. Ein unverkennbarer Ausdruck von Eleganz und Vermögen. Beide tragen schicke FP2-Atemschutzmasken, die farblich auf die Lackierung ihres Cabrios abgestimmt sind. Mir fallen die Kinnladen herunter. Mit einer Maske um meinen Mund wäre das nicht passiert.

Mund-Nasen-Schutz – 2. April 2020
Auf dem Weg zur Post kommt mir ein älterer Herr entgegen. Wir tragen beide einen einfachen Mund-Nasen-Schutz. Seinen hat er auf das Kinn herabgezogen. In seinem Mundwinkel steckt eine Zigarette. Von weitem weht mir eine Wolke Tabakqualm entgegen. Ich stelle erleichtert fest, dass mein Geruchssinn noch funktioniert.

Crispy Mais – 7. April 2020
Es klingelt an meiner Haustür. Ich gehe an das Küchenfenster und stelle es auf Kippe. Ein Wagen des DPD steht vor meiner Tür. Es ist niemand zu sehen. Die Lieferung von zwölf Dosen Crispy Mais ist angekommen. Kleine Portionen, mit denen ich gelegentlich meine Mittagsgerichte anreichere. Die zusätzlich bestellte Dosenpalette mit Erbsen und Möhren wurde bereits vor ein paar Tagen storniert. Sie sind ausverkauft. Ich rufe dem Zusteller vor meiner Haustür zu: „Stellen Sie bitte das Päckchen vor der Tür ab.“ In meinen Lieferpräsenzen hatte ich bereits als Abstellort angegeben: „Hinter dem Blumenkübel vor der Haustür.“ Dann sehe ich den Zusteller, einen älteren Herrn, vielleicht südeuropäischer Abstammung. Zögerlich trottet er durch meinen Vorgarten zurück zum Lieferwagen. „Ein Mann in diesem Alter sollte diese Arbeit nicht mehr tun dürfen.“ denke ich. Behäbig geht er über den Bürgersteig zur Beifahrertür und bohrt mit seinem rechten Zeigefinger in der Nase.



Foto © Michael Benz

Rolf Krane Jahrgang 1952. Aufgewachsen in Oelde, Westfalen. Studium der Mathematik, Pädagogik und Informatik in Bielefeld, Münster und Paderborn. Zweites Staatsexamen in Gelsenkirchen-Buer als Gymnasiallehrer für Mathematik und Pädagogik. Mathematikdidaktiker an der Universität Bielefeld. Lebt seit 1988 in Wiesloch und arbeitete 24 Jahre als Entwickler für ein großes deutsches Software-Unternehmen, zuletzt als Chief Development Architect. 2016 Gründung des Kleinverlages heil.reisen mit Büchern über Heilreisen in äußeren und inneren Welten. Herausgeber von Heimatsafari und Autor des Buches Der Reisende Rahmen über eine Pilgerreise an der US-Westküste. Seit 2019 unterwegs auf einer Heilreise über Die Achse des Lichts von Irland bis Israel.




7. April 2020 | Tage- und Skizzenbuch Heidelberger Autoren

Wir öffnen die ersten Seiten in unserem »Multimedialen Tage- und Skizzenbuch von Heidelberger Autoren«: mit einem wunderbaren Gedicht von Gerhild Michel, die leise der „Wirklichkeit“ dieser merkwürdigen Tage nachspürt. In unserem „digitelen Lesesaal“ hören Sie Marlene Bach mit ihrer Kurzgeschichte „Stadtvögel“. – Ist Schreiben in den Zeiten von Corona überhaupt möglich? – Nachdenkliches von Andrea Willig.


Der Himmel wieder blau
wie in meiner Kindheit
keine Flugzeuge
die ihn zerschneiden
still ist die Welt geworden
nur die Uhren
höre ich schlagen
kaum wage ich zu atmen

Nichts ist wirklich
wo ich bin
keine Menschen im Park
keine Kinder auf den Wiesen
und der Frühling breitet sich aus
ohne Ende

Zwischen den Steinritzen
sprießt gelber Löwenzahn
die heimlichen Sieger

geschrieben am 5. April 2020
© Gerhild Michel

Gerhild Michel
geboren in Berlin, aufgewachsen in Heidelberg. Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft in Wien, mehrjährige Theaterarbeit an verschiedenen deutschen Bühnen. Anschließend Studium der Pädagogik, seit 1975 im Lehramt in Heidelberg. Lehraufträge an der Päd. Hochschule Heidelberg mit dem Thema „Schüler schreiben Gedichte“. Lyrik- Veröffentlichungen in Zeitschriften, Anthologien und Gedichtbänden. Mitglied der GEDOK Heidelberg. Zuletzt erschienen: Alles in den Augen. Gedichte (Edition Exemplum) | ISBN: 9783898966351
Zur Homepage der Autorin

Foto: © Gerhild Michel




Die Heidelberger Autorin Marlene Bach liest für Sie ihre Kurzgeschichte „Stadtvögel“, die 2017 den zweiten Platz beim Nordhessischen Literaturpreis gewann.



Marlene Bach wurde 1961 in Rheydt geboren und wuchs nahe der niederländischen Grenze auf. 1997 zog die promovierte Psychologin nach Heidelberg. Hier begann sie, Kriminalromane und Kurzgeschichten zu schreiben. Für eine dieser Geschichten erhielt sie den Walter-Kempowski-Literaturpreis (2011). Unter dem Titel Samtschwarz ist im März ihr siebter Kriminalroman erschienen. Lesen Sie die Pressestimmen zu ihrem neuen Roman und hören Sie eine Leseprobe. Zur Homepage der Autorin






»Ein Corona-Tagebuch. Eine Einladung zum Innehalten mitten im Sturm.
Wie gerne nähme ich sie an!
Aber darf die Muse mich überhaupt küssen? Ist sie ausgenommen vom Abstandsgebot, das uns alle entfremdet, entkörperlicht, als seien wir digital und nicht lebendig mit einer hochempfindlichen Haut und einem unruhigen Herz?

Küss mich, du Muse, küss mich!
Entzünde in mir die Idee für die eine einzigartige, unerhörte Corona-Geschichte!
Führe mich weit hinaus in die Phantasie,
in das Unvorstellbare, das unsre Wirklichkeit ist.

Ein vereintes Europa, in dem wir die Grenzen nicht mehr überschreiten und Nachbarn sich nicht mehr besuchen dürfen. Wo an Schranken und auf den Straßen Polizei patrouilliert und mancherorts sogar Militär.

Eine Welt in Angst vor einem Virus, das lateinisch Kranz oder Krone bedeutet, in der Ärzte und Pfleger bis zur Erschöpfung kämpfen, und alle Gedanken und Worte um nichts anderes kreisen als das.
Tausende arbeiten ohne ihr Team alleine zuhause, weniger Glückliche haben überhaupt keine Arbeit mehr.
Die Gelddruckmaschinen laufen jetzt rasender als zuvor in einer längst überhitzen Ökonomie. Manche beschwören den orchestrierten Finanzcrash mit Währungsreform zu Ungunsten nahezu Aller.
Andere hoffen, dass jetzt der Quantensprung kommt in ein neues klügeres Zeitalter.

Wie ich mich fühle?
Verwirrt und reizüberflutet – von der stetig steigenden Zahl Gestorbener und Infizierter, von dem Wissen, dass Menschen in Heimen ohne die Gegenwart und den Trost einer vertrauten Person leben und sterben müssen, von der beklemmenden Ahnung , was in manchen Familien hinter verschlossenen Türen geschieht.

Gleichzeitig bin ich berührt – von dem Wundervollen,
den singende Italienern, den Musikern, die sich auf dem Balkon oder virtuell jeder für sich zum gemeinsamen Musizieren versammeln, von der Hilfsbereitschaft auch und gerade der jungen Leute, die in nahezu jeder Nachbarschaft entschlossen anpacken.
Von dem, was die Entschleunigung bei oftmals gehetzten Menschen wie uns im besten Fall auslösen könnte.

Komm, Muse, küss mich!
Küss mich und schenk mir mit deinem Kuss die Vorstellungskraft sogar – für einen glücklichen Ausgang.
Für kraftvolle Bilder von einem Danach.«


Andrea Willig
Hörfunkredakteurin und Autorin. Geboren in Bad Kreuznach, Studium der Literatur, Linguistik, Philosophie in Heidelberg. Sie teilte die Anliegen der Studentenbewegung, genoss die rebellische Zeit und träumte vom Schreiben. Vor einem Jahr erschien ihr erster Roman „Die Eule“ | ISBN 978-3-947670-02-4

Foto: © Luca Siermann













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