Starke Frauen. Starke Geschichten

Unser Festivalthemenschwerpunkt „Starke Frauen. Starke Literatur“ umspannt nicht nur 13 spannende Veranstaltungen, sondern findet für Sie, liebe Freundinnen und Freunde des Literaturherbst, auch im Digitalen statt: Wir präsentieren Ihnen hier über die Dauer unserer Festivalwochen hinaus – nämlich bis zum Weltfrauentag 2023 – nach und nach etliche beeindruckende starke Frauen in Interview-Porträts und Essays, darunter starke Autorinnen, Verlegerinnen, Übersetzerinnen, Buchhändlerinnen, Regisseurinnen, Kulturschaffende u.v.m. – aus acht Jahren Literaturherbst Heidelberg, aus der Metropolregion Rhein-Neckar und weltweit. Begeistern Sie sich mit uns für diese „Starke Frauen. Starke Geschichten“! Wir bedanken uns herzlich bei all diesen wunderbaren Frauen für ihre Bereitschaft, ihre Gedanken, Lebenswege, Werke, Projekte und Ideen mit uns zu teilen!

Entdecken Sie in unseren Festivalwochen und darüber hinaus – bis zum Weltfrauentag am 8. März 2023 –
spannende „Starke Frauen“ in Interview-Porträts und Videos,
lesen Sie Essays von und über „Starke Frauen“,
erhalten Sie noch weitere Lesetipps rund um „Starke Frauen. Starke Literatur“ von starken Buchhändlerinnen aus Heidelberg –

mit nur einem Klick auf eines der Vorschau-Bilder in unserer Galerie „Starker Frauen“!
Besuchen Sie uns recht bald wieder und entdecken Sie weitere wunderbare „Starke Frauen. Starke Geschichten“



Starke Frauen. Starke Autorinnen



Erleben Sie die Autorin Adriana de la Fuente beim 8. Literaturherbst Heidelberg.
Sie liest aus ihrem Roman „Die Flucht“ am 8. Oktober 2022, 18:00 Uhr, in der Stadtbücherei Heidelberg.


Adriana de la Fuente, Sie sind in Rosario, in Argentinien geboren, wuchsen in Cañada de Gómez in der argentinischen Provinz Santa Fe auf. 19 Jahre waren Sie alt, als das Militär 1976 die Regierung Perón stürzte. Sieben Jahre lang herrschte ein diktatorisches Regime, dem zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Bis heute dauert die Aufarbeitung der Verbrechen an. Ihnen gelang die Flucht. Wie präsent ist Ihnen jener 24. März heute noch?

Sehr präsent. An diesem Tag änderte sich unser Leben für immer. Die Tatsache, dass wir entkamen und dann anderswo ein „normales“ Leben führen konnten, macht unser Leid und das unserer Familien während dieser langen Jahre nicht ungeschehen. Aber abgesehen von der persönlichen Wunde gibt es eine kollektive Wunde. Ich kann nicht vergessen, dass ich zu einer Generation gehöre, die gefoltert, ermordet, zum Verschwinden gebracht wurde als Teil eines grausigen Plans. Viele Jahre sind vergangen, und doch habe ich immer noch oft eine „rückwirkende Angst“, Phantasien darüber, was passiert wäre, wenn der Zufall nicht zu unseren Gunsten gespielt hätte.

Manche Argentinier erhofften sich – angesichts der desolaten wirtschaftlichen Lage, der politischen Gewalt und auch des Terrors seitens Guerillatruppen und Paramilitärs – vom Militärputsch und der Absetzung Peróns bessere Zeiten. Sie ahnten nicht, dass die Militärjunta einen rigorosen Überwachungsstaat einführen und Journalisten, Studenten, Gewerkschafter und Intellektuelle verfolgen und in geheime Lager bringen würde. Wie war das bei Ihnen? Was bewog Sie zu Ihrer Flucht?

In der Tat wussten wir alle, dass „etwas“ passieren würde, und dieses „etwas“ war ein Staatsstreich. Was wir uns nicht vorstellen konnten, war das Ausmaß des Grauens, das sie organisiert hatten, um jeden zu beseitigen, der sich ihren Plänen widersetzten könnte. Persönlich haben wir auch nicht damit gerechnet, dass in den ersten Stunden des Tages des Militärputsches nach den Gewerkschaftlern und politischen Aktivisten der Fabriken, einschließlich meinem Mann, gesucht werden würde. Zuerst durchsuchten sie das Haus meiner Schwiegereltern, dann das Haus meiner Eltern, und als sie bei uns zu Hause ankamen, waren wir nicht mehr da. Sie nahmen meinen Schwiegervater in Gewahrsam und hielten ihn wochenlang illegal fest, wobei er ständig verhört wurde. Wir hielten uns einige Monate lang versteckt, bis uns klar wurde, dass der einzige Ausweg darin bestand, das Land zu verlassen.

Sehen Sie hier den Teaser zur Buchveröffentlichung.
„Die Flucht“ ist überall im Handel erhältlich und selbstverständlich auch über den Draupadi Verlag bestellbar.
Besuchen Sie die Facebook-Seite von „Die Flucht“

1977 – im Alter von 21 Jahren – ließen Sie sich in Deutschland nieder. Wie haben Sie die Ankunft als so junge Frau in einer doch fremden Kultur fernab der Heimat erlebt?

Deutschland war eine unerwartete Überraschung. Wir verließen Argentinien mit der Idee, in Venezuela, dem damals einzigen demokratischen und stabilen Land Südamerikas, politisches Asyl zu suchen. Aber der Plan scheiterte, und wir saßen erst in Brasilien und dann in Kolumbien fest und wussten nicht, was wir tun sollten. Der Zufall und das UNHCR brachten uns aus Kolumbien heraus, und wiederum der Zufall brachte uns nach Deutschland, als Spanien uns die Einreise verweigerte. Als wir ankamen, war unsere erste Reaktion Angst und Unsicherheit; wir wussten nicht, wovon wir leben würden, ohne die Sprache zu können. Deutschland hat uns sehr gut aufgenommen, wir bekamen politisches Asyl und damit Hilfe, um Sprachkurse zu machen, an der Universität zu studieren, wir bekamen eine Wohnung, legale Dokumente. Wir haben erreicht, wonach wir gesucht hatten: einen sicheren Ort, an dem wir in Frieden leben konnten. Aber es war nicht alles ein Märchen, die Flucht war ein traumatisches Erlebnis, das Exil eine harte Strafe, und die Anpassung an eine andere Kultur geschah nicht über Nacht. In den ersten Jahren in Deutschland bezahlte ich dafür mit Panikattacken, Magersucht, Krankheiten aller Art und einer Traurigkeit, die besonders an Weihnachten und bei Familienfesten, bei denen ich immer abwesend war, zunahm.

Was bedeutet „Heimat“ für Sie?

Für mich ist die Heimat nicht durch den Ort der Geburt bestimmt, sondern Heimat wird konstruiert. In diesem Sinne kann es jeder Ort sein, an dem man sich niederlässt und wohlfühlt, an dem man emotionale Bindungen eingeht (Freunde, Familie), an dem man wichtige Momente erlebt, an dem man willkommen ist und gut behandelt wird, an dem man ein würdiges und zufriedenes Leben führen kann. Heute fühle ich mich in Cañada de Gómez, in Heidelberg und in Madrid zu Hause. Drei Orte, wo ich Zuneigung empfinde, wo ich mich geliebt weiß, die für mich besonders wichtig sind. Und gleichzeitig fühle ich mich an jedem dieser Orte ein wenig fremd, das sind die Widersprüche eines etwas „nomadischen“ Lebens.

Heimat, Flucht, Entwurzelung, – all dies scheint seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 bis zum heutigen Krieg in der Ukraine, den veränderten Machtverhältnissen in Afghanistan oder den Krisen an etlichen anderen Schauplätzen gravierend an Aktualität gewonnen zu haben. Mit welchen Empfindungen blicken Sie auf das aktuelle Weltgeschehen?

Ich bin leider sehr pessimistisch, was die Flüchtlingskrise und ihre zukünftige Entwicklung angeht. Ich denke, das ist ein großes Problem, das sich noch verschärfen wird, sowohl aufgrund von Kriegen oder diktatorischen Regierungen als auch aufgrund von Umweltkatastrophen wie Dürren, Hungersnöten, Wirtschaftskrisen usw. Und die „Lösungen“, die die Zielländer gefunden haben, scheinen darin zu bestehen, Barrieren und Mauern zu errichten. Sie gehen sogar so weit, dass sie Drittländer dafür bezahlen, damit sie die Migrationsströme an ihren Grenzen aufhalten und sie nicht durchlassen. Wir sollten uns als Menschheit dafür kollektiv schämen. Das sind Menschen, die nur auf der Suche nach einem besseren Leben oder auf der Flucht vor dem Terror sind. Es mangelt aber an Einfühlungsvermögen und Gedächtnis.

Sie haben die politischen Ereignisse und Ihre eigenen Erlebnisse in Ihrem Roman „Die Flucht“ – spanisch: „La Huida“ – literarisch verarbeitet. Wie viel von Ihnen selbst ist in die Hauptfigur Elena eingeflossen?

99%. Sie hat einen anderen Namen und vielleicht ein paar andere körperliche Merkmale als ich, aber diese Elena war ich im Alter von 20 Jahren. Während der Vorbereitung des Romans las ich die Briefe, die ich während dieser Reise an meine Mutter geschrieben hatte (es waren nur wenige, 9 oder 10), und ich fand mich dort wieder. Und ich glaube, es ist mir gelungen, aus diesem Alter und diesem Moment heraus zu schreiben, ohne die Einmischung meines gegenwärtigen Ichs, als ältere Frau, als eine Frau, die viel mehr gelebt hat. Das machte das Schreiben sehr herausfordernd.

Jede „Flucht“ ist immer auch eine Suche. Was sucht das frisch verheiratete Paar Elena und Fran?

Ich denke, das Wichtigste ist nicht so sehr, was sie suchen, sondern was sie hinter sich lassen wollen: den Terror. Auf jeden Fall kann man sagen, dass das ideale Ziel ein sicherer Ort war, an dem man ohne Angst leben konnte, was zu jener Zeit in Südamerika nur schwer zu finden war. Diese Suche und die Entwicklung von Elena und Fran auf dieser Reise voller Schwierigkeiten ist die Geschichte, die im Roman erzählt wird.

Wie weit bzw. nah hat Sie das Schreiben des Romans – über 40 Jahre nach Ihrer eigenen Flucht – zurückgeführt? Was haben Sie die Arbeit an Ihrem Roman erlebt?

Das Schreiben des Romans war ein langer, vielseitiger Prozess. Einerseits war es sehr traurig, sehr hart, ich habe viel geweint, als ich es geschrieben habe, besonders beim ersten Teil, dem Teil über Argentinien. Andererseits war es sehr befreiend, ich konnte mich in der Lage meiner Eltern und Schwiegereltern hineinversetzen, ihr Leid nachempfinden, aber gleichzeitig Schuldgefühle ablegen. Ich konnte lose Enden verknüpfen, Konflikte entdecken, die ich aufgrund meines Alters damals nicht gesehen oder nicht berücksichtigt hatte. Es war auch für uns als Paar bereichernd, zu diesem Teil unserer Geschichte zurückzukehren, über Dinge zu sprechen, die wir verschwiegen hatten, Erinnerungen auszutauschen, die oft sehr unterschiedlich waren.

In Deutschland haben Sie Germanistik und Romanistik studiert und unterrichteten im Anschluss an der Universität Heidelberg wie auch an verschiedenen Sprachinstituten. Ihren Roman haben Sie auf Spanisch geschrieben. Er wurde von Maria Hoffmann-Dartevelle ins Deutsche übersetzt. Was bedeuten Sprachen für Sie, was verbinden Sie mit der spanischen, was mit der deutschen Sprache?

Deutsch zu lernen war zunächst ein Grundbedürfnis, das schließlich zu meinem Studienfach wurde. Ich mag die Sprache, und ich glaube, ich kann sie sehr gut sprechen, lesen und schreiben aber, egal wie gut ich sie beherrsche, Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Spanisch ist für mich eng mit Gefühlen verbunden, Wörter haben eine affektive Konnotation, die ich im Deutschen vermisse. Ich fühle mich „aufrichtiger“, wenn ich Spanisch verwende, um Gefühle auszudrücken. (Deswegen fluche ich immer auf Spanisch.) Aus diesem Grund ist Spanisch die einzige Sprache, die für mich beim Schreiben von Geschichten in Frage kommt. Denn das, was erzählt wird, entsteht immer aus einer Emotion heraus. Die Sprache muss versuchen, sie bestmöglich auszudrücken. Was die Übersetzung anbelangt, finde ich, dass Maria Hoffmann-Dartevelle eine wunderbare Arbeit geleistet hat, und wenn ich die Meinungen der deutschen Leser berücksichtige, denke ich, dass es ihr gelungen ist, die Emotionen im Deutschen ebenso gut zu vermitteln wie im spanischen Original.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto: Adriana de la Fuente © Draupadi Verlag


Starke Frauen. Starke Verlegerinnen




Frau Michael, seitens eines Literaturfestivals mit Ihnen zusammenzuarbeiten, bedeutet nicht nur, spannende literarische Entdeckungen zu machen, sondern auch eine leidenschaftlich engagierte, stets ansprechbare Verlegerin kennenzulernen. Geschäftsführung, Programmleitung Belletristik, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Was trägt Sie durch Ihren zweifellos intensiven Arbeitsalltag, und wie sieht dieser aus?

Durch meinen Arbeitsalltag trägt mich meine Begeisterung für unsere Autor*innen und ihre Bücher. Viele davon sind jung oder in Deutschland unbekannt. Ich möchte Ihre Stimmen hörbar machen, etwas für sie erreichen, ihre Werke bekannt machen. Das ist mein Antrieb aber auch meine große Freude. Meine Tage sind intensiv. Sie beginnen meistens ganz früh zu Hause am Computer, wo ich entweder das erledige, was ich am Tag vorher nicht geschafft habe oder Angelegenheiten, die ich auf keinen Fall vergessen will. Denn wenn ich in den Verlag komme, stürzen die Dinge auf mich ein und kein Tag verläuft so, wie ich ihn ursprünglich geplant hatte. Meist sind die Tage länger als geplant, oft lese ich abends noch Manuskripte oder Fahnen. Aber es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich mich nicht über einen kleinen Erfolg freuen kann. Und Erfolg heißt für mich: etwas, was ich für unsere Autor*innen erreichen konnte. Das führt mir immer wieder vor Augen, dass das, was ich tue, sinnvoll ist. Und das ist ein schönes Gefühl.

Fünf Jahre erst besteht der unabhängige Orlanda-Verlag und hat bereits jetzt eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte: Sie wurden mehrfach mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet, mit Florence Brokowski-Shekete stand Orlanda auf der Bestseller-Liste, und als der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Tsitsi Dangarembga verliehen wurde, war das einzige Buch, das von ihr in deutscher Übersetzung zu kaufen war, in Ihrem Verlag erhältlich. Was ist der Schlüssel Ihres verlegerischen Erfolges?

Ich denke, wir bei Orlanda, das bin ja nicht nur ich alleine, haben ein gutes verlegerisches Gespür, das nicht darauf ausgelegt ist, monetäre Erfolge zu erzielen, sondern Themen aufzuspüren, die die Welt ein bisschen besser und gerechter machen. Wir haben Tsitsi Dangarembga in unser Programm aufgenommen, als sie noch weitgehend unbekannt war in Deutschland, ja über 20 Jahre aus der deutschen Literaturlandschaft verschwunden war. Wir waren gerade an der Produktion ihres zweiten Romans, als ihr der Friedenspreis verliehen wurde. Diese Woche erscheint nun der dritte Roman der Trilogie. Das sind für einen kleinen Verlag wie unseren, echte finanzielle Hürden. Da hilft so ein Verlagspreis enorm, denn er bedeutet vor allem finanzielle Unterstützung für uns als Verlag.
Wir versuchen Geschichten zu finden, die dem, was in den Nachrichten oft hinter einer plakativen Headline verschwindet, tiefergehende Bedeutung und eine reale Entsprechung zu geben. Wir wollen Realitäten aufzeigen, die hier oft unbekannt und ungesehen sind, Menschen Gesichter geben, die sonst hinter Zahlen verborgen bleiben: Wie ist es auf der Flucht zu sein, was zwingt Menschen oder treibt sie an, ihre Heimat zu verlassen, was bedeutet es neu anzufangen oder was erleben Menschen auf ihren Fluchtrouten und dann im Ankunftsland? Was fühlen Frauen, wenn sie zwangsverheiratet werden, was erleben Migrant*innen, wenn sie nach Deutschland kommen oder was erleben Schwarze Menschen täglich, auch wenn sie hier geboren sind? Das sind die Themen, die uns interessieren.

»Frauen, Weltkultur, Bewegung« ist die Orlanda-Programmbeschreibung, „Bewegung“, so die Verlagsdevise, „schafft Zukunft“. Welche Bewegung brauchen wir in der gegenwärtigen Welt? Weshalb „Frauen“ und „Weltkultur“?

Wenn wir uns den Aufgaben stellen wollen, die die notwendige Transformation der Welt und unserer Gesellschaft möglich macht, brauchen wir vor allem auch Bewegung in unseren Köpfen, in unseren Ansichten, in unseren Haltungen. Die Welt verändert sich rasant. Wir müssen uns für die Zukunft neu aufstellen. Alte Muster müssen aufgebrochen werden. Geschichte muss neu bewertet und geschrieben werden. Kunst muss sich neu sortieren.
Unsere Gesellschaft ist divers und vielfältig. Diese Realität muss in unserem Bewusstsein ankommen. Es gibt Ungerechtigkeiten, die erkannt und ausgeräumt werden müssen. Es muss Solidarität geben, damit die Welt gerechter wird. Ausbeutung muss beendet werden, Wohlstand gerechter verteilt werden. Es muss Wertschätzung und Respekt für alle Menschen geben und nicht mit unterschiedlichen Maßen gemessen werden.

Wer sich für diese Themen stark oder Tabus sichtbar macht, ist gerade in der heutigen Zeit oftmals Anfeindungen ausgesetzt. Erleben Sie das auch in Ihrem Verlag?

Wir wollen Themen Raum geben, die nicht unbedingt im Hauptfokus des öffentlichen Interesses stehen. Und das mit einem sehr gezielt kuratiertem Programm. Und wir wollen gezielt Autor*innen eine Stimme geben, die hierzu etwas beitragen können.
Ich muss sagen, dass die Zustimmung und die Wertschätzung für unser Programm bei weitem die Kritik überwiegt. Ich höre aber immer wieder von unseren Autor*innen, dass es vor allem über Social Media unschöne Attacken und Anfeindungen gibt. Oft auch als Reaktion auf Interviews oder Medienauftritte. Das ist absolut inakzeptabel und muss aufhören.

Nun gibt es auch ein Kinderbuchprogramm im Orlanda Verlag. Kinder-Bücher über Flucht und Ankommen. Welche Wünsche verbinden Sie damit?

Ich wünsche mir, dass diese Bücher Verständnis für die Lage von Kindern schaffen und zeigen, was sie erleben, wenn sie neu anfangen müssen: die Belastung der Familien, das Umgehen mit den Traumata aus der Heimat, wie schwierig ein Start ist, wenn die Sprache – und oft ja auch die Schrift – nicht bekannt ist. Es ist unser Ziel, dass diese Bücher vor allem auch in die Kitas und Schulen kommen und neuangekommenen Kindern zeigen, dass sie in den Büchern im neuen Land und in unserer Gesellschaft vorkommen, dass sie die Protagonist*innen sind. Und dass die anderen Kinder verstehen, was sie erlebt haben und ein Diskurs darüber entsteht. Ich bin davon überzeugt, wenn wir dieses gegenseitige Verständnis von klein auf erreichen und implementieren, wird auch die Gesellschaft in Zukunft eine bessere und eine offenere sein.

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs erhalten Bücher über Flucht und Ankommen umso mehr Aktualität. Haben Sie, die Sie den Blick auf etliche Krisenregionen in der Welt offenhalten, den Eindruck, dass Kriegs- und Gewaltschauplätze fern von Europa – etwa in Syrien, der Sahelzone oder in Afghanistan – zu wenig in unserem Bewusstsein sind?

Das ist leider eine traurige Erkenntnis in diesem Jahr. Ich selbst war 2015/16 in der Flüchtlingsarbeit in Berlin ehrenamtlich tätig und habe mich vor allem um unbegleitete minderjährige Geflüchtete gekümmert, war Vormünderin von zwei Jugendlichen. Wenn man die Unterschiede in der Behandlung betrachtet, ist das bitter. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Alle Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, verdienen unsere Hilfe und Unterstützung, aber bei genauer Betrachtung der Lage kommt es mir schon so vor, als ob weiße Menschen anders und besser behandelt werden als die, die von weiter weg kommen. Wer spricht heute noch in den Medien über die Geflüchteten, die jeden Tag im Mittelmeer ertrinken? Wer kümmert sich noch um die Mädchen und Frauen in Afghanistan und all die Ortskräfte, die mit dem Tod bedroht sind? Wen interessiert, dass in den Subsahara Staaten die größte Hungersnot der letzten Jahrzehnte droht oder wenn Mädchen in Kamerun von Boko Haram entführt werden? Das ist weit weg. Wir lassen es nicht an uns heran.
Das ist sehr traurig und beschämend und für uns eine Motivation, mit unserem Programm genauso weiterzumachen wie bisher. Wir möchten Erkenntnis, Verständnis und Solidarität erwirken mit unseren Büchern. Wer versteht kann besser einordnen und wird im besten Fall auch motivierter sein zu helfen und sich einzusetzen.

Hat Literatur tatsächlich die Macht, Einstellungen, ja vielleicht auch eine ganze Gesellschaft zu verändern?

Ja, Literatur hat diese Macht – im Idealfall. Nehmen Sie Djaïli Amadou Amal und ihren Roman »Die ungeduldigen Frauen«, die Geschichte dreier Frauen, die im Norden Kameruns als Fulben leben. Ihre Schicksale sind miteinander verwoben – durch Zwangsheirat, Polygamie und häusliche Gewalt. Sie hat den Roman, der auf eigenen Erfahrungen und denen in ihrem persönlichen Umfeld basiert, geschrieben, um ihre beiden Töchter vor diesem Schicksal zu bewahren. Sie begann mit dem Schreiben, weil sie wusste, wenn sie Autorin und somit eine öffentliche Person ist, würde niemand mehr wagen, gegen ihren Willen zu handeln. Und sie hat es geschafft. Ihre beiden Töchter studieren heute und werden sich ihre Ehemänner selbst aussuchen.
Ihr Roman wurde inzwischen in weit über 20 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Und am wichtigsten: Er ist heute Pflichtlektüre in den weiterführenden Schulen Kameruns. Die Männer in Kamerun wissen inzwischen, wie Frauen sich fühlen, wenn sie zwangsverheiratet werden, was sie erleiden. Und das führt dazu, dass diese Tradition hinterfragt und langsam abgeschafft wird. Für mich ist das der Beweis: Literatur hat die Kraft die Welt zu verändern!

Sie verlegen Bücher von bzw. über wahrlich starke Frauen. Was bewirken die Begegnungen mit den Autorinnen und ihren biografischen wie fiktiven Geschichten bei Ihnen selbst?

Ich empfinde diese Begegnungen als absolute Bereicherung. Ich tausche mich aus, höre zu und lerne ständig dazu. Diese Begegnungen erweitern meinen Horizont und führen mir sehr oft vor Augen, wie wenig wir über andere Länder wissen und wie privilegiert wir hier leben, aber auch wie schlecht zum Teil der Zustand in unserer eigenen Gesellschaft ist u.a. im Hinblick auf Rassismus und Diskriminierung. Diese Innensichten sind nach meinem Dafürhalten sehr wichtig, damit die Welt gerechter und solidarischer werden kann.

Frau Michael, wer die Erfolgsgeschichte des Orlanda-Verlages kennt, wer Sie in Ihrer Arbeit erlebt, der kommt nicht umhin festzustellen, dass Sie eine starke Frau sind. Wie blicken Sie selbst auf sich?

Ich denke nicht in solchen Kategorien über mich nach. Ich mache eine sinnvolle Arbeit und versuche sie so gut wie möglich zu machen – und damit einen kleinen Beitrag zu leisten.

Welche Visionen haben Sie und Ihr Team für die Zukunft des Orlanda-Verlages?

Meine Vision für den Orlanda Verlag ist, weiter Bücher zu machen, die am Puls der Zeit sind und unseren Horizont erweitern. Wie der Literaturempfehler Thomas Böhm neulich gesagt hat, „ein gutes Buch bietet eine Möglichkeit, etwas über die Welt zu erfahren und etwas zu verstehen, was ich vorher nicht wusste“. Solche Bücher wollen wir verlegen. Der Verlag soll perspektivisch noch diverser und generationsübergreifender aufgestellt werden, so dass die Arbeit weitergehen kann, auch wenn ich mal nicht mehr arbeite.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto: Annette Michael © Orlanda Verlag


Starke Frauen. Starke Buchhändlerinnen




Die Bücherstube an der Tiefburg besteht bereits seit 1982 und ist (nicht nur) aus Heidelbergs Stadtteil Handschuhsheim nicht mehr wegzudenken. Ein Eldorado für Bücher-Freunde und nicht zuletzt ein Player innerhalb unserer Literaturstadt. Frau Emmert-Neumann, weshalb sind Sie Buchhändlerin geworden?

Ich bin mehr oder weniger in der Buchhandlung meiner Tante groß geworden. Ich durfte in den Schulferien „mithelfen“. Gelesen habe ich schon immer gerne, aber mich hat auch schon immer die Seite des Einkaufs und der Auswahl der Bücher interessiert. Während meines Studiums habe ich weiterhin in der Buchhandlung gejobbt und dann auch gemerkt, dass dies doch eher mein Weg ist. Ich habe mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dies bis zu meiner Rente zu tun. Und das konnte ich mir sehr gut vorstellen.

Kommen Sie neben den vielen beruflichen Anforderung auch noch privat zum Lesen?

Ich glaube, dass es „privates Lesen“ für Buchhändler*Innen kaum gibt. Ich habe immer im Hinterkopf: Soll ich dieses Buch für die Buchhandlung einkaufen? Kann ich es empfehlen? Wem könnte ich es empfehlen? Oft bestimmen äußere Gegebenheiten meine Leseverhalten: Vertretertermine, Einkauf für Früh- oder Spätjahr, Buchpreise etc. Aber das macht auch die Abwechslung aus. Ich wurde so schon oft auf Titel aufmerksam, die ich sonst nicht in die Hand genommen hätte.
Im Urlaub lese ich dann auch mal Titel, die nichts mit der Buchhandlung zu tun haben oder ich lese „alte“ Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte.

Im vergangenen Jahr haben Sie und Ihr Team anlässlich des Literaturherbst-Festivalthemenschwerpunkts „Vielfalt Liebe. Vielfalt Literatur“ einen wahrlich vielfältigen, emphatischen Büchertisch gestaltet. Auch zum Pride-Month gibt es besondere Literaturempfehlungen. Das bieten nicht viele Buchhandlungen. Welche Rolle spielen Vielfalt und Diversität in der „Bücherstube“?

Vielfalt und Diversität spielen bei uns eine große Rolle. Es gibt so viel großartige Literatur zu diesen Themen. Es ist uns ein Anliegen, diese sichtbar zu machen.
Wir sind eine kleine Buchhandlung, haben aber gerade dadurch die Möglichkeit, unser Programm, unsere Auswahl selbst zu gestalten. Wir wollen keine Mainstream-Literatur anbieten, die es mittlerweile sogar in Supermärkten gibt.
Wir wollen Literatur anbieten, die für Werte steht, die wir auch alle selbst vertreten können, hinter denen wir stehen. Das ist auch unsere Philosophie und so wählen wir auch unsere Mitarbeiter*Innen aus.

Welche Ideen und Wünsche leiten Sie generell bei der Auswahl Ihres Büchersortiments?

Einerseits kaufe ich, wie wahrscheinlich jede Buchhändlerin, die Titel ein, von denen ich weiß, dass sie sich verkaufen werden. Zum Beispiel, wenn es von Donna Leon etwas Neues gibt, weiß ich, dass es dafür Abnehmer*Innen geben wird. Diese Titel verkaufen sich von allein.
Dann gibt es aber noch die Titel, die mich beim Lesen überrascht und gefesselt haben, von denen noch niemand etwas gehört hat. Diese Titel bedürfen dann der Beratung, man muss den Kund*Innen davon erzählen. Und das bereitet uns allen große Freude. Manchmal denkt man beim Einkauf schon an eine bestimmte Kundin oder einen Kunden.

Die „Bücherstube“ initiiert und organisiert auch immer wieder Veranstaltungen, etwa das Handschuhsheimer Krimi-Festival, in diesem Jahr werden u.a. Ulrich Wickert, Heinrich Steinfest und Ingrid Noll zu Gast sein. Neben den vielen Alltagsaufgaben sind die Organisation und Ausrichtung von Veranstaltungen zweifellos arbeits- und zeitintensiv. Was motiviert Sie?

Ich habe ein großartiges Team um mich herum, das mich immer unterstützt und mir den Rücken freihält, wenn es mal wieder etwas mehr wird. Da wir auch schon so lange keine eigene Veranstaltung mehr durchführen konnten, lechzen wir geradezu danach, wieder mal mit unseren Kund*innen feiern zu können. Wenn dann alles gut geklappt hat, alle einen schönen Abend hatten und wir viele positive Rückmeldungen bekommen, ist aller Stress auch schon vergessen.

Frau Emmert-Neumann, sie selbst engagieren sich vielfach und sind beispielsweise auch im künstlerischen Beirat der „Heidelberger Literaturtage“. Woher nehmen Sie die Kraft, was trägt Sie?

Ich habe Freude daran, an etwas Großem mitwirken zu können und eben diese Werte, wie Diversität und Vielfalt, dort miteinbringen zu können. Es macht Spaß, mit Gleichgesinnten etwas zu gestalten. Aus vielen Jahren privater ehrenamtlicher Tätigkeit habe ich so viel mitgenommen und konnte meinen Horizont auf vielfältige Weise erweitern, dass ich sagen muss, dass sich jeglicher Aufwand immer gelohnt hat. Das werden viele unterschreiben können, die sich in irgendeiner Form engagieren: Man bekommt so viel zurück.

Immer wieder hört man mit Blick auf Digitalität und Online-Shopping Sätze wie „Den klassischen Buchhandel wird es auf Dauer so nicht mehr geben“, er müsse sich neu erfinden. Wie begegnen Sie den Veränderungen auf dem Buchmarkt bzw. dem veränderten Kaufverhalten? Warum lohnt der Weg in eine Buchhandlung weiterhin?

Natürlich hat sich unser aller Kaufverhalten mit wachsender Digitalisierung verändert. Auch der Buchhandel muss sich mitverändern, um mithalten zu können. Es bringt uns aber nicht weiter, dies zu verteufeln. Wir müssen uns diesen Herausforderungen stellen.
Wir versuchen, neben dem klassischen stationären Buchhandel, den Verlust an die Versandhandel zu minimieren, indem wir einen Online-Shop anbieten. So können unsere Kund*Innen auch am Wochenende, unsere Buchhandlung „besuchen“. Im Shop sieht man, was bestellbar ist bzw. was wir vorrätig haben. Mit „genialokal“ haben wir da einen hervorragenden Partner an unserer Seite, der dies für uns umsetzt und bewirbt. Wir verkaufen auch e-Reader und ebooks.
Ich habe aber auch das Gefühl, dass die Menschen wieder bewusster an dem Ort einkaufen, an dem sie leben. Sie legen einerseits wert auf die Beratung, die sie bei uns bekommen, andererseits wünschen Sie sich, dass der Einzelhandel am Ort erhalten bleibt.

Laut einer Studie der Universität Rostock aus dem Jahr 2018 werden Bücher von Frauen weniger verlegt und seltener rezensiert als von Männern: Nur ein Drittel der in Feuilletons besprochenen Werke waren von Schriftstellerinnen, der Autorinnenanteil bei renommierten Verlagen wie S. Fischer betrug nur 27 Prozent. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck? Wie steht es um die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Frauen in der Bücherwelt?

Das deckt sich absolut mit meinem Eindruck. Wenn ich mir die Vorschauen für den Herbst und Winter anschaue, sind dort weniger als die Hälfte Neuerscheinungen von Autorinnen abgedruckt. Es ist aber keinesfalls so, dass Frauen weniger schreiben würden. Sie sind einfach nicht so sichtbar bzw. werden nicht so sichtbar gemacht.
Es ist wohl wie in vielen Berufen, dass Frauen härter darum kämpfen müssen, gesehen, gelesen oder bei Verlagen angenommen zu werden.
Ich freue mich immer sehr, über tolle weibliche Neuerscheinungen und wir versuchen, dies auch entsprechend zu pushen und zu bewerben.
Aber auch hier ist die Gleichberechtigung lange noch nicht erreicht.

Als Buchhändlerin kennen Sie die Bücherwelt wie kein anderer. Welche TOP 10 von Büchern von oder über „Starke Frauen“ würden Sie spontan empfehlen?

  • Mareike Fallwickl „Die Wut, die bleibt“
  • Florence Given „Frauen schulden dir gar nichts“
  • Margarete Stokowski „Untenrum frei“
  • Caroline Criado-Perez „Unsichtbare Frauen“
  • Florence Brokowski-Shekete „Mist, die versteht mich ja“
  • Virginia Woolf „Ein Zimmer für sich allein“
  • Ronya Othmann „Die Sommer“
  • Virginie Despentes „King Kong Theorie“
  • Yael Inokai „Ein simpler Eingriff“
  • Rumena Buzarovska „Mein Mann“

Und welche Frauen haben Sie angesichts ihrer Texte und ihrer Lebensgeschichte ganz persönlich beeindruckt, vielleicht gar inspiriert?

Seit ich sechszehn war, bin ich ein großer Jane Austen Fan. Sie war unverheiratet und schrieb Romane; schon das ein gewaltiger Konventionsbruch in ihrer Zeit. Aber mehr als das hat mich ihre Art zu schreiben beeindruckt. Sie hat einen wunderbaren, feinen Sinn für Humor und einen geistreichen Stil.
Ich bewundere aber auch schon lange und immer wieder aufs Neue Sylvia Plath und Virgina Woolf.
Als noch lebende Autorin muss ich hier unbedingt noch Virginie Despentes nennen. Ich bewundere ihre Stärke und Kraft. Auch ihre Bücher sind so kraftvoll und direkt. „King Kong Theorie“ hat wirklich viel in mir angeregt und dieses Buch ist mit ein Grund, warum ich begann, mich mit feministischer Literatur bewusst auseinanderzusetzen.


Nina Emmert-Neumann, Jahrgang 1980, lebt mit einigen, kleineren Unterbrechungen schon immer im schönen Waghäusel. Dort ist sie verwurzelt und auch im Vereinsleben engagiert. Sie ist kommunalpolitisch aktiv und engagiert sich bei der Geflüchtetenhilfe, bei der Arbeiterwohlfahrt und im Heimatverein. Im Buchhandel arbeitet sie seit 2006, berufsbegleitend hat sie noch einen Abschluss zur Wirtschaftsfachwirtin gemacht. Seit 2017 arbeitet sie in der Bücherstube an der Tiefburg.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto: Nina Emmert-Neumann © Leo Kandlin


Starke Frauen. Starke Autorinnen



Erleben Sie Marion Tauschwitz beim 8. Literaturherbst Heidelberg
bei unserem Festivalthemenschwerpunkt-Podiumsgespräch „Starke Frauen. Starke Literatur“
am 8. Oktober 2022, 18:30 Uhr, im TIKK, Karlstorbahnhof
und am 7. Oktober 2022, 19:00 Uhr, in der GEDOK-Galerie als Moderatorin
der Lesung von Tina Stroheker „Hana oder Das böhmische Geschenk“


Frau Tauschwitz, neben Ihren eigenen schriftstellerischen Arbeiten haben Sie die Standard-Biografien gleich von zwei starken Frauen und Literatinnen geschrieben: Hilde Domin und Selma Merbaum. Mit Hilde Domin verband Sie bis zu ihrem Tod eine jahrelange Freundschaft. Wie kam es zu dieser Freundschaft und inwiefern hat Sie diese – als Mensch, als Frau und auch als Literatin – geprägt?

Basis unserer Freundschaft – ist – natürlich – die Liebe zur Lyrik gewesen. Die führte mich zu Domins Lesungen – die Freundschaft entsprang dann im wörtlichen Sinne aus einem Augen-Blick. Ich stand im Mai 2001 nach einer Lesung Hilde Domins in der Schlange der Wartenden, um mir eines ihrer Bücher signieren zu lassen. Bevor sie zum Schreiben ansetzte – sah sie hoch zu mir. Lebendige, funkelnde Augen musterten mich. Dann lächelte sie: „Ach, reizend. Wollen Sie nicht mit zum Essen kommen?“ Dieser Augenblick, diese Einladung. waren der coup de foudre, der alles entzündete. Denn natürlich ging ich mit. Unsere Freundschaft war geboren.

Ist es möglich, in wenigen Worten zu beschreiben, was Hilde Domin zu einer starken Frau macht?

Hilde Domin schöpfte ihre Kraft aus dem Urvertrauen, das ihr das Elternhaus mit auf den Weg ins Leben gegeben hatte. Unbeirrbarer Lebenswille, gepaart mit wachem Geist und Intelligenz. Daraus entsprang ihr Selbstbewusstsein. Schon Hilde Domins Mutter war eine starke Frau gewesen und hatte diese Urkraft an ihre Tochter weitergegeben. Hatte sie darin bestärkt, ihren Individualismus auszuleben. Hilde Domin war sich ihrer Stärke sehr wohl bewusst und hatte früh Verantwortung übernommen. Schon zu Schulzeiten war sie Schulsprecherin im Merlo-Mevissen-Gymnasium in Köln. Ein liberales Lyzeum, das die Rechte der Frauen stärkte und Hilde Löwenstein 1928 als Vertreterin des Lyzeums zum Deutschen Frauentag in Köln entsandte. Dass schon die junge Frau Kraft für zwei Menschen mobilisieren konnte, war ihrem späteren Mann Erwin Walter Palm schnell klar geworden. Domin wurde seine achtarmige Göttin, war das Bodenpersonal für seine geistigen Höhenflüge. Sie sorgte für Wunder, Wohnung und Unterhalt. Sie drängte rechtzeitig zur Flucht. Sie fotografierte, tippte, formulierte für ihn. Und bei alledem – und das kennzeichnet Hilde Domin als starke Frau -, ließ sie sich den eigenen Weg zur Selbstverwirklichung nicht verbauen. Sie fuhr zweigleisig, bediente Erwin und kämpfte unverdrossen dafür, so sein zu dürfen, wie sie war.

Es war Hilde Domin, die für die Entdeckung der 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka verstorbenen jüdischen Lyrikerin Selma Merbaum sorgte, indem sie den Stern-Reporter und Exil-Forscher Jürgen Serke 1980 auf deren Gedichte aufmerksam machte. Sie, Frau Tauschwitz, haben 2014 die entscheidende Biografie über Selma Merbaum samt einer Neu-Ausgabe ihrer Gedichte vorgelegt. Wie haben Sie sich ihr angenähert und wohin führten Sie Ihre Recherchen?

Wie immer war auch hier die Grundlage für mein Thema – Menschenzärtlichkeit. Mich rührt der Mensch. Das Mädchen. Die starke Frau. Wenn ich dann beginne, mich mit dem Menschen und seinem Werk vertraut zu machen, bedeutet das: lesen, lesen, lesen. Bis die Gedichte zu sprechen beginnen, ihr Eigenleben preisgeben. Dazu ist der Kontext, in dem das Werk verfasst worden ist, – wie man heute weiß – unerlässlich. Also bilde ich die Geschichte ab, doch immer steht der Mensch in seiner Lebenssituation im Mittelpunkt. So wird Geschichte erfahrbar. Ich spüre Emotionen nach, indem ich historische Protokolle, Briefe, Aufzeichnungen lese und auswerte. Und entdecke dabei möglicherweise neue Ansätze. So konnte ich in meiner Selma Biografie darstellen – und das überzeugte Iris Berben, die dann das Vorwort zur Biografie schrieb, – dass Selmas Worte nicht mehr hauptsächlich als Ausdruck einer unerfüllten Liebe zu werten sind. Hinter anfangs verspielter Zärtlichkeit manifestiert sich bald die Destruktivität der immer grauenvoller werdenden täglichen Ereignisse. Die Geschichte der Zeit, in der Selma lebte, spiegelt sich in ihrer Lyrik wider. Selmas Gedichte sind kunstvoll verwobene Metaphern für ihre Trauer, ihre Angst, ihren Schrecken, auch ihre Hoffnung auf eine bessere, friedlichere Zeit. Selma kann jetzt als politisch hellwache, selbstbewusste Frau gesehen werden – die sich bis zuletzt die Hoffnung auf ein glückliches Leben nicht nehmen ließ.

Das Schicksal dieser in Czernowitz, in der heutigen Westukraine, geborenen Lyrikern ist zutiefst bewegend. Als Biografin werden Sie während Ihrer Arbeit gewissermaßen Teil dieser Lebensgeschichte, erleben eine Nähe, die zweifellos tiefgreift. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe vorhin schon Menschenzärtlichkeit als Grundgefühl meiner Beschäftigung mit meinen Protagonistinnen erwähnt. Das bedeutet, dass ich diesen Menschen nahekommen will. Nahekommen muss. Ich will wissen, wie sie lachen und weinen und leiden – und das bedeutet, natürlich, dass sich bestimmte Szenen in mein Gedächtnis gebrannt haben, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Indem ich diese tiefe Empathie spüre, kann ich sie auch bei meinen Leserinnen und Lesern provozieren. Und ja – meine Biografien bilden nicht nur sachlich ab – sie beziehen Stellung. Sie solidarisieren sich mit den Menschen, deren Schicksal ich abbilde.

Mit Hilde Domin und Selma Merbaum, aber auch als Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland sind Sie vielfach Lebensgeschichten begegnet, die von Flucht, Exil, Vertreibung oder Gewalt geprägt sind. Wie blicken Sie als Mensch, als Frau und auch als Literatin auf unsere gegenwärtige Welt, auf den Krieg in der Ukraine, auf Syrien, Afghanistan oder den Iran: – auf die gegenwärtigen Krisen und gesellschaftlichen Entwicklungen?

Als Schriftstellerin, die sich mit Leid und Verfolgung auseinandersetzt, bin ich hellhörig geworden und habe gelernt, weit zu blicken. Doch gerade die Aufzählung in Ihrer Frage macht deutlich, dass das Leid der Welt nicht auf die eigenen Schultern geladen werden kann, nicht vom Einzelnen bewältigt werden kann. Ich kann Leid in meinem kleinen Umfeld mildern, indem ich mich dem einzelnen Menschen zuwende: eine geflüchtete Eritreerin seit mehr als dreißig Jahren durch ihr Leben begleite. Einem syrischen Flüchtling Heimatgefühl zu vermitteln versuche, ihm Deutsch beibringe. Durch unsere Arbeit im PEN-Zentrum Deutschland sind wir nah an den Schicksalen von verfolgten, inhaftierten und gefolterten Kolleginnen und Kollegen. Wir machen durch gemeinsame Lesungen aufmerksam auf Menschen, die diktatorische Machthaber zum Verstummen bringen wollen. Wir veröffentlichen Romane, lesen sie öffentlich vor und entreißen Schreibende der Verniemandung. Und immer wieder machen wir mit unserem Wort deutlich, dass die Freude am Wort auch in bitteren Zeiten legitim ist und das Recht hat, laut zu werden.

Glauben Sie, dass Literatur und das solidarische Miteinander Kulturschaffender Einfluss nehmen, die Welt gar zum Besseren wenden können?

Ich wünsche und hoffe das mehr, als dass ich das glaube. Aber vielleicht wage ich doch ein „Ja“: Literatur kann heilend wirken. Einmal für die Autorin oder den Autor, für die die Kreativität ein Mittel der Befreiung ist: Schreiben und das Unsagbare benennen. Dem Nicht-Fassbaren eine sichtbare Form geben. „Furchtlos mit der kleinen Stimme das Verschlingende beim Namen nennen“, hatte Hilde Domin diesen Prozess formuliert. Und ein andermal für Leserinnen und Leser, die die Worte aufnehmen, sich bewegen lassen, weil sie erkennen, dass sich Worte auf den Weg gemacht haben, um gelesen, um verbreitet zu werden.

Sie sind überdies Vorsitzende der GEDOK Heidelberg. Die GEDOK – eine Gemeinschaft von Künstlerinnen und Kunstfördernden – wurde vor über 100 Jahren von Ida Dehmel gegründet, um Chancengleichheit und Sichtbarkeit von künstlerisch tätigen Frauen herzustellen. Wie aktuell ist dieser Gedanke?

Ida Dehmel, die jüdische Mäzenin, gründete die GEDOK 1926 in Hamburg: Erstmalig, einmalig organisierten sich Künstlerinnen aller Sparten in dieser Gemeinschaft. In der gesamten Republik entstanden dann Zusammenschlüsse nach dem Hamburger Modell. Sie kämpften in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht nur für Sichtbarkeit und Chancengleichheit, sondern ums schiere Überleben: Mit Hauskonzerten wurden Mieten beglichen, durch Bilderverkäufe notleidende Künstlerinnen unterstützt. Freie Mittagstische organisiert. Die nationalsozialistische Herrschaft läutete den Tod der GEDOK ein: Ida Dehmel wurde aus dem Amt geprügelt. Ihre Deportation konnte 1940 noch verhindert werden, doch hielt die Frauenrechtlerin der zunehmenden Bedrohung nicht mehr stand und beging 1942 Suizid.
Der Gedanke des Nicht-Gesehen-Werdens, des Übersehen-Werdens von Künstlerinnen aller Sparten ist auch heute aktuell. So ergab die Pilotstudie „Frauenzählen“, dass männliche Autoren häufiger und ausführlicher besprochen werden. Zwei Drittel der besprochenen Bücher sind von Männern verfasst worden. Dieses Verhältnis von „2 zu 1“ trifft auf alle Mediengattungen zu. Kritiken werden überwiegend, im Verhältnis 4 zu 3, von Männern verfasst. Männer besprechen darüber hinaus vor allem Männer: Drei Viertel aller von Männern besprochenen Werke sind von Autoren verfasst worden. Frauen dagegen besprechen Autorinnen wie Autoren tendenziell in eher ähnlicher Häufigkeit.
Fazit: Männliche Autoren und Kritiker dominieren den literarischen Rezensionsbetrieb. Einzig das Kinder- und Jugendbuchsegment erscheint als ausgeglichenes Genre. Die als intellektuell oder „maskulin“ empfundenen Genres wie Sachbuch und Kriminalliteratur werden von Männern – Autoren und Kritiker – vereinnahmt.

„Warum wir Frauen lieben“ lautete der starke Titel einer Veranstaltung von GEDOK Heidelberg-Literatinnen zum Weltfrauentag. Ein klares Bekenntnis zu Frauen, zur Hälfte der Menschheit? Welche Idee verbanden Sie mit der Veranstaltung?

Der Titel soll bewusst mehrschichtig verstanden werden. Wir haben das Thema gewählt, weil sich Frauen an die Mindestutopie klammern, dass es sich lohnt, Mensch zu sein, Solidarität zu zeigen. Nicht im Stich lassen – sich nicht und andere. Und genau das trägt die Künstlerinnen der GEDOK, weil im gegenseitigen Geben und Nehmen letztlich alle empfangen.

Was bedeutet es für Ihnen als individuelle Autorin, Mitglied und Vorsitzende in einem Künstlerinnenverband zu sein?

Im Zusammenspiel der Vielfältigkeit die eigene Stärke entdecken – Impulse einfangen und sie umsetzen. Die GEDOK bietet Raum: nicht nur im wörtlichen Sinne, denn wir haben das Privileg, eine Galerie zu haben. Sie gibt auch Raum, um Neues auszuprobieren. Sich gegenseitig zu befruchten und aus den Begegnungen Anregungen und Inspiration zu ziehen.

Neben Biografien schreiben Sie auch Prosa und Lyrik. Ihre Gedichte – wie etwa „Herbstzeitlose“ – sind von einer inhaltlichen und sprachlichen Intensität. Was leitet Sie beim Schreiben? Wo finden Sie Inspiration, wo und wann schreiben Sie am liebsten?

Ach, wissen Sie, ich bin eine disziplinierte Autorin. Ich sitze regelmäßig am Schreibtisch. Mache eine Mittagspause und täglich meinen Waldspaziergang, der mich Abstand von der Arbeit gewinnen lässt. Schwierige Text-Passagen werden beim Gehen überwunden, zähe Übergänge geschmeidig gemacht. Manchmal fällt mir dann spontan ein Gedicht ein. Da gab es einen Auslöser, einen Gedanken, einen Impuls, der zu einem schnellen Prozess führt: Idee, Bilder, Worte – dann schnell auf den Schreibblock damit. Wenn ich den nicht dabeihabe, habe ich habe mich schon selbst zuhause angerufen und mir die Idee auf den Anrufbeantworter diktiert. Meine Söhne haben mir deshalb ein winziges Diktiergerät geschenkt, das ich jetzt immer beim Spaziergehen dabeihabe.

Sie sind vielfach kulturell engagiert, begeistern sich für neue Projekte, machen sich stark für demokratische Werte und Freiheit, in all Ihrem Tun erkennt man Leidenschaft und Konzentriertheit. Was treibt Sie an, und wie gelingt Ihnen ein Ausgleich zur Arbeit?

Gegen das Vergessen anzuschreiben und Menschen vor der Verniemandung zu bewahren – das ist meine wichtigste Antriebskraft. Die Antriebskraft ist aber auch in mir selbst: Ich schreibe gerne. Ich liebe meinen Beruf, der mir erlaubt, Situationen und Bilder mit Worten einzufangen und dann Menschen mit meiner Begeisterung anzustecken. Deshalb muss man für ein Thema brennen. Dann gelingt es,  dieses Feuer weiterzugeben, mit Worten zu berühren. Die Arbeit verliert den Arbeitscharakter, wenn Sie Freude macht. Wenn sich die Vielseitigkeit meiner Tätigkeit im Wissenszuwachs niederschlägt, beglückt mich das, bereichert mich. Und dafür bin ich dankbar. Auch, wenn ich mit Menschen durch meine Arbeit in ein fruchtbares Gespräch komme. Das ist nachhaltig, das ist Ausgleich und Freude. Das spornt an.


Marion Tauschwitz, Studium der Germanistik und Anglistik in Heidelberg, Gymnasiallehrerin und Dozentin. Schriftstellerin seit 2007. Marion Tauschwitz war engste Vertraute, Freundin und Mitarbeiterin der bekannten Nachkriegslyrikerin Hilde Domin (1909-2006), deren vielbeachtete Standardbiografie „Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin“ sie 2009 zu deren einhundertstem Geburtstag vorlegte. 2015 wurde Marion Tauschwitz als Autorin des Jahres ausgezeichnet, 2018 in das PEN-Zentrum Deutschlands gewählt, sie ist Vorsitzende der GEDOK Heidelberg. Tauschwitz lebt und arbeitet in Heidelberg, schreibt Biografien, Essays, Lyrik, Roman und Novelle, Beiträge in Lexika.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto: Marion Tauschwitz © Gudrun-Holde Ortner

Starke Frauen. Starke Autorinnen



Frau Clement, im Carl-Auer Verlag ist Ihr Buch „Frauen führen besser. Wahrnehmungshilfen für Männer (und Frauen)“ erschienen. Weshalb brauchen sowohl Männer als auch Frauen Wahrnehmungshilfen, was die Führungskompetenz anbelangt? Sind es noch immer die verkrusteten Gesellschafts- und Lebensmodelle, die unsere Wahrnehmung generell trügen?

Ja, mein Eindruck ist, dass wir auf alle Fälle Wahrnehmungshilfen brauchen. Wir nehmen Verhalten von eher weiblichen Personen und männlichen Personen unterschiedlich wahr. Es gibt diesen alten Satz: Wir sehen zwei Männer reden, sie diskutieren, wir sehen zwei Frauen, sie tratschen.
Gleiches Verhalten wird durch die Genderbrille gesehen, anders bewertet. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Kompetenzzuschreibung von Führung. In Studien kann man sehen, dass Personen, nach Attributen guter Führungskräfte gefragt, Attribute und Eigenschaften nennen, die man in unsere Gesellschaft eher männlichen Personen zuschreibt. Und so werden weibliche Führungskräfte bewertet oder beschrieben: Trotz Ihres harten Jobs ist sie noch ganz Frau geblieben. Sie ist promovierte Chemikerin, aber spielt auch Geige. Die Liste geht endlos weiter.  Die gute Führungskraft muss mit etwas eher weiblichem ausgleichen werden, damit die Weltsicht wieder stimmt. Wir sind in Deutschland insgesamt und besonders in Süddeutschland sehr konservativ, was unsere Rollenerwartungen an die unterschiedlichen Personen anbelangt. Da ist noch viel Luft für Verbesserungen. Denn gerade auch junge Männer und Frauen fragen sich, wie wollen wir leben, wie wollen wir arbeiten.

Wer Gender-Debatten oder Diskussionen etwa um die Frauenquote verfolgt, der weiß, dass die Aussage „Frauen führen besser“ vermutlich hochemotional diskutiert, mitunter gar verneint werden würde, auch von Frauen. Wie sind Ihre Erfahrungen seit der Veröffentlichung Ihres Buches?

Na, der Titel ist natürlich eine Provokation und auch ein Gender-Rohrschach-Test. Ich sage nicht, Frauen führen besser als Männer, es könnte auch heißen: Frauen führen besser als früher …als sie es selbst von sich gedacht haben. Oder ähnliches. Wenn man sich auf den Vergleich einlässt, hat man ja schon verloren. In der Spannbreite, wie Menschen führen, ist die Differenz innerhalb der Gruppe der weiblichen Führungskräfte – also die Intragruppen Differenz – sicher genau so groß wie die Differenz zu den männlichen Führungskräften, also die Intergruppendifferenz.
Die Erfahrungen sind vielfältig, einige fühlen sich herausgefordert, Beispiele von ganz schrecklichen weiblichen Führungskräften zu berichten, und einige wandten sich fast flehentlich an meinen Verleger doch bitte zu sagen, dass es nicht so sei. Der Titel wirkt.

Weshalb scheint es kaum möglich zu sein, Fragen rund um die Kompetenzen von Frauen sachlich-analytisch zu diskutieren?

Weil die Leistungen unterschiedlich wahrgenommen werden, weil männliche und weibliche Personen unterschiedlich kommunizieren und weil wir sehr feste Vorstellungen haben, was Mädchen und Jungs können oder nicht können. Seit Jahren wird versucht mehr Mädchen in die MINT-Studiengänge und Berufe zu bekommen.  IT-Spezialistinnen sind aber meist aus Ländern, in denen man denkt, Mathe sei ein Mädchenfach. Das ist interkulturell sehr spannend. In Indien sind ist Programmieren ein Job für junge Frauen.
Sobald die Genderwahrnehnung im Spiel ist wird die Welt durch diese binäre Brille gesehen. Was es auch so schwer macht nicht binäre Personen einzuordnen. Da kommen die meisten Menschen dann durcheinander. Um nochmal auf Kultur zu kommen. Wir sind hier in Deutschland im europäischen Vergleich eindeutig ein Entwicklungsland. Andere Kulturen sind viel weiter.

Welche Erfahrungen und Beobachtungen haben Sie selbst während Ihrer Berufsjahre u.a. als systemische Beraterin oder in leitender Funktion im Bereich Führungskräfteentwicklung an einem internationalen Konzern gemacht? Wie nehmen Männer Frauen und wie nehmen Frauen sich selbst wahr?

Ein großes Thema in den Veranstaltungen und Seminaren, die ich gebe, ist die Wahrnehmung, die Frauen von sich selbst haben. Gerade ist ein Buch erschienen, „Unlearn Patriachy“. Wir selbst haben auf uns einen patriarchalen Blick. Weibliche Personen werten sich oft selbst ab. „Ich weiß das nicht so genau, aber ich sag mal“, „Ich weiß nicht, ob ich mir die Aufgabe zutraue“, „Ich bin ja keine Expertin, aber ich glaube“ etc. etc. Die Liste von Gesprächseinstiegen ist endlos. Warum passiert das? Mädchen lernen früh, dass sie in einer Männerwelt reüssieren müssen und fangen an sich selbst abzuwerten. „Sei kein Mädchen“ ist eine seltsame Aufforderung …was ist schlecht daran, ein Mädchen zu sein?

Ist die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Frauen auch eine Frage der Sprache?

Die Sprache ich aus meiner Sicht zentral, um Frauen und nicht binäre Personen sichtbar zu machen.
Sprache ist unser Kommunikationsmittel. Wir definieren uns über Sprache: Welche Sprache wir sprechen. Welche Wortwendungen wir verwenden, oder meiden. Sprache ist Macht. Durch sie können wir Gruppen und einzelne Personen ein- oder ausschließen. Egal was Sprachwissenschaftler über Genus und Sexus in der Sprache sagen, wenn ich die Augen schließe und mir jemand von einem Richter und von einem Arzt erzählt, die einen gemeinsame Aufgabe bewältigen, tauchen bei den meisten Menschen zwei Männer auf.
Gendergerechte Sprache hat erst in den vergangenen Jahren zunehmend an Fahrt aufgenommen. Besonders die neue Sprechweise, die Genderlücke, bei der eine kleine Pause zwischen der männlichen und weiblichen Form eines Wortes gemacht wird, z. B. Poitiker*innen (_ = Glottisschlag [»Stimmritzenverschlusslaut«]), wird zunehmend auch in Rundfunk und Fernsehen genutzt. Es ist ein Statement, diese Sprachform zu nutzen oder eben auch nicht zu nutzen. Im internationalen Kontext in dem meist English gesprochen wird, wo Personenbezeichnungen neutral sind (z.B. teacher) nutzt man lange schon die inclusive Sprechweise. Es fällt auf, wenn Teilnehmende nicht inclusive Formen nutzen. „If he or she wants to“  ….“you can give him or her“…etc. Deutsche männliche Führungskräfte tun sich damit häufig schwer. Es ist erwiesen, dass inklusive Sprache hilft, alle gemeinten Personen zu adressieren. Bezüglich der Selbstwahrnehmung ist es gerade für Mädchen und Heranwachsende wichtig, auch gemeint zu sein und vorzukommen.
Sprache und Gesellschaft, so haben wir festgestellt, stehen in einem reziproken Verhältnis zueinander. Erstere beeinflusst unser Denken und unsere semantischen Vorstellungen; wenn für etwas ein Wort existiert, dann gibt es dieses Etwas auch eher in der realen Welt. Wenn wir für etwas kein Wort existiert, dann existiert dieses Etwas auch nicht – zumindest überzogen ausgedrückt vgl. Clement, 24). „Und wenn sich Letzteres, die Gesellschaft, weiterentwickelt, dann muss die Sprache mit uns mitgehen und angepasst werden sonst, drückt sie nicht mehr die Lebenswirklichkeit der Menschen in der Gesellschaft aus“ (24). Unternehmen müssen ebenfalls die unterschiedlichen Lebensweisen der Gesellschaft abdecken, wenn sie relevant bleiben und erfolgreich sein wollen.

Doch wie steht es um den Anteil von Frauen in Führungspositionen und wie gravierend sind noch die Unterschiede in der Bezahlung von männlichen und weiblichen Führungskräften?

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist nach wie vor zu gering, verglichen mit dem Anteil von Studentinnen und Absolventinnen in den verschiedenen Studienfächern. Das Interessante daran ist, dass sich da so wenig bewegt. Ich habe in den 80iger Jahren an einem Bericht der Enquete Kommission des Bundestages mitgeschrieben, die Prozentzahlen von Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft haben sich so wenig verändert.
Wir Systemiker:innen finden ja eher die Nicht-Veränderung erklärungsbedürftig. Alles verändert sich, nur dieses Phänomen bleibt gleich. Wer hat welches Interesse an der Nicht- Veränderung. Das ist die spannende Frage. Vor kurzem haben mir zwei junge Frauen, mit denen ich über ihre Berufswünsche gesprochen habe, gesagt, dass sie gerne Richterin und Ärztin werden wollen und sie hoffen, dass sich da bald mal etwas ändert für Frauen. Das hat mich so wütend gemacht. Nach vierzig Jahren Frauenbewegung und Gleichstellungsbeauftragten!

Die unterschiedliche Bezahlung, der sog. gender pay gap, hat viele Ursachen. Die Mütter des Grundgesetzes haben zwar den Gleichstellungsartikel ins Grundgesetz bekommen, aber in den 50er Jahren hat die Gesetzgebung eine Rolle rückwärts gemacht. Leichtlohngruppen und Ehegattensplitting haben dafür gesorgt, dass Frauen traditionell „etwas hinzuverdient“ haben. Wenn meine Arbeit nur ein Taschengelt einbringt, ist sie in der Wahrnehmung aller nicht so viel wert. Frauen kümmern sich oft zu wenig um Geld, das überlassen sie ihren Partnern. So verhandeln sie schlechter und sorgen nicht ausreichend für ihre eigene autonome Altersvorsorge. Das heißt: Die unterschiedliche Bezahlung ist nur die Spitze des Eisbergs des viel tiefer liegenden Thema: Frauen und ihr Geld.

Wie ordnen Sie die jüngste Equal Pay-Debatte im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft der Frauen ein?

Aus meiner Sicht kann man das nicht so einfach beantworten, die Frauenteams haben weniger Besucher:innenzahlen, weniger Werbung, weniger Einnahmen. Das erste Frauenteam hat zur gewonnenen Meisterschaft vom DFB ein Bügeleisen und ein Bügelbrett geschenkt bekommen. Ich finde diese Geschichte erzählt alles.
Im Hinblick auf die komplexe Equal-Pay-Debatte wird häufig übersehen, dass mit gleichen Gehältern Anerkennung und Wertschätzung ausgedrückt werden kann. Die Länder, die Vereine mit Quoten dazu verpflichten, ordentliche Nachwuchsarbeit für Mädchen zu machen und gleiche Trainingsbedingungen herzustellen, sind auch erfolgreicher.
Mein systemischer Ansatz wäre, die Frauenteams gleich zu bezahlen und die Vereine, Verbände, Werbepartner dafür sorgen zu lassen, dass der Frauenfußball wirtschaftlicher wird. Einfach mal die Beweislast umdrehen.
Nebenbei bemerkt, jedes Mal, wenn ich Frauenfußball schreibe oder lese, stößt mich das auf die Tatsache: Männer sind der Normalfall-Fußball, Frauen sind die Ausnahme, die gekennzeichnet werden muss: Frauenfußball.

Im Vergleich zu Männern scheinen Frauen nicht nur weniger häufig, sondern auch weniger lang in Vorständen zu sein. Wie lässt sich das erklären?

Die kurze Verweildauer von Frauen in Vorständen ist ein spannendes Phänomen. Jeder Fall scheint individuell zu sein. Und dennoch gibt es die Vermutung, dass Frauen nicht die „old boys“-Netzwerke haben, oft auf Posten kommen, die nicht wirklich erfolgsversprechend aufgestellt sind. Oft fehlt die Lobby und die Bereitschaft der männlichen Vorstandskollegen, sich auf Diversity einzulassen.

Wie beurteilen sie den Umgang von Frauen untereinander? Ist der oftmals unterstellte „Zickenkrieg“ nur ein Klischee?

Auch wenn Frauen streiten oder sich auseinandersetzen, wird das durch die Genderbrille wahrgenommen. In meiner Beratung habe ich Kollegen, die bei einer Auftragsklärung bei einem Team, in dem viele Frauen sind, sofort von frauenspezifischen Streitereien ausgehen (Ich nutze das Wort Zickenkrieg nicht, das ist so selbstabwertend), schon in der Hypothesenbildung. Da ist noch gar nichts passiert.
Natürlich haben wir Frauen die patriarchalen Muster teilweise übernommen. Carolin Kebekus hat dieses wunderbare Buch geschrieben: „Es kann nur eine geben“. Es wird suggeriert, dass es immer nur eine Frau geben kann, die Schönste, die Klügste, die Auserwählte für den Prinzen, und um diese Position streiten Frauen dann. Sie dekliniert das herrlich humorvoll durch alle Lebensbereiche.
Frauen werden eher auf Gleichheit sozialisiert. Wir teilen. Niemand in der Gruppe möchte besser sein als die anderen. Jungs werden eher auf Wettbewerb und Ungleichheit sozialisiert, wer kann weiter, höher schneller.
Wenn Frauen Ihre Unterschiedlichkeit anerkennen und sich darin bestärken, konkurrieren sie auch nicht mehr um den vermeintlich einzigen Platz. Es gibt Raum für Vielfältigkeit. Und sie können voneinander lernen. Netzwerke helfen dabei, Fähigkeiten und Kenntnissen anderer Frauen anzuerkennen.

Schon in den 80er Jahren setzten Sie sich für die Rechte und Sichtbarmachung von Frauen ein, sei es mit Ihrem Lehrauftrag an der Universität Bremen zur „Berufs- und Lebensplanung von Frauen“, als Referentin der Frauenbeauftragten an der Universität Heidelberg, als Gutachterin der Enquete Kommission des Bundestages „Chancengleichheit“. Wo stehen wir in Deutschland heute: Ist ein Großteil des Weges zur Gleichberechtigung bereits beschritten? Wo liegen für Sie die wichtigsten Stellschrauben für die Zukunft?

Wir könnten viel besser dastehen. Aus meiner Sicht hat sich viel zu wenig getan. Ich überblicke das Feld jetzt seit 40 Jahren. Wenn sich meine Töchter zeitweise mit den gleichen Fragen wie wir in den 80ern rumschlagen, hat sich eindeutig zu wenig getan.
Es gibt auch Erfolge. Wir haben eine Außenministerin, wir sprechen von feministischer Außenpolitik, weil wir wissen, dass Friedensverträge, an denen Frauen beteiligt waren, länger und nachhaltiger halten. Es sollte für alle Mädchen und Jungs und nicht binäre Personen klar sein, dass es keine Bereiche gibt, aus denen sie ausgeschlossen sind. Das fängt an bei Kinderbüchern, in der Kindererziehung und in der Schule.

2007 haben Sie die Ute Clement Consulting GmbH gegründet mit Sitz in Heidelberg und Berlin. Ihr Slogan ist „Passion for Change“. Was weckt in Ihnen die Leidenschaft zur Veränderung bzw. was hält die Leidenschaft lebendig?

In meiner Firma begleiten wir Veränderungsprozesse und helfen sicherzustellen, dass Veränderungen nachhaltig wirken – und zwar positiv für die beteiligten Personen. Meine Frage lautet immer: Wie gelingt es, alle in der Veränderung mitzunehmen?
Das beinhaltet auch den Blick auf die Nichtveränderung, was passiert damit sich etwas nicht verändert, was wird dafür getan? Und zugleich der Blick auf Beteiligung: Wer sollte beteiligt werden, damit Veränderung gelingt.
Diese Fragestellungen habe ich eigentlich immer im Blick.

Die Emanzipation wäre ohne mutige, starke Frauen mit Vorbildfunktion nie denkbar gewesen. Hatten Sie selbst auf Ihrem beeindruckenden Lebensweg weibliche Vorbilder?

Zunächst waren in meinem familiären Umfeld starke Frauen. Meine Mutter hat mit meinem Vater zusammen unsere Firma geführt, meine Großmütter haben viel geleistet. Ich bin in einem linksalternativen Umfeld sozialisiert, wo wir uns immer wieder mit Biographien von Frauen in der Politik, Kunst und Wissenschaft beschäftigt haben. Jungen Frauen kann ich raten, sich Mentorinnen zu suchen, auch hier nicht zu warten, bis man gefunden wird, sondern aktiv auf Frauen zuzugehen. Ich hatte in der Uni meine Dozentin für klinische Psychologie, die mich gefördert hat. Im systemischen Umfeld eine großartige Familientherapeutin, die mich zu Vorträgen, zu denn sie eingeladen war ,mitgenommen und mir die Bühne überlassen hat. Mentorinnen oder große Mütter – wie sie auch genannt werden – zu haben, ist ungemein wichtig.


Ute Clement, Diplom-Psycholgin, Bankkauffrau und Systemische Beraterin; Studium der Psychologie, Wirtschaftspädagogik und Theaterwissenschaft. Zunächst Führungskraft im Bildungsbereich der Daimler AG in Stuttgart. 1995 Gründung der Ute Clement Consulting GmbH mit dem Schwerpunkt Begleitung von Veränderungsprozessen in internationalen Unternehmen. Mitglied des European Network of Female Entrepreneurship Ambassadors sowie Netzwerkpartnerin von Simon, Weber Friends. Veröffentlichung u. a.: „Kon-Fusionen. Über den Umgang mit interkulturellen Business-Situationen“ (2011). Zur Homepage


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto: Ute Clement © susanne-lencinas fotografie.de

Starke Frauen. Starke Läuferinnen. Starke Künstlerinnen



Tanja Braun
Ultraläuferin, Mentorin, Coach, Künstlerin, Buchautorin
Läuft für Frauen weltweit


Frau Braun, Sie sind Coach, Mentorin, Künstlerin, Buchautorin und vor allem eine überaus beeindruckende Ultraläuferin, d.h. Sie laufen Strecken, die weit über die Marathon-Distanz hinausgehen. Wenn Sie nicht gerade durch Wüsten, auf den Lofoten oder an etlichen anderen Orten in der ganzen Welt laufen, darunter Strecken als eine der ersten Frauen, leben Sie in Heidelberg. Allein Ihre enormen Leistungen, Ihr Mut und Durchhaltevermögen, Ihre vielfältigen Talente sind für sich schon bewundernswert. Umso bewundernswerte ist jedoch, dass Sie nicht „nur für sich selbst“ laufen, sondern für Frauen – u.a. im Rahmen von „Free to run“, eine Initiative, die von der Ultra-Marathon-Läuferin Stephanie Case für Frauen in Krisengebieten gegründet wurde. Wie kam es, dass Sie für andere Frauen laufen wollten? Und inwiefern hat Sie Stephanie Case inspiriert?


Mahsa Torabi
Die erste Frau, die im Iran einen Marathon lief
Foto © Mahsa Torabi via Instagram

2018 sah ich eine Dokumentation über den „Iranian Silk Road Ultramarathon“, ein Lauf der über mehrere Tage durch die Wüste Lut im Iran führt. An diesem Lauf durfte zum ersten Mal offiziell eine iranische Frau teilnehmen und gemeinsam mit Männern laufen, was bis zu diesem Zeitpunkt verboten war. Diese Dokumentation, die sehr emotional zeigt, wie sich Mahsa Torabi 250 km durch die Lut – die heißeste Wüste der Welt mit Spitzentemperaturen bis zu 78 Grad – quält, berührte mich zutiefst. Mir war zu dieser Zeit nicht bewusst, dass es in anderen Teilen auf dieser Welt für Mädchen und Frauen keine Selbstverständlichkeit oder es sogar verboten ist, Sport im Freien zu machen oder zusammen mit Männern zu trainieren oder zu laufen.
Begleitet wurde Mahsa von Stephanie Case, eine der besten und stärksten Ultraläuferinnen und Gründerin von Free to Run.

Stephanie ist Anwältin für Menschenrechte bei der UN und ist oft in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz. Diese Doku veränderte den Sinn meines Laufens für immer. Ich begann, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und merkte sehr schnell, dass ich mehr tun wollte. Mir meine Laufschuhe anzuziehen und einfach raus zu gehen und loszulaufen – egal wie weit und wohin -, bedeutet absolute Freiheit für mich. Es gibt mir Kraft, Stärke und Selbstvertrauen. »Empowerment through Sport« ist einer der Ansätze von Free to Run und passte wunderbar zu mir, weil mir Sport und speziell das Laufen schon immer viel Kraft gegeben haben, und so lief ich 2019 zum ersten Mal als Botschafterin für Free to Run in einem selbstorganisierten Spendenlauf 240 km von Leipzig nach Berlin.



Vergessen wir Frauen in der westlichen Welt vielleicht nur allzu oft, wie „privilegiert“ wir sind, dass wir ungehindert Sport treiben, auf die Straße zum Laufen gehen dürfen?

Ich denke, dass es für uns einfach zur Normalität geworden ist. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass es auch bei uns noch große Einschränkungen und Verbote für Frauen gab. Ich denke hier z.B. an Kathy Switzer, die als erste Frau 1967 am Boston-Marathon startete, was verboten war, oder an den Frauenfußball.
Ich bin überzeugt: So lange es Regionen und Länder gibt, in denen Mädchen und Frauen unterdrückt, eingeschränkt und als Menschen 2. Klasse gesehen und behandelt werden, hat das indirekt auch immer Auswirkungen auf das Frauenbild hier. Umso wichtiger finde ich es, diese Themen immer wieder anzusprechen. Mein Weg ist hier weniger der erhobene Zeigefinger. Zeigen, vormachen, positive Meilensteine setzen und vorangehen.

Sie ermutigen gezielt Frauen zum Laufen, bieten auch hier in der Region Laufkurse an und haben mit Ihrem Buch „The Untamed Running. Journal“ einen sehr emphatischen Lauf-Leitfaden veröffentlicht. Weshalb sollten vor allem Frauen das Laufen für sich entdecken?

Das Laufen ist für mich mehr als nur Sport oder die Jagd nach der nächsten Bestzeit. Wenn ich laufe, fühle ich mich frei. Es verbindet mich mit mir selbst und meinen Stärken. Es gibt mir Selbstvertrauen. Vertrauen in mich, mein Können, aber auch in meinen Körper.
Ich zeige Frauen über das Laufen, dass mehr in ihnen steckt, als sie selbst von sich denken. Man kann alles erreichen, wenn man an sich glaubt und mit sich verbunden bleibt. Es gibt nur die Grenzen, die wir uns selbst setzten.

War es ein Wendepunkt in Ihrem eigenen Leben, der Sie zum Laufen, zum Ultralaufen gebracht hat? Ursprünglich kommen Sie ja vom „material art“, dem Kampfsport?

Bis 2009 war ich sehr leistungsorientiert geprägt. Meine sportliche Laufbahn begann schon früh im Kindesalter und für meinen Vater war ich als Mädchen nie gut genug. Er hatte den Anspruch an mich, dass ich immer besser sein sollte oder musste. Es gab selten ein Lob und mein innerer Antrieb war einfach nur das Gefühl zu haben, so geliebt und angenommen zu werden wie ich bin. Dieser Gedanke oder dieses tiefe Gefühl, nie gut genug zu sein, zog sich durch alle Bereiche meines Lebens. Dann kam das Jahr 2009, und ich brach als junge, sportliche und erfolgreiche Frau mit einem Burnout zusammen. Drei Jahre dauerte der Kampf zurück in ein normales Leben. In dieser Zeit veränderte sich mein Blick auf Sport, Bewegung und vor allem das Laufen. Ich stellte mir zum ersten Mal essentielle Fragen und begann, mein Leben nach meinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen auszurichten. Dazu gehörte auch die Frage, warum ich laufe. Ich spürte, dass mir speziell das lange Laufen mehr Energie zurückgibt, anstatt mich auszubrennen.

Nach langen Läufen fühlte ich mich entspannt, entdeckte eine Ruhe in mir, die ich jahrzehntelang nicht fühlen konnte und hatte trotzdem das Gefühl stark zu sein. Das Chaos in meinem Kopf sortierte sich, und ich lernte, mir selbst wieder Vertrauen zu schenken und vor allem wieder auf meinen Körper zu hören.

Würden Sie sagen, dass der Drang, schön, „perfekt“, leistungsstark, erfolgreich sein zu müssen, typisch für Frauen ist? Und falls dem so ist, woher kommt das? Und inwiefern unterstützen Sie als Coach und Mentorin Frauen dabei, sich von dieser Last zu befreien?

Ja, ich denke, dass es hauptsächlich typisch für Frauen ist. Mädchen werden immer noch anders sozialisiert als Jungs. Wir denken und leben immer noch sehr in einer stereotypisch geprägten Welt. Mädchen sind lieb, brav, nett. Eine Mutter ist ruhig, strahlend und vor Mutterglück leuchtend. Eine erfolgreiche Geschäftsfrau trägt Bleistiftrock und High Heels und bekommt Familie und Karriere mit Leichtigkeit und einem charmanten Lächeln unter einen Hut.
Ich unterstütze Frauen dabei, den Fokus zu verändern: von der inneren Haltung, anderen gefallen und die Erwartung anderer erfüllen zu müssen, hin zu den eigenen Bedürfnissen und vor allem den eigenen Stärken und Wünschen.

Wie kann das Laufen dabei helfen? Geht es – im wahrsten Wortsinn – darum, sich freizulaufen?

Irgendwann kommt beim Laufen ein Punkt, an dem man nicht mehr nachdenkt und grübelt. Man läuft einfach, spürt den eigenen Körper und ist im Flow. Es ist ein sehr befreiendes Gefühl und macht tatsächlich glücklich. Ich schaffe meine Läufe nicht, indem ich nett und hübsch bin. Ich schaffe das nur, weil ich genau weiß, wo meine Stärken liegen.

Aber hat nicht auch das Laufen, zumal das Ultralaufen, etwas mit „Leistungsdruck“ zu tun?

Ja, das Laufen und auch das Ultralaufen kann Leistungsdruck erzeugen. Es ist eine Frage der inneren Einstellung. Würde ich meine Läufe mit der gleichen inneren Haltung, Erwartung und dem Leistungsdruck wie vor 2009 machen, würde ich sehr schnell wieder im nächsten Burnout landen.
Ich liebe die Herausforderung immer noch. Meine Grenzen auszutesten und zu verschieben, ist ein Teil meines persönlichen Weges. Aber der Unterschied zu damals ist, dass ich heute sehr verbunden mit mir und meinem Körper bin, und ich entscheide selbstbestimmt, wann ich laufe und wieviel ich laufe. Das heißt, mein innerer Antrieb bin ich selbst und wird nicht von außen bestimmt.

Wer selbst läuft, der weiß, dass nicht jeder Lauf schön und leicht ist. Wie gehen Sie mit solchen Tagen um, und inwiefern können solche Läufe trotzdem – vor allem mental – gewinnbringend sein?

Ich sehe jeden Lauf als eine Erfahrung, die ich mache, und manchmal gibt es Tage, da mag ich nicht laufen, sehe wenig Sinn darin und bin müde. Durch meine Erfahrung weiß ich, dass diese Zustände temporär sind. Sie vergehen genauso wie sie kommen sind, und ich weiß, dass die positiven Gefühle und Erfahrungen überwiegen. Mich selbst nicht zu hart zu kritisieren, ist ein wichtiger Schlüssel für mich.

Lassen Sie uns ein wenig an Ihren Ultraläufen teilhaben: Was geht Ihnen durch den Kopf, was treibt Sie an, wenn Sie unzählige Kilometer durch die Wüste laufen, wenn die Füße schmerzen, die Hitze fordert? Was lässt Sie nicht aufgeben?


Ein magischer Moment beim Lauf durch die Wüste100 km UMED – Sahara, Tunesien
Foto © Tanja Braun

Aufgeben ist für mich keine Option. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Gesundheit und Sicherheit stehen bei mir an oberster Stelle. Ich stelle mich diesen Herausforderungen ganz bewusst, weil ich weiß, dass ich daran wachse. Wir entwickeln uns nicht, indem wir in unserer Komfortzone bleiben, sondern indem wir Neues wagen und weiter lernen.
Bei jedem Lauf ist es unterschiedlich. Es gab Läufe, da habe einen großen Teil der Strecke wenig gedacht. Dann gab es Läufe, da hüpften und sprudelten die Gedanken nur so hintereinander. Aber das macht es so spannend.

Sie laufen buchstäblich auch „zwischen den Kulturen“, so etwa 2020 als eine der ersten Frauen beim Eco Trail in Saudi-Arabien, einem Land, in welchem es wahrlich nicht selbstverständlich ist, dass Frauen laufen. Wie erleben Sie die Ultraläufe „zwischen den Kulturen“?

Laufen ist etwas zutiefst Verbindendes. Alle Menschen tun es und können es – egal wo auf der Welt. Meine Läufe erlebe ich als eine Art Brücke, die gebaut wird. Wenn ich irgendwo an der Startlinie stehe und Menschen aus anderen Nationen gemeinsam die gleiche Strecke laufen, dann gibt es keine Grenzen mehr und kein Anders-Sein. Uns Menschen verbindet so viel und wir haben so viel gemeinsam.

Sie verarbeiten Ihre vielen Läufe, Reisen und Erlebnisse in etliche Länder dieser Welt auch künstlerisch. Ist Laufen für Sie auch immer Bild und Geschichte?

Ja, mein Laufen oder meine Läufe sind für mich Bild und Geschichte und mein persönlicher Weg, diese wunderbare Welt zu erleben und zu erfahren. Wenn ich zehn Stunden durch die Sahara gelaufen bin und dann innehalte, weil die Sonne am Horizont versinkt und ich diesen magischen Moment erleben darf, dann weiß ich, dass sich jeder Schritt und jede Strapaze dafür gelohnt hat, weil ich an diesen Ort sonst nie gekommen wäre.


© Tanja Braun

Auffällig ist, dass insbesondere bei Ultraläufern Frauen nicht nur in der Berichterstattung unterrepräsentiert sind. Weshalb ist dem so, was muss sich ändern?

Da kommen viele Faktoren zusammen. Zum einen denke ich, dass sich viele Frauen immer noch zu wenig zutrauen. Oft höre ich, dass es ja unweiblich oder sehr männlich und tough ist, was ich mache. Weiblichkeit ist ein zutiefst individuelles Gefühl und für mich völlig losgelöst von Kleidung, Haaren oder generell meinem Aussehen. Es braucht mehr weibliche Vorbilder, die weibliche Vielfältigkeit zeigen und weniger stereotypisch geprägte Bilder unterstreichen.

„Strong, wild, free“: Ihre Vorbilder sind u.a. die Expeditionsreisende Mary Kingsley, die Verhaltensforscherin Jane Goodall, aber auch die chilenische Autorin Isebel Allende. Was fasziniert Sie an Allende?

Ich liebe die Bücher von Isabel Allende, eine großartige und inspirierende Frau. Ihre starke Persönlichkeit zeigt sich für mich in ihren wunderbaren Geschichten. Außerdem ist sie mit ihrer Arbeit und ihrem Einsatz für die Gleichberechtigung für Frauen ein großes Vorbild für mich.

Frau Braun, jeder, der Ihre Leistungen, Wege und Talente kennt, entdeckt nichts Geringeres als eine bemerkenswert „Starke Frau“. Wie blicken Sie auf sich selbst?

Ich denke, ich bin nicht stärker oder schwächer als andere Frauen. In jeder Frau steckt unglaublich viel Power und Kraft. Ich habe gelernt, dass Scheitern Möglichkeiten bietet zu wachsen und mich Schwächen und Fehlschläge nicht weniger wertvoll als Mensch machen

Welche Läufe, Projekte und Wünsche haben Sie für die nahe und fernere Zukunft?

Wenn der Literaturherbst zu Ende geht, komme ich wieder aus der Sahara zurück, und im Frühjahr werde ich in Mexiko mit den Tarahumara laufen. Ein indigenes Volk, für das Laufen ein wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur ist. Fest steht außerdem ein 250 km Lauf durch das Wadi Rum in Jordanien, der Wüste Lawrence von Arabien. Eine größere Ausstellung mit Lesung und Vortrag 2023 entsteht gerade mit der vhs Heidelberg, und ich plane endlich wieder nach einjähriger Pause den nächsten Stronger-Together-Women-Run, den ich in der Pandemie zum ersten Mal virtuell organisiert hatte. Hier laufen Frauen auf der ganzen Welt zusammen, um zu zeigen, dass wir gemeinsam stärker sind und zusammen etwas verändern können. Über die Teilnahmegebühr wird unter anderem Free to Run unterstützt.

Eine Frage, die sich beim Ultrasport immer stellt, ist die Finanzierung. Wie kann man Sie und Ihre Läufe für andere Frauen unterstützen?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mich zu unterstützen. Der direkteste Weg ist, mit mir zusammenzuarbeiten oder ein Patron auf meiner Website zu werden. Man kann mein Journal kaufen oder findet vielleicht etwas anderes Schönes in meinem Online-Shop, und natürlich kann man eine kleine Spende für Free To Run zukommen lassen, entweder über meine Spendenkampagne oder direkt über die Seite von Free To Run.


Fotografien und Kunstwerke von Tanja Braun, ihren Begegnungen und Läufen „zwischen den Kulturen“ können Sie im schönen Heidelberger Café Ly besichtigen.

Tanja Braun arbeitet derzeit an Ihrem Bildband und einem Buch.

Am ersten Oktoberwochenende läuft sie für OMID 100 km durch die Sahara. OMID ist ein Pilotprojekt von Free To Run, das seit Mai 2022 existiert und zum Ziel hat, alle starken, mutigen afghanischen Frauen, die für ihre Freiheit und Selbstbestimmung kämpfen, in diesen schweren Zeiten zu unterstützen.


Das Interview führte Veronika Haas.
Fotos © Tanja Braun

Starke Frauen. Starke Buchhändlerinnen



Frau Heuer, seit 2001 führen Sie die unabhängige Buchhandlung „WortReich“ in der Heidelberger Weststadt und das mit Leidenschaft und unermüdlichem Engagement. Dafür haben Sie auch bereits zweimal den Deutschen Buchhandlungspreis erhalten. Immer wieder hört man – gerade auch mit Blick auf Digitalität und Online-Shopping – Sätze wie „Der Buchhandel ist im Umbruch“ oder „Das klassische Buch stirbt aus“. Wie gehen Sie damit um?

Der interessierte Blick auf das Fühlen und Denken anderer Menschen, die Lust, einen neuen Blickwinkel zu finden oder einen außergewöhnlichen Lebensweg nachzuvollziehen, unsere Sehnsucht nach dem Anderen und Fernen – das scheint mir zutiefst menschlich. Und all unser Fragen und Hoffen, unsere Verzweiflung und unser Bedürfnis nach Ablenkung und Trost und Erkenntnisgewinn schafft und liegt in der Literatur. Je komplexer unsere Welt aber wird, desto schwieriger gelingt uns die Aneignung. Umzudenken und ein Thema zu durchdringen, sich intensiv mit Werten zu beschäftigen, neue Maßstäbe zu setzen: dazu müssen wir uns fokussieren. Wir brauchen Zeit und Muße und das heißt für mich, wir brauchen das Buch. Und wo das Buch ist, ist auch der Buchhandel.
Natürlich ist dieser Buchhandel schon seit zwei Dekaden einer massiven Veränderung unterworfen. Wir brauchen und haben eine hervorragende Logistik, das heißt eine unvorstellbare Auswahl an über Nacht lieferbaren Büchern und anderen Medien. Das Lesen wird aber natürlich auch digitaler, das heißt, es werden zukünftig immer weniger Bücher in Papierform erscheinen. Und so wird das Buch wohl vor allem den Texten Raum geben, die wir intensiv erlesen und erleben wollen. Wir selber zumindest können nicht genug von ihnen bekommen.

Warum lohnt sich der Weg in eine Buchhandlung?

Er lohnt sich vor allem dann, wenn man „seine“ Buchhandlung/en gefunden hat. Wir Buchhändler:innen können unsere Regale, sprich unser Sortiment jeden Tag neu bestücken. Das Gerüst bleibt bestehen, das sind die Bücher, die uns viele Jahre begleiten und für uns zeitlos empfehlenswert sind, und an denen jeder Buchhandelsbesucher erkennen mag, ob seine Stöberzeit lohnend investiert ist. Die Obsession, mit der jede Buchhändler:in auf Reisen in die Buchhandlung vor Ort stürmt, liegt irgendwo zwischen der literarischen Übereinstimmung und der wohltuenden Andersartigkeit der dortigen Buchauswahl. Da liegt für mich auch der Unterschied zu den Bibliotheken. Dort interessiert mich die Architektur, die zeitlose Atmosphäre, die mitunter einfach atemberaubende Schönheit dieser Wissenstempel, auch die neu geschaffenen sozialen Räume und Begegnungsmöglichkeiten. In einer besonderen Buchhandlung aber werde ich immer auch auf die Menschen hinter dem Konzept stoßen, auf andere Büchernerds halt (lacht). Und genau und nur diese machen eine Buchhandlung zu einem Erfolg und einem kulturell unverzichtbaren Ort.


Entdecken Sie „WortReich“ im Buch „Meine schöne Buchhandlung“ (Knesebeck-Verlag), eine Hommage an den Buchhandel: Es zeigt 35 der schönsten Buchhandlungen
Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in persönlichen Porträts und stimmungsvollen Aufnahmen. Die dort vorgestellten Läden zeichnen sich durch besondere Konzepte, ein außergewöhnliches Sortiment oder eine unverwechselbare Atmosphäre aus.


Was bietet die „WortReich“-Bücherwelt? Worauf legen Sie in Ihrer Auswahl besonderen Wert?

Tatsächlich haben wir netterweise zu wenig Platz für Bücher, die wir selbst nicht kaufen würden. Da wir uns als unabhängigen Buchhandel verstehen (müssen), haben die Indie- (also die konzernunabhängigen) Verlage in unserer Auswahl natürlich einen Liebhaberbonus. Und wir verlassen uns gerne und in hohem Maße auf Empfehlungen. Deshalb lieben wir unsere handverlesenen Verlagsvertreter, die uns zweimal im Jahr mit ihrem (digitalen) Koffer voller Neuerscheinungen besuchen. Manche begleiten unser WortReich sehr wohlwollend seit über 20 Jahren (für alle Insider: Armin Abmeier – Dirk Drews – Nicole Grabert, kann einem Besseres passieren? Nein, kann es nicht!) Insgesamt ist die Buchhandels- und Verlagswelt schließlich immer noch ein Tummelplatz für so viele interessante, liebenswerte wie unterhaltsam unangepasste Persönlichkeiten. Diese Menschen haben sich mit Haut und Haar ihrem Beruf und dem Lesen verschrieben. Egal woher die Empfehlungen also auf uns einprasseln, ob über das persönliche Gespräch, über den Instagram-Account der befreundeten Buchhandlung, ein Telefonat mit der engagierten Verlegerin (wie der hier schon interviewten Monika Lustig und ihrem Converso-Verlag), die nette Mail des benachbarten (Wunderhorn-)Verlages, weil wir ein wichtiges Buch vergessen haben zu bestellen … wir müssen dann nur noch darauf achten, dass die Regale nicht überquellen. Dann geht es ans Lesen und die tägliche Frage: Für wen empfehle ich genau dieses oder jenes Buch.

Wie haben Sie Pandemie und Lockdown erlebt? Halten die Auswirkungen auch heute noch an?

In gewisser Weise hatten wir ja keinen kompletten Lockdown, sprich, das Buchhandelsgeschäft ist tatsächlich niemals zum Stillstand gekommen. Unsere Homepage, unser Bestellsystem, die Belieferung über Nacht durch unsere Großhändler und die Verbindung zu unseren Kunden: es hat einfach perfekt funktioniert. War natürlich jede Menge Arbeit (wir hatten bis Dato keine genauen Kundenadressen in unserer Kartei und dann liefern sie mal mit Fahrrad und Rechnung alles aus) und ich habe gefühlt jeden zweiten Tag einen neuen Hinweis-Button auf unserer Homepage eingepflegt. Besonders gefreut hat mich aber die Solidarität, mit der der Heidelberger Buchhandel jede neue Information untereinander geteilt hat. Gemeinsam kommt man eben besser durch. Und dank der zackigen Initiative von Prof. Reuß war auch direkt eine Seite im Netz, unter der alle Buchhandlungen mit Ihren Bestell- und Liefermöglichkeiten zu finden waren. Tatsächlich war eine kleine Buchhandlung wie das WortReich irgendwie auch im Vorteil. Je kleiner, desto eher kann man sagen: Ich mach das jetzt so. Da muss man keine großen Strukturen durchbrechen. Und so ist man schneller, effizienter und flexibler. Wenn also eine neue Acrylplatte für den Tresen zugeschnitten werden muss, ich weiß jetzt, wie es geht. Und durch das Programm zum Neustart Kultur haben wir unseren „Hausdesigner“ Tobias Müller gefunden. Seine Ideen und Motive sind so gelungen, dass unser echtes WortReich fast schon hinterherhinkt.



WortReich-Schaufenster und Buchauswahl anlässlich des diesjährigen Literaturherbst-Themenschwerpunkts
„Starke Frauen. Starke Literatur“


Mit und neben Ihrer Buchhandlung machen Sie sich stark für das Heidelberger Kulturleben, initiieren oder organisieren Veranstaltungen wie „Shared Reading“ oder auch mal einen „Roten Abend“ (Wer sich rot kleidete, erhielt ermäßigten Eintritt) mit Einblicken in die Welt des Büchermachens. Um Ihre Gäste einen Rundumgenuss zu bescheren, studieren Sie zu Hause Kochbücher und servieren in der Buchhandlung ein kleines Buffet. Woher nehmen Sie die Kraft für dieses vielfache Engagement neben dem alltäglichen Buchgeschäft, was trägt Sie?

Nun, Kraft und Motivation kommt und geht, da muss man ehrlich mit sich sein, nicht wahr? Aber mich begeistert immer noch, wie viele Möglichkeiten zur Gestaltung mir mein Beruf bietet. Natürlich: wenn man Zeit neben dem Alltagsgeschäft investieren möchte, dann muss man als Erstes die Abläufe in der Buchhandlung bestens organisieren. Für das romantisierte Abbild einer teetrinkenden Buchhändler:in, die mit verstrubbeltem Haarschopf auf Bücherstapeln hockt, ist wohl nur noch Platz in Kinderbüchern. Wäre mir persönlich wohl aber auch zu langweilig. Kaum hätte man sich festgelesen, käme dann doch ein „störender“ Buchliebhaber zur Tür herein…
Um wirtschaftlich arbeiten zu können, braucht es vor allem gut ausgebildete, computeraffine und routinierte BuchhändlerInnen. Denn dann habe ich bei allem Bestellen und Sortieren und Räumen und Remittieren und Dekorieren überhaupt die Zeit für das Allerwichtigste: die Vermittlung meiner Begeisterung für das Buch und die BuchmacherInnen an die Menschen in dem Stadtteil, in dem ich arbeite und lebe.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des „WortReich“?

Der erste Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen: die Verlängerung unseres Mietvertrages, da können wir unserer Vermieterin nur dankbar sein. Wir haben hier in der Weststadt einfach den schönsten Platz gefunden. Der zweite Wunsch wird nie in Erfüllung gehen: dass wir mal verschont bleiben von den mannigfaltigen Auswüchsen der erfinderischen Bürokratie. Ob DSGVO, Steuerrecht, von der Papier- zur Gewerbeordnung –, der kleine Einzelhandel kann das eigentlich nicht stemmen. Unsere Kund:innen würden sich wundern, wie viel Aufwand man da so treiben soll.

Frau Heuer, als Buchhändlerin sind Sie wie kein anderer Experte für die große Bücherwelt – auch rund um „Starke Frauen. Starke Literatur“. Welche Literatinnen haben Sie persönlich angesichts ihrer Texte und womöglich auch ihrer Lebensgeschichte beeindruckt, vielleicht gar inspiriert?

Ich zähle mal auf: Jane Austen, Rahel Varnhagen von Ense, Muriel Spark, Sylvia Plath, Toni Morrisson, Inger Christensen, Ingeborg Bachmann, Dorothy Parker, Simone de Beauvoir, Emily Dickinson, Marlen Haushofer, Hannah Arendt, Donna Tartt, Herta Müller…

Welche Titel von und über „Starke Frauen“ auf dem aktuellen Büchermarkt sollte man Ihrer Empfehlung nach keinesfalls verpassen?

Tove Ditlevsen, Gesichter
Claudia Schumacher, Liebe ist gewaltig
Inger Christensen, Sich selber sehen möchte die Welt
Fran Lebowitz, New York und der Rest der Welt
Fatma Aydemir, Dschinns
Daniela Dröscher, Lügen über meine Mutter
Caroline Emcke, Für den Zweifel
Bernardine Evaristo, Mädchen, Frau, Etc.
Giulia Caminito, Das Wasser des Sees ist niemals süß

Laut einer Studie der Universität Rostock aus dem Jahr 2018 werden Bücher von Frauen weniger verlegt und seltener rezensiert als von Männern: Nur ein Drittel der in Feuilletons besprochenen Werke waren von Schriftstellerinnen, der Autorinnenanteil bei renommierten Verlagen wie S. Fischer betrug nur 27 Prozent. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck? Wie steht es um Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Frauen in der Bücherwelt?

Im Vergleich zu früheren Zeiten gibt es heute für Frauen beste Bedingungen, heißt: freien Zugang zu den verschiedensten Publikationsformen und mannigfaltige Plattformen. Aber die Erwartungshaltung der Leser wie Leserinnen sind schwer zu durchbrechen. Herrschender Auffassung und unserem tradierten Bildungskanon nach, verbindet sich das große Meisterwerk eben mit männlicher Autorenschaft. Sicher ist, dass die Verlage hier auch ihren Anteil haben. Bücher von Autorinnen scheinen mir häufig günstiger zu sein, es wird ihnen weniger Verkaufserfolg zugemutet. Die Cover sind häufig zurückhaltender. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Da gibt es noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Momentan aber gibt es auch viele positive Gegenbeispiele: Autorinnen, die streitlustig und laut und vehement ihren Platz einfordern. Eine eigene Stimme haben. Sarkastisch und ironisch und polemisch sein wollen. Die sich fokussieren und gar nicht auf die Idee kommen, Schreiben und Schriftstellertum wäre eine Nebenbeschäftigung. Neben der locker ein fantastisches Hygge-Familienleben mit Flaggengeburtstag für die Kleinsten (natürlich in passenden Farben) und den für die gesamte Verwandtschaft besorgten Geschenken möglich oder überhaupt wünschenswert wäre. Aber ich muss mich nur umschauen und ich weiß, dass sich viele Frauen auch heute noch selbst reduzieren. Gleichberechtigung aber kommt nicht aus dem Innern der Gesellschaft, sie wurde hart erkämpft und darf nicht als Selbstverständlichkeit angenommen werden.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto © Bettina Heuer


Starke Frauen. Starke Autorinnen. Starke Verlegerinnen



Frau Brandl, Sie schreiben seit Ihrer Jugend Lyrik und Prosa, zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten sind in Anthologien erschienen, und Sie haben fünf lesbische Romane veröffentlicht. Daneben sind Sie auch Herausgeberin – u.a. von der schönen Anthologie „Verzaubert. Mein Herz schlägt queer“. Ist es wichtig, queere Literatur explizit auch als queer zu kennzeichnen?

Es macht es auf jeden Fall für Leser:innen leichter, die explizit nach queerer Literatur suchen, und für Autor:innen kann eine klare Zielgruppe von Vorteil sein, z.B. bei der Verlagssuche und der Bewerbung der Bücher. Andererseits begibt man sich als Autor:in damit automatisch in eine Nische und in eine Schublade. Potenzielle Leser:innen, die nicht zur Zielgruppe gehören, aber die Geschichte, den Plot interessant finden könnten, greifen dann automatisch zu anderen Büchern.
Der Markt ist groß, es gibt in fast jedem Genre, zu fast jedem Thema unendlich viel Auswahl. Gerade bei Liebesromanen kann es entscheidend sein, ein Buch als queer zu bezeichnen, denn Leser:innen suchen oft auch eine bestimmte Art von Erotik und Romantik, sie wollen z.B. gezielt von zwei Männern oder zwei Frauen lesen, die zueinander finden und sich näher kommen, oder eben von Mann und Frau. Das Gefühl von Liebe ist universell, aber die Auslebung von romantischer Liebe und Sexualität kennt verschiedene Facetten und Formen.
Andererseits – was ist mit Thriller, Krimi, Horror, Fantasy, Lyrik? Muss da ein Buch als queer gekennzeichnet sein? Ich denke, gerade hier ist es nicht oder nur bedingt sinnvoll, denn es geht ja in erster Linie um eine Handlung, die nicht mit der sexuellen Neigung und Identität der Figuren zu tun hat z.B. um einen Kriminalfall der gelöst werden muss. In Film und Fernsehen klappt so etwas aktuell viel besser: Queerness selbstverständlich zu zeigen, in eine Story verpackt, wo dies erstmal keine Rolle spielt und ohne den Stempel „queer“ zu benötigen. Ich finde, es sollte viel mehr Bücher geben, wo das auch so beiläufig und selbstverständlich funktioniert. Dann ist die Kommissarin eben lesbisch, na und? Es ist und bleibt ein Krimi.
Gleichzeitig wird die Bezeichnung „queere Literatur“ sich so schnell nicht auflösen, jedenfalls, wenn sich die gesellschaftlichen Normen nicht noch viel stärker aufweichen oder noch viel öfter über Genregrenzen „hinweggeschrieben“ wird, wenn also Autor:innen selbst die Grenzen überwinden, z.B. queere Figuren in nicht explizit queere Handlungen einbauen und Verlage und Leser:innen diesen Büchern auch eine Chance geben.

Oft kann das Label „queer“ bei der Literaturauswahl aber auch hilfreich sein, wie erwähnt etwa bei Liebes- und Erotikromanen, oder auch bei (Jugend-)Romanen, die z.B. das Thema Outing aufgreifen und zugleich Aufklärung betreiben. Es wäre aber schön, wenn heterosexuelle Leser:innen trotzdem öfter mal in queerer Literatur stöbern würden, um neue Perspektiven kennenzulernen oder aber auch, um zu erkennen, dass Menschen sich im Innern – abgesehen von bestimmten Vorlieben und Neigungen – gar nicht so sehr unterscheiden. Oder eben, dass queere Literatur genauso anspruchsvoll und/oder unterhaltsam geschrieben sein kann wie nicht-queere Literatur.

Was bedeutet das für Sie als Schriftstellerin? Es ist nicht nur ein öffentliches persönliches Comingout, queere Schriftsteller werden auf dem Buchmarkt oder bei Verlegern ja leider noch immer auf sogenannte „Nischenliteratur“ reduziert.

Ich habe damit eine begrenzte, relativ klare Zielgruppe, das sind Vorteil und Nachteil gleichermaßen. Ich werde nie die breite Masse mit meiner Literatur erreichen, andererseits wäre das auch unendlich schwer, wenn ich nicht queer schreiben würde. Es gibt so viele Autor:innen, die ihre Bücher an die Leser:innen bringen möchten, doch die Bestseller-Listen bestimmen den Markt, genau wie die Platzierung der Bücher in den Buchläden selbst. Literatur von weniger bekannten Autor:innen, die noch dazu nicht in den großen Verlagen publizieren, haben ohnehin eine sehr geringe Chance, große Verkaufszahlen zu erzielen.
Dass ich als queere Autorin auch queer schreibe ist für mich ganz normal und ich habe kein Problem damit, dass dies einem Outing gleichkommt. Ich schreibe das, was mich interessiert, was ich ehrlich nachfühlen und mitempfinden kann, was mich bewegt, was ich gut kenne. Ich schreibe unter einem Pseudonym, also meinem Geburtsnamen, nach der Heirat mit meiner Frau habe ich meinen Nachnamen geändert. Ich möchte nicht, dass Arbeitskolleg:innen, Vorgesetzte oder Klient:innen beim Googeln sofort auf meine Bücher stoßen können. Doch das würde ich auch so halten, wenn ich nicht queer schreiben würde. Ich brauche diesen Schutzraum, diese Freiheit, möchte die Lebensbereiche und Rollen, die ich darin jeweils einnehme, möglichst getrennt halten.

Frau Weinhändler, im Muc Verlag ist „Verzaubert. Mein Herz schlägt queer“ erschienen. Was verpassen jene Leser, die queere Literatur für sich ausschließen, weil sie denken, diese habe mit der eigenen persönlichen Lebenswirklichkeit nichts zu tun?

Sie verpassen gute Bücher. Sie verpassen es, neue Perspektiven und Lebenswelten kennenzulernen. Gerade Anthologien eignen sich gut dazu, sich auch mal Themen zu nähern, mit denen man sich bisher weniger beschäftigt hat: Die Texte sind kurz und vielseitig. Mal humorvoll, mal ernst und insgesamt ganz bunt und facettenreich. Es wird immer einige Texte geben, die einem gefallen und einen interessieren können. Eine Anthologie ist wie eine Pralinenschachtel, man kann sich neugierig durchprobieren und stößt fast immer auf etwas, das einem zusagt.

Was ist eigentlich „queere Literatur“, Frau Brandl?

Literatur, in denen die Hauptfiguren queer sind und das für die Handlung ausschlaggebend ist, würde ich zunächst ganz einfach sagen. Bei meinem aktuellen Roman „Das Rätsel um Cecile“ steht im Klappentext: Lesbian Romance meets Psycho-Krimi. Damit ist klar, es ist ein Genre-Mix, ist es damit nur noch zur Hälfte queer, die andere Hälfte ist ein Psycho-Krimi? Der Plot ist nicht lesbisch, es wird einem mysteriösen Familiengeheimnis auf den Grund gegangen, ein Todesfall wird untersucht, ein Rätsel wird gelöst. Die beiden Hauptfiguren sind wiederum lesbisch und es entwickelt sich zwischen ihnen auch eine Liebesgeschichte. Vielleicht habe ich damit mein erstes halb-queeres Buch geschrieben. Grundsätzlich mag ich es, wenn Genregrenzen verschwimmen, und ich denke, ich werde künftig noch öfter damit spielen.

Frau Weinhändler, Frau Brandl, der Rat der Deutschen Bischofskonferenz stoppte die Vergabe des katholischen Jugendbuchpreises für Elisabeth Steinkellners „Papierklavier“, weil die Hauptfigur in der Geschichte eine transsexuelle Freundin hat; und als die Trans-Autorin Torrey Peters für den Women’s Prize for Fiction nominiert war, protestierte der Wild Woman Writing Club, ein männlicher Autor dürfe keinen Frauen-Literaturpreis erhalten. – Wie ist Ihr persönlicher Eindruck: Wie steht es um Vielfalt und Diversität im deutschen Literaturbetrieb? Hat queere Literatur, haben queere Autor:innen die gleichen Aussichten auf Förderung oder Preise wie heteronormative Literatur bzw. heterosexuelle Autor:innen?

Sie haben das gleiche Recht darauf, aber nicht die gleichen Aussichten auf Erfolg, das ist leider so. Die großen Preise werden eher nicht an queere Literatur gehen, die Einordnung in eine Nische wird wahrscheinlich nicht verschwinden.
Wir finden es schockierend und falsch, wie mit der Trans-Autorin Torrey Peters umgegangen wurde, aber uns wundert es nicht wirklich, dass der scharfe und diskriminierende Ton von Seiten der Deutschen Bischofskonferenz kommt. Die katholische Kirche hat im Bereich Vielfalt und Diversität noch ungemein viel nachzuholen und auch wiedergutzumachen. Da könnten wir uns beide schnell in Rage reden. Deshalb kommen wir lieber zu einem anderen Beispiel, das ebenfalls den Umgang mit Diversität im deutschen Literaturbetrieb beschreibt: Viele heterosexuelle Autorinnen schreiben schwule Romane, die wiederum von heterosexuellen Frauen gelesen werden. Das ist zunächst vielleicht etwas verwunderlich, aber natürlich auch völlig okay.
Es muss aber auch in Ordnung sein, wenn ein männlicher heterosexueller Autor ein lesbisches oder schwules Buch schreibt. Jede Person darf in dem Bereich schreiben, was sie will, solange es nicht abwertend und diskriminierend geschieht. Wir haben aber den Eindruck, dass es da weiterhin viel Misstrauen und Engstirnigkeit gibt. Wir sollten die Geschlechtergrenzen insgesamt noch viel stärker überwinden und uns mehr als bunte, schillernde Einheit verstehen, die unglaublich viele Facetten, Freiheiten und Möglichkeiten hat – oder letzteres zumindest haben sollte.

Frau Brandl, Sie selbst sagen, dass Sie es lieben, humorvoll mit Klischees zu spielen, um damit einige Schubladen zu öffnen oder auch ganz auszusortieren. Welche öffnen, welche schließen Sie?

Ich öffne Schubladen hoffentlich dann, wenn es um das lesbische Leben geht, um lesbische Frauen und deren angeblichen inneren und äußeren Eigenschaften. Eine Lesbe muss weder maskulin sein und kurze Haare haben, noch muss ein lesbisches Paar aus einem eher männlichen und eher weiblichen Part bestehen. Lesben haben auch nicht immer nur einen lesbischen Freundeskreis und sind ständig nur in der lesbischen Szene unterwegs und hören permanent Schlager oder House-Musik. Man sieht es Frauen auch nicht sofort an, ob sie lesbisch sind oder nicht, und ich habe auch noch nie eine Lesbe in der oft genannten lilafarbenen Latzhose gesehen. Und dennoch gibt es Lesben, zu denen manche Klischees passen, aber eben nie alle zugleich. Man muss das auch nicht immer so ernst nehmen, kann damit spielen, kann im Roman die Figuren anhand von Klischees auch mal raten und zweifeln lassen, auf welchem Ufer das weibliche Gegenüber unterwegs ist. Humor kann ein sanftes Mittel sein, um Vereinigung und Verbindung zu schaffen.
Ob es mir schon gelungen ist, eine Schublade komplett zu schließen? Ich glaube nicht, das ist grundsätzlich ein sehr schweres Unterfangen.

Frau Weinhändler, im Muc Verlag sind neben „Verzaubert. Mein Herz schlägt queer“ viele andere spannende Anthologien erschienen, etwa zwei Bände „Gefangensein. Drinnen und Draußen“ mit Gedichten, Bildern und Kurzgeschichten, „Wenn Liebe schwant“ mit 69 komischen Liebesgedichten von 38 zeitgenössischen Lyrikern oder zuletzt „AnXT“ mit Thriller- und Mystery-Kurzgeschichten, die Sie gemeinsam mit Frau Brandl herausgegeben haben. Bemerkenswert ist aber auch die Anthologie „Spätzünder“. Wie ist diese entstanden?

Die Anthologie „Spätzünder“ ist im Jahr 2011 im Rahmen einer Senioren-Schreibwerkstatt entstanden, die Sabine fünf Jahre lang ehrenamtlich geleitet hat. Zu der Zeit befand sie sich im Studium, wollte erste Erfahrungen in der Erwachsenenbildung sammeln und dies mit ihrer literarischen Leidenschaft vereinen. Nach der Anthologie „Spätzünder“ gab es noch eine weitere „Liebe Laster Leben. Texte von Jung und Alt“, ein Generationen übergreifendes Projekt. Wir hatten viel Freude an der gemeinsamen Arbeit, an der Textauswahl und Textarbeit und auch an den Buchpräsentationen, die im Anschluss stattfanden. Das hat die Gruppe noch mehr zusammengeschweißt.

Nach den Anthologien, die Sabine mit den Senior:innen gemeinsam erarbeitete, konzentrierten Sabine und ich uns verstärkt auf öffentliche Ausschreibungen, auch, um unser Netzwerk in der Literaturlandschaft zu erweitern und Kontakt zu neuen, engagierten Autor:innen zu gewinnen.

Der Muc Verlag ist ein kleiner unabhängiger Verlag. Wie kam es zu der Gründung und was sind die Leitgedanken der Programmgestaltung?

Wir haben 2012 beschlossen, unseren Verlag zu gründen. Es war von vornherein klar, dass wir in den folgenden Jahren ein sehr reduziertes Verlagsprogramm machen werden, weil wir den Verlag nebenberuflich führen.
Unsere ersten Bücher waren „Spätzünder“ und „Liebe Laster Leben“ und diese beiden Projekte waren für uns der Anstoß, den Verlag zu gründen, um unabhängig zu sein und kleine, aber feine Lieberhaberprojekte umzusetzen, ohne dafür einen externen Verlag suchen zu müssen, was vermutlich auch sehr schwierig geworden wäre. Anthologien werden von Verlagen sehr ungern angenommen. So waren wir in allen Entscheidungen frei und konnten selbstständig agieren. Danach veröffentlichte der Muc Verlag drei Anthologien von unserem Künstlerverein „Realtraum e.V.“, den wir gemeinsam 2004 gegründet haben. Auch hierfür war es ein Vorteil, einen eigenen kleinen Verlag zu haben.

Frau Brandl, Frau Weinhändler, der Künstler:innen-Verein „Realtraum e.V.“ vernetzt nicht nur Künstler:innen aller Genres, sondern lädt auch zum gegenseitigen Austausch ein und initiiert Veranstaltungen. Was motiviert Sie in Ihrem Engagement?

Frau Brandl: Mir war der Austausch wichtig, Schreiben ist ein kreativer Prozess, der sehr oft im „stillen Kämmerlein“ stattfindet, aber es auch wichtig, sich Feedback zu holen, Erfahrungen auszutauschen, einander zu motivieren und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, zum Beispiel Künstlertreffen, Lesungen, Buchprojekte. Gerade Autor:innen und Künstler:innen, die noch keine große Bekanntheit haben, brauchen Netzwerke, Leute mit gleichen Interessen und Zielen, die einander unterstützen. 2004 fand ich in München keine Literaturgruppe, die wirklich gut zu mir passte, so kam mir die Idee, selbst eine zu gründen.
Frau Weinhändler: Sabine und ich haben uns in dieser Zeit sehr viel über Kunst im Allgemeinen ausgetauscht, ich war auf dem Gebiet Bildende Kunst (Malerei, Fotografie) tätig, wir mochten Musik. Ich fand die Gründungsidee von Sabine sehr gut, brachte aber den Ansatz mithinein, mehrere Kunstrichtungen zusammenzuführen. Ich finde, dass sich alle Kunstrichtungen gegenseitig bereichern können. Mich inspiriert der Austausch mit anderen Künstler:innen, dadurch entsteht was Neues im eigenen Kopf – durch Kritik am eigenen Werk, gelingt es immer wieder die eigenen künstlerischen Komfortzonen zu verlassen. Das bringt einem im künstlerischen Schaffen voran.

Haben Sie selbst weibliche Vorbilder, „Starke Frauen“, die Sie inspiriert oder geprägt haben?

Frau Brandl: Ich habe keine Vorbilder oder Idole, in deren Fußstapfen ich treten möchte, ich möchte meinen eigenen Weg gehen. Es gibt aber immer wieder Eigenschaften, Werke und Taten von Personen, die ich mir zum Vorbild nehme, u.a. von vielen starken, klugen, mutigen, tapferen und begabten Frauen in der Geschichte und auch aktuell in der Medienlandschaft, Politik und Gesellschaft. Oder eben im persönlichen Umfeld und Bekanntenkreis. Da kommen stets neue dazu.
Ich kann Ihnen einige bekannte Autorinnen nennen, deren Bücher mich inspiriert haben: Agatha Christie, Patricia Highsmith, Rita Mae Brown, Anaïs Nin, Juli Zeh … Auch viele Autorinnen, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin und deren Romane nicht auf den Bestsellerlisten zu finden sind, finde ich sehr stark und talentiert. Hier möchte ich aber keine Namen nennen, da es sehr viele sind und ich keine davon versehentlich übergehen möchte.
Frau Weinhändler: Bei mir ist es ähnlich. Echte Vorbilder habe ich nicht, weil ich mehr davon halte, seine eigenen Stärken zu suchen, zu erkennen und diese soweit wie möglich „zu leben“. Ich bewundere Frauen, die es unter sehr schwierigen Bedingungen geschafft haben, ihrer Leidenschaft zu schreiben oder Kunst zu machen, nachgegangen sind. Frida Kahlo sei nur als Beispiel genannt. Momentan befasse ich mich mit Schriftstellerinnen aus Nieder- und Oberbayern, wie z.B. Lena Christ oder Emerenz Maier. Bei Emerenz Maier fasziniert mich, dass sie die Lebensumstände im Bayerischen Wald im ausgehenden 19. Jahrhundert literarisch festgehalten und somit ein wertvolles Zeitdokument geschaffen hat.


Sabine Brandl interessieren die Facetten zwischen Liebe und Freundschaft, sowie das Menschliche und Zwischenmenschliche im Allgemeinen. Dabei beschäftigt sie sich gerne mit Klischees und Vorurteilen, um Schubladen zu öffnen und ein positives Zeichen für die Vielfalt zu setzen. Sie hat in den letzten Jahren zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Außerdem arbeitet sie als Herausgeberin für verschiedene Buchprojekte, u.a.: »Verzaubert. Mein Herz schlägt queer« (Muc Verlag 2020). Ihr fünfter Roman »Das Rätsel um Cecile« erschien Anfang 2022 im Main Verlag, der sechste ist in Arbeit. Zur Homepage
Gisela Maria Weinhändler. In den 70ern geboren und aufgewachsen bei Deggendorf (Niederbayern), schloss 2001 ihr Studium »Soziale Arbeit« ab, lebt und arbeitet seit 2004 in München. Im gleichen Jahr gründete sie zusammen mit Sabine Brandl und anderen Künstler:innen den Künstlerverein REALTRAUM e.V., sie ist dort heute Vorstandsmitglied und moderiert die monatlich stattfindenden Werkstattgespräche. Ihren eigenen künstlerischen Schwerpunkt sieht sie nach vielen Jahren des Experimentierens in der Fotografie. Sie interessiert sich für Möglichkeiten ästhetischer Kopplungen und Brüchen zwischen den traditionellen, handwerklichen Künsten, den analogen technisch-apparativen sowie den digitalen Medien. Seit 2012 leitet sie die Geschäfte des muc Verlag GbR und war hier 2018 erstmals als Herausgeberin tätig (»Gefangensein. Kurzgeschichten« und »Gefangensein. Bilder und Gedichte«, muc Verlag GbR 2018). Neben einigen Bildern wurde im Herbst 2019 ihr erster Prosatext »München – ein Platz ist gesaved!« veröffentlicht (in: »München. Geschichten, Gedichte, Bilder«, muc Verlag GbR 2019). Aktuell studiert sie nebenberuflich Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Literaturwissenschaft an der Fernuniversität Hagen. Zur Homepage


Das Interview führte Veronika Haas.
Fotos © privat

Starke Frauen. Starke Übersetzerinnen




Frau Pfetsch, seit 1976 haben Sie als freiberufliche Literaturübersetzerin aus dem Englischen gearbeitet. Viele Namen und Werke Ihrer übersetzten Werke sind Meilensteine der Weltliteratur, darunter Alice Walker, Doris Lessing, Toni Morrison, Margaret Atwood und Joyce Carol Oates. Für Ihre Arbeit haben Sie Preise erhalten, auch das Bundesverdienstkreuz am Bande. Wie blicken Sie auf diese reichhaltigen Berufsjahre zurück?

Ich hatte das große Glück, in meinem Berufsleben genau das machen zu können, was ich am liebsten wollte und was mich anhaltend interessiert und erfreut. Nach einem Anglistikstudium und mehreren Jahren als Lehrerin am Gymnasium, von denen ich mich dann wegen meiner kleinen Kinder beurlauben ließ, glückte mir Ende der 1970er Jahre ein „Bilderbuch“-Einstieg ins Literaturübersetzen. In einem Artikel im Feuilleton der „Zeit“ hatte der Journalist und USA-Korrespondent Klaus Harpprecht beklagt, wie wenig übersetzt und bekannt die vielversprechende amerikanische Autorin Joyce Carol Oates in Deutschland sei – ganz im Gegensatz beispielsweise zu Frankreich. Mir war völlig klar, dass ich diejenige war, die Joyce Carol Oates ins Deutsche übersetzen und sie damit hierzulande bekannt machen musste. War das naiv oder größenwahnsinnig? Was auch immer – es klappte! Eine befreundete Buchhändlerin nahm mich mit zur Buchmesse nach Frankfurt und an den Stand der Deutschen Verlags-Anstalt GmbH, dem Verlag, in dem bis dahin zwei Bücher von  Oates auf Deutsch erschienen waren, und stellte mich  dem Cheflektor vor. Beherzt trug ich ihm meinen Wunsch vor. Der Zufall wollte es, dass er gerade die Rechte an dem neuen Erzählungsband „Crossing the Border“ von Oates  eingekauft hatte und nun eine Übersetzerin suchte. Er schickte mir einen Text daraus als Übersetzungsprobe – und ich bekam den Auftrag. Meine Übersetzung erschien 1978 unter dem Titel „Grenzüberschreitungen“ in einer ästhetisch gestalteten broschierten Ausgabe und wurde von renommierten Rezensenten in den Feuilletons der großen Zeitungen besprochen. Joyce Carol Oates war nunmehr „eine der großen Begabungen der amerikanischen Literatur“.
Dass ich im Folgenden so viele schöne Übersetzungsaufträge bekam, betrachte ich ebenfalls als Ergebnis eines günstigen Schicksals. Wer es einmal in den Kreis der bekannten Literaturverlage geschafft hat, wird gern für Übersetzungen ähnlicher Genres angefragt. Da Übersetzen im Buchbereich pro übersetzter Seite honoriert wird, muss man es sich – so merkwürdig das klingt – finanziell auch leisten können. Je mehr Zeit für das Übersetzen eines anspruchsvollen Texts nötig ist, desto weniger Honorar springt dabei heraus. Mein zweites Berufsstandbein als Methoden-Trainerin in Unternehmen und die finanzielle Unterstützung meines Mannes erlaubten es mir, sowohl Literatur zu übersetzen, als auch Zeit und Energie in die ehrenamtliche Arbeit im Übersetzerverband und dessen Freundeskreis zu investieren.

Was macht für Sie den Reiz des Übersetzens aus? Wie haben Sie sich jedem neuen Werk und neuen Autor:innen angenähert?


Toni Morrison
Foto © Angela Radulescu


Alice Walker
Foto © Virginia DeBolt

Das Faszinierende am Übersetzen hat für mich vor allem mit einer Neugier auf das Fremde, das Andere zu tun und mit dem Wunsch, es zu erschließen und zu verstehen. Und das nicht nur auf einer kulturellen Ebene, sondern sehr unmittelbar auf der sprachlichen Ebene. Was genau bedeutet es, wenn jemand einen bestimmten Satz sagt oder schreibt, bestimmte Worte verwendet, eine Sache knapp und kurz oder lang und in die Tiefe gehend formuliert? Und wie würde das klingen, wenn er oder sie das auf Deutsch sagte oder schriebe? Wie müsste das auf Deutsch lauten, um „richtig“ zu klingen?
Besonders die Sprache „meiner“ schwarzen – afrikanisch-amerikanischen – Autorinnen Sandra Young, Alice Walker und Toni Morrison hat ihre Wurzeln in der mündlichen Überlieferung. Hilfreich zum Verstehen und zum Verständnis dieser Sprache waren für mich sowohl zwei Seminare zum „Black American English“ an denen ich im Europäischen Übersetzer Kollegium Straelen teilnahm, als auch immer die Kontakte mit den Autorinnen selbst. Besonders meine erste schwarze Autorin Sandra Young hatte ein großes Bedürfnis, mich beim Übersetzungsprozess zu begleiten, da ihre Autobiografie „Ein Rattenloch ist kein Vogelnest“ nie als Original in den USA erschien, sondern vom Manuskript direkt ins Deutsche übersetzt wurde. Aus dieser persönlichen Zusammenarbeit habe ich viel über die Sprache und den kulturellen Hintergrund gelernt.

Sie haben viele zweifellos „Starke Frauen“ und „Starke Geschichten“ übersetzt. Es mag gewiss schwer sein, unter diesen Namen und Werken wenige besonders herauszuheben. Doch gibt es diese für Sie? Welche Werke und Autorinnen haben Sie persönlich besonders geprägt?

Beim Stichwort „starke Frauen“ taucht als erstes Toni Morrison vor meinem inneren Auge auf. Begegnet bin ich ihr bei einer Lesung aus „Beloved“ in Berlin. Ursprünglich sollte eine Schauspielerin die deutschen Passagen aus „Menschenkind“ lesen, was mir gar nicht gefiel, schließlich war die Übersetzung mein Text, den ich auch gerne selbst lesen wollte. Der Verlag kam meinem Wunsch nach und lud mich nach Berlin zu der Lesung ein. Ich erinnere mich sehr gut an das Gefühl, als ich dann neben der Autorin vor dem vollen Saal im Berliner Amerikahaus stand und sie zu lesen begann. Sie strahlte eine ungewöhnliche Power aus und ich merkte, dass ich lesend alle Kräfte aufbieten musste, um neben dieser Präsenz bestehen zu können!

Eine ganz andre Stärke geht von der eher zierlichen, wortgewandten und gewitzten Margaret Atwood aus. Ihr Blick auf die Welt ist mir immer als fast entspannt beobachtend, aber nachdrücklich-kritisch erschienen. Wie sie den Finger auf Missstände legt, das hat Gewicht und Bestand. Ihre Dystopie „The Handmaid’s Tale“ schrieb sie beispielsweise schon 1985, übersetzt erschien das Buch 1987 als „der Report der Magd“. Diese Zukunftsvision eines finster totalitären Staates, in dem Männer die Frauen zum nationalen Besitz entrechtet haben und zielorientiert missbrauchen, hat ihre Wirkung über Jahrzehnte behalten. Ihre Bedrohlichkeit und wurde in der Trump-Ära erneut erkannt: das Buch wurde vielfach neu aufgelegt und als Serie verfilmt.


Margaret Atwood
Foto © Frankie Fouganthin

Was macht es mit einem selbst, wenn man bewegende Geschichten wie „Die Farbe Lila“ von Alice Walker oder „Menschenkind“ von Toni Morrison übersetzt?

Als Übersetzerin bin ich zunächst einmal eine sehr genaue und intensive Leserin des Buchs, das ich zu übersetzen im Begriff bin. In dieser ersten Lesung wirkt das Buch auf eine Art und Weise auf mich wie jedes Buch, das ich lese. Es spricht mich an, es löst Bilder, Assoziationen und Gefühle aus, es beschäftigt mich, ich identifiziere mich mit Personen darin und lehne andere ab; ich freue mich an mancher Situation, schrecke vor anderen zurück und blende sie aus; ich lese es gern oder auch ungern.
Da das Übersetzen ein langwieriges Geschäft ist, bin ich den Geschehnissen und ihren Hintergründen, den Gedanken und Ideen des Originals über mehrere Monate ausgesetzt. Natürlich entfalten sie ihre Wirkung in mir. Der Übersetzungsvorgang selbst geht aber auf einer ganz anderen Ebene vor sich, die eher handwerklich ist, wenn man das von gedanklichen Prozessen sagen kann. Wie kriege ich es hin, das auf Deutsch sprachlich zu formulieren, was das Original auf Englisch sagt?

Empfindungen und Bewertungen sind hier nicht am Platz. Es geht darum, welche Wörter, welche sprachlichen Mittel mir und meiner Muttersprache zu Verfügung stehen, um den Text so zu gestalten, dass er bei meinen Lesern und Leserinnen das bewirkt, was der englische Text bei der Lektüre des Originals mit den muttersprachlichen Leser:innen macht.

Sie waren überdies auch Vorsitzende des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer Werke und Präsidentin des Freundeskreises literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen. Wie steht es um die Sichtbarkeit von Übersetzer:innen im deutschen Literaturbetrieb, aber auch in der Wahrnehmung von Leser:innen?

Die rechtliche Situation ist spätestens seit der 1. Urheberrechtsreform 2002 völlig klar: Literaturübersetzer:innen sind Urheber ihrer deutschen Texte und müssen als solche namentlich genannt werden, das verlangen die Guten Sitten. Dass das z.B. in Bestsellerlisten, in einigen Zeitungen und Zeitschriften, bei Lesungen, in Literatursendungen und bei Literaturfestivals immer noch nicht flächendeckend klappt, ist bedauerlich. Ich empfinde das als eine Bevormundung der Leserschaft. Denn ob die deutsche Übersetzung von Isabel Allendes „Violeta“ oder Delia Owens‘ „Der Gesang der Flusskrebse“ auch hierzulande ein Erfolg wird, liegt ja Wort für Wort auch in der Hand der Übersetzerin oder des Übersetzers. Diese Menschen, die Urheber:innen des deutschen Texts sind und die Sprachmacht haben, sollten wir als Leser:innen unbedingt kennen!
Hier in Heidelberg gibt es Übersetzerinnen und Übersetzer erfreulicherweise auch live zu sehen und zu erleben: aktuell bei Veranstaltungen des diesjährigen Heidelberger Literaturherbstes, der Weltlesebühne und der 7. Werkschau „Literarisches Übersetzen in der Metropolregion Rhein-Neckar“ in der Stadtbücherei.

Sollte es auf den Verlagsseiten im Internet neben der Rubrik „Autor:innen“ nicht auch eine Rubrik „Übersetzer:innen“ geben, nach welchen man gezielt suchen kann?

Das wäre wunderbar! Ein Weg dahin wäre es, wenn tatsächlich an allen Stellen, an denen der  deutsche Titel einer Übersetzung auftaucht, auch der Name der Übersetzerin oder des Übersetzers genannt würde. Einige Internet-Buchhandlungen tun das bereits. Wenn ich beispielsweise „Isabel Allende Violeta“ google, so nennt amazon die Übersetzerin Svenja Becker als Mitautorin, buecher.de nennt sie als Übersetzerin.

Wie steht es eigentlich um die Wahrung und Sicherung der Urheberrechte von Literaturübersetzer:innen?

Literaturübersetzer:innen sind die Urheber:innen ihrer Übersetzungen. Damit die Übersetzung in Buchform erscheinen kann, überträgt der Übersetzer die Rechte zur Veröffentlichung und Vervielfältigung dem Verlag, der den Auftrag erteilt hat. Sollte der Verlag zu irgendeinem Zeitpunkt  das Buch nicht weiter auflegen wollen, kann die Übersetzerin ihre Rechte zurückrufen. Wer dieses Buch dann erneut veröffentlichen möchte, muss sich nun an den Übersetzer wenden, um die Nutzungsbedingungen zu verhandeln.
Nach dem Tod eines Übersetzers oder einer Übersetzerin ist das übersetzerische Oeuvre noch 70 Jahre lang vom Urheberrecht geschützt. Oft wissen die Nachfolger mit diesen Dingen nicht umzugehen, und die Rechte liegen brach oder gehen spurlos unter.
Aus diesem Grund haben wir nun die WortErben gGmbH gegründet, eine gemeinnützige Gesellschaft, die es Übersetzer:innen anbietet, nach ihrem Tod ihre Rechte zu bewirtschaften, um das übersetzerische Lebenswerk professionell weiterzuführen. Damit können Einnahmen erzielt werden, die wiederum Übersetzer:innen, beispielsweise in Notlagen, zugutekommen sollen. Diese Neugründung findet schon jetzt bei unseren Kollegen und Kolleginnen großen Zuspruch.

Laut einer Studie der Universität Rostock aus dem Jahr 2018 werden Bücher von Frauen weniger verlegt und seltener rezensiert als von Männern. Wie ist es um die Gleichstellung von Übersetzern und Übersetzerinnen bestellt?

In Deutschland gibt es deutlich mehr Literaturübersetzerinnen als Literaturübersetzer. Deshalb gehen auch deutlich mehr Übersetzungsaufträge an Frauen als an Männer. Das hat zunächst einmal einfach statistische Gründe. Was uns im Übersetzerverband aber immer wieder auffiel, waren die höheren Honorare, die Männer oft für ihre Übersetzungen bekamen. Was war der Grund dafür? Waren sie die besseren Verhandler? Waren Frauen eher bereit zu niedrigen oder gar Dumping-Honoraren zu arbeiten, weil sie, vielleicht als Alleinerziehende, dringend Aufträge brauchten und lieber schlechte Bedingungen akzeptierten, als ganz ohne Arbeit dazustehen?
Mit Hilfe von Professionalisierungsseminaren arbeitet der Übersetzerverband schon seit langem daran, bei allen Übersetzenden, ob Männern oder Frauen, professionelle Fähigkeiten und professionelles Verhalten, unter anderem beim Verhandeln von Honoraren und Vertragsbedingungen insgesamt, zu stärken.
Eine andere erstaunliche Tatsache fiel uns allerdings im Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen etwa zur Zeit der Rostocker Studie auf: Die beiden großen Übersetzerpreise, die der Freundeskreis vergibt – Helmut M. Braem-Preis und Christoph-Martin-Wieland-Preis – gingen wesentlich häufiger an Männer als an Frauen. Wie konnte das sein? Für die Übersetzerpreise können sich Übersetzerinnen und Übersetzer selbst bewerben. In der fünfköpfigen Jury sitzen jeweils mindestens drei qualifizierte Übersetzer:innen. Wäre es möglich, dass wir selbst letzte Reste patriarchalischen Denkens in unseren Köpfen haben? Mit der provokanten Frage: „Sind Männer die besseren Übersetzer?“ eröffneten wir die Diskussion und teilten unsere Beobachtungen und Interpretationsversuche auch mit den Mitgliedern der Jurys. Interessanterweise gingen die Preise seither zweimal an eine Frau, einmal an einen Mann und einmal an ein Übersetzer-Tandem Frau-Mann.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto © privat

Starke Frauen. Starke Künstlerinnen



Erleben Sie Cholud Kassem beim 8. Literaturherbst Heidelberg
bei Lesung, Gespräch und Ausstellung mit
Peter-Huchel-Preisträger Dinçer Güçyeter


Frau Kassem, Ihre Bilder haben oft etwas Chiffrenhaftes, insbesondere Ihre Serien erwecken den Eindruck, dass sie komplexe Geschichten erzählen. Ist Malerei für Sie eine „stumme Poesie“?

Ich bin oft selbst überrascht, wie unterschiedlich meine Bilder „gelesen“ werden. Das kann von Betrachter zu Betrachter sehr unterschiedlich sein. Durch meine Formensprache, die sich nur bedingt, mal mehr mal weniger, an der wahrnehmbaren Wirklichkeit orientiert, bleibt es dem Interpreten überlassen, wo er seinen Schwerpunkt setzen möchte, mal ist es eher die Farbe, mal die Form, oder auch beides zusammen. Durch die chiffrenartigen oder emblematischen Formen, die sich bei mir im malerischen Prozess entwickeln, möchte ich den Betrachter nicht festlegen, was er sehen „soll“. Es darf rätselhaft bleiben, die Titel können eine Hilfestellung geben, bleiben aber auch meist offen… Die Bilder können aber ganz bestimmt „erspürt“ werden. Das ist doch dann wohl das Poetische, oder?

Beim diesjährigen Literaturherbst dürfen wir Sie gemeinsam mit dem diesjährigen Peter-Huchel-Preisträger Dincer Gücyeter erleben, es sind die Parallelen Ihrer Biografien, Ihrer Selbst- und Welterfahrungen, die Sie auf besondere Weise haben zusammenfinden lassen. Sehen Sie auch Parallelen zwischen Dincer Gücyeters Gedichten und Ihren Bildwerken?

In der Frage ist die Antwort eigentlich schon enthalten. Was uns verbindet ist in erster Linie eine große persönliche Sympathie. Als er mich mit Paul-Henri Campbell in der Frühphase der Pandemie in meinem Atelier besuchte, war sofort eine Herzensverbindung da. Er sagte damals einen Satz, der sich mir sehr eingeprägt hat, nämlich, dass wir beide unsere Leben als Quellen für unsere Arbeit nutzen würden. Das stimmt! Beide bleiben wir nah an unseren Leben dran, er mit Lyrik und einem Roman, ich mit gemalten Bildern und inzwischen auch Fotoprojektionen, für die ich auch Bilder aus meinem Familienalbum verwende. Beide haben wir unsere Wurzeln im Orient und sind in Deutschland, in kleineren Städten, groß geworden: er in Nettetal und ich in Viernheim. Trotzdem finden sich beide Kulturen in unserer Kunst.

Bis zum 1. Oktober konnte man im Kunsthaus Viernheim Ihre aktuelle Ausstellung erleben: „AL WATAN. Vom Reisen und Ankommen“. Es ist, wenn ich so sagen darf, eine Ihrer intimsten Ausstellungen, denn Sie erzählen mit Ihren Werken und auch mit privaten Fotos aus Ihrem Leben, vom „Reisen und Ankommen“. Das „Reisen“ in Ihrem Leben begann, als Sie als dreieinhalbjähriges Mädchen mit Ihren Eltern Ihr Heimatland Irak verlassen haben und nach Deutschland zogen. Kurz darauf trennten sich Ihre Eltern und Sie kamen zu Pflegeeltern, gingen in einen katholischen Kindergarten. Was waren die prägendsten Stationen Ihrer Reise, bis zu einem ersten „Ankommen“?

Ich möchte mal so beginnen: Hätte man mir noch vor dreißig Jahren gesagt, dass ich meinen Lebensunterhalt als freischaffende Künstlerin bestreiten kann, hätte ich das niemals geglaubt! Meine Pflegeeltern, bei denen ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr lebte, meine Mutter war ja in den Irak zurückgekehrt, waren ganz einfache Menschen, die einen großen Garten hatten, Hühner und Hasen und nie in ein Museum gingen. Stationen waren dann auch ein katholisches Kinderheim mit ausgesprochen strengen Nonnen und einer „Pädagogik“, die heutzutage unter Strafe stünde. Meine Schulleistungen waren miserabel, außer in Kunst, und meine Lehre als Zahnarzthelferin absolvierte ich mal gerade so.

Ich hatte aber auch viel Glück in meinem Leben. Mit 23 Jahren motivierte mich mein damaliger Freund, es doch mal mit der Begabtenprüfung zu versuchen, um mit einem Studium an der Pädagogischen Hochschule beginnen zu können. Nach bestandener Prüfung studierte ich neben Deutsch und Geografie im Hauptfach Kunst. Dadurch eröffnete sich für mich eine neue Welt. Ich ging in Ausstellungen, besuchte Museen und hatte mit der Kunst etwas gefunden, wo ich mich zu Hause fühlte. Allerdings brauchte es noch viele Jahre, bis die Entscheidung fiel, meinen Schwerpunkt auf die eigene Kunst zu legen; ich wollte nicht in den Schuldienst. Ich hatte damals auch nicht geplant, Künstlerin zu werden, das ergab sich dann, zu meinem eigenen Erstaunen.

Die Serien, die im Laufe der Jahre entstanden sind, nehmen inhaltlich mehr oder weniger Bezug auf persönliche Erinnerungen und Ereignisse. Im Wesentlichen sind es die Themen Schutz, Abgrenzung und Wehrhaftigkeit, die behandelt werden und bereits in den Titeln zum Ausdruck kommen: „Schutzlinge“, „Fühler und Geweihe“, „Superkarmas“, „Schutz- und Tarnhelme“ oder „Burka Hidschab Nonnenschleier“. Letztere Serie ist entstanden, als ich nach über vierzig Jahren meine Mutter wieder traf und erst da zum ersten Mal den Familienzweig mütterlicherseits kennenlernte. Schon 2020 begann ich damit, bei Ausstellungen Fotoprojektionen im Stile einer Diashow ergänzend zur Malerei zu zeigen und stellte so collageartige Bezüge zu meinen malerischen Arbeiten her. Dafür habe ich auch private Fotos aus meiner Sammlung verwendet und Fotos, die ich die letzten Jahre von meiner Verwandtschaft bekommen habe. Dass ich jetzt im Viernheimer Kunstverein diese große Einzelausstellung „Al Watan – vom Reisen und Ankommen“ machen durfte, ist für mich sehr berührend, zumal ich dort meine Kindheit und Jugend verbracht habe – mit Traumata und auch schönen Erinnerungen. So schließt sich für mich ein Kreis.

Das „Ankommen“ beginnt vermutlich, als Sie nach Jahrzehnten Ihrer Mutter wiederbegegnen? Was ließ Sie mehr und mehr ankommen?

Auf dem letzten Foto der Diashow habe ich ein Foto von mir gewählt, das mich in Istanbul auf einer Fähre zeigt, und möchte damit symbolisch sagen: „Die Reise geht weiter“. Das Ankommen ist nie der Endpunkt, sondern schon zuvor gab es viele Erkenntnisse und Stationen im Leben, die mir mein Selbst näherbrachten. Ich glaube, das hat bei mir, auch bedingt durch meine Lebensumstände, ein bisschen länger gedauert. Aber die Frage der eigenen Identität stellt sich für mich nicht mehr wie früher.

Gerade durch meine künstlerische Arbeit im geschützten Raum des Ateliers, gab und gibt es die intensiven Momente der Selbstvergewisserung. Zudem habe ich einen wundervollen Partner und wirklich gute Freunde.
Ich hatte mich schon vor einer längeren Zeit auf den Weg gemacht, in meinem Leben ‚aufzuräumen‘, mir auch schmerzhafteren Fragen zu stellen, und ich war inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ich weitgehend mit meinem Leben im Einklang war. Allerdings beschäftigte mich immer noch die Frage nach meiner Mutter, weil ich doch wissen wollte, ob sie noch lebte und wie es ihr in den vierzig Jahren ergangen war, in denen wir keinen Kontakt miteinander hatten. Zaghafte Recherchen zeigten recht bald, dass es angesichts der Situation im Irak recht aussichtslos war, sie in Bagdad zu finden. Dann geschah das wirklich Unverhoffte: Mein Onkel, der mich als Kleinkind in Bagdad zuletzt gesehen hatte und jetzt in der Türkei lebt, hatte nach mir gegoogelt und mich über Facebook und E-Mail angeschrieben und mitgeteilt, dass meine Mutter momentan bei ihm in der Türkei sei und ob ich sie sehen wolle. Kurz danach buchten mein Lebenspartner und ich Flüge dorthin und ich traf nach so langer Zeit meine Mutter wieder. Ein sehr emotionales und bewegendes Zusammentreffen. Aber es stimmt: Von diesem Moment an, hatte ich das Gefühl, das fehlende Puzzleteilchen für mich gefunden zu haben, und die Fragen, warum sie weggegangen war, konnte ich mir jetzt viel besser beantworten. Verziehen hatte ich ihr aber schon zuvor. Sie konnte damals, als sie meinen Vater verlassen hatte und wieder in den Irak zurückging, nicht anders.
Seit dem Wiedersehen ist meine Mutter allerdings wieder in Bagdad. Aber zu meinem Onkel und meinen Cousinen und Cousins in der Türkei blieb eine herzliche Verbindung mit regelmäßigen Besuchen dort. Und häufig finden sich im Sommer auch noch andere Familienangehörige aus den Emiraten oder den USA ein. Es ist für mich wie ein Wunder, eine Familie zu haben und das Gefühl von Zugehörigkeit erleben zu dürfen, das ich vorher so nicht kannte. Das war ein Ankommen, das ich mir nicht erträumt hatte. Leider hat mein Bruder es nicht mehr erleben dürfen, er ist 2001 in Indien gestorben.

Was bedeutet heute „Heimat“ für Sie?

Gerade neulich hat mich der Gedanke, hier im Rhein-Neckar-Raum geblieben zu sein, mit großer Freude erfüllt. In Mannheim und Viernheim bin ich zur Schule gegangen, habe meine Lehre gemacht, und in Heidelberg habe ich studiert und bin geblieben. Bei meiner Ausstellungseröffnung in Viernheim waren viele Besucher:innen und Freunde da, die ich fast mein ganzes Leben lang kenne. Das gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein. Ich bin nicht der Mensch, der große Veränderungen braucht, es ist eher das Vertraute, die Routine, Partner und Freunde, die mir das Gefühl von Heimat geben. Aber es war wichtig, auch den orientalischen Teil in mir kennenzulernen und zuzulassen.

Sind das „Reisen“ und „Ankommen“ im Leben überhaupt ein abschließbarer Prozess? Und welche Bedeutung hat die die Malerei für Sie dabei? Ist sie auch „Wegweiser“, „Meilenstein“ in diesem Prozess?

Wenn „Reisen“ und „Ankommen“ im Leben ein abschließbarer Prozess sein sollten, dann wohl nur im Tod. Ansonsten würde ich sie wohl eher als einen ewigen Prozess charakterisieren. Als junger Mensch habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht. Aber ab einem bestimmten Alter fing ich an, mir die Frage zu stellen, warum ich auf der Welt bin, was ich hier zu erledigen habe und wie ich gehen möchte. Ich sehe es so, dass die Aufgaben, die mir mein Schicksal ins Leben geworfen hat, von mir gelöst werden möchten, um mit meiner Umwelt und mir im Frieden zu sein. Bisher scheint mir das ganz gut gelungen zu sein, und es gab in der Vergangenheit häufiger dieses Gefühl ‚angekommen‘ zu sein, kleine Stationen im Sinne der Erkenntnis und der Heilung.

Die künstlerische Arbeit hilft mir sehr dabei, gerade das Malen. Ich male gerne bis spät in die Nacht, und es ergibt sich dann oft diesen Zustand des ‚Bei-sich-Sein‘, fast wie bei einer Meditation. An den Serien arbeite ich oft über Monate, oft auch Jahre… und während ich daran male, weiß ich oft selbst nicht ganz genau, warum mich zu bestimmten Phasen in meinem Leben bestimmte Themen bewegen und trotzdem ihre Form finden. Erst im Nachhinein wird es mir deutlich, auch über Gespräche mit Betrachtern. Und erst zum Schluss erhalten die verschiedenen Serien ihre Titel. Insofern würde ich die Malerei auch nicht „Wegweiser“ oder „Meilenstein“ benennen, sondern sie ist vielmehr ein offener Prozess, der Weg, wenn man so will…

Frau Kassem, ohne Zweifel sind Sie eine wahrlich starke Frau. Wie sehen Sie sich selbst?

Über eine solche Wahrnehmung freut man sich natürlich, und es gab unter der Überschrift „Starke Frauen“ sogar schon einmal ein Interview mit mir in der Rhein-Neckar-Zeitung, geführt von Matthias Roth. Aber die Außenwahrnehmung und das eigene Erleben sind nicht dasselbe. Man spricht nicht gerne über die eigenen Zweifel, die man hat, aber vielleicht war das auch immer mein Antrieb, die Dinge, die ich mir vorgenommen hatte, gut zu machen. Eigenschaften, die mich dort sein lassen, wo ich bin, sind Beharrlichkeit, Zuverlässigkeit, ein gutes Maß an Disziplin und das Vermögen, auch mal Dinge auszuhalten, wenn sie nicht gut laufen.
Zudem bin ich nicht alleine auf der Welt und bekomme viel Unterstützung von meinem Lebenspartner und Freunden, auch in schwierigeren Zeiten. Inzwischen kann ich ja auch schon ein paar Jahrzehnte überblicken, sehe meine Arbeiten, die ich im Laufe meines Lebens erstellt habe… und da gibt es die Momente der Zufriedenheit gepaart mit einem Bisschen Stolz, dass ich trotz widriger Lebensumstände, in die ich hineingeboren wurde, es geschafft habe, als Künstlerin zu leben.

Hatten oder haben Sie selbst weibliche Vorbilder?

Die wirklichen Bezugspersonen in meinem früheren Leben waren Männer, mein Vater und mein Bruder. In meiner Kindheit konnte ich mich auf die weiblichen Personen in meinem Umfeld nicht verlassen, das beeinflusste mich lange. Sehe ich alte Fotos von mir an, finde ich kaum ‚Weibliches‘: Der Look war androgyn, was natürlich auch ein wenig in die Zeit der 80er gehörte, aber ich erinnere mich an keine Nur-Frauen-Runden, an denen ich teilnahm, sondern es zog mich eher zu der männlichen Gay-Community. Erst im Laufe der Zeit merkte ich, wie wichtig Frauenfreundschaften sind, und erst da wurde mir bewusst, dass es in meinem Leben zuvor keine positiv besetzten Frauenbilder gab. Denke ich darüber nach, wer jetzt ein weibliches Vorbild für mich sein könnte, sind es Frauen, die sich von gesellschaftlichen Normen unabhängig machen und für eine Sache einstehen, ob künstlerisch oder politisch.

Welche weiteren Projekte und Ausstellungen planen Sie für die nahe Zukunft?

Im Kunstbetrieb werden Ausstellungen schon lange im Voraus geplant und es gibt mehr ‚Drumherum‘ als die meisten gemeinhin vermuten. 2023 wird es eine Einzelausstellung in der Heidelberger Galerie „Kunstraum Vincke-Liepmann“ geben, immerhin meine fünfte Ausstellung in diesen wunderschönen Räumen. Dann einige Beteiligungen z.B. mit dem „Haus am Wehrsteg“, auch in Heidelberg. Ich möchte auch unbedingt einen neuen Katalog machen, die Vorbereitungen laufen schon.


Cholud Kassem, geb. 1956 in Bagdad/Irak, seit frühester Kindheit in Deutschland. Schulzeit und Lehre in Mannheim und Viernheim, über die Begabtenprüfung Zugang zum Studium an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Abschluss im Hauptfach Kunst. Seit 1997 freischaffende Künstlerin mit Schwerpunkt Malerei. Förderungen u.a. durch das Bundespräsidialamt Berlin, Stiftung Kunstfonds Bonn, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und die Verwertungsgesellschaft Bildkunst in Bonn. Arbeiten in öffentlichen Sammlungen u.a. Verteidigungsministerium Berlin, Regierungspräsidium Karlsruhe, Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis, Stadt Heidelberg. Zahlreiche Ausstellungen in Kunstvereinen und Galerien.


Das Interview führte Veronika Haas.
Fotos © privat

Starke Frauen. Starke Übersetzerinnen




Frau Razum, ist Übersetzen vergleichbar mit der Tätigkeit eines Pianisten, der die Werke von Komponisten interpretiert?

Eine gewisse Parallele kann man da sicher sehen, – wobei ich vermuten würde, dass in der Musik, selbst in der klassischen (in allen anderen Sparten sowieso), der Interpretationsspielraum, also die Freiheit, die Vorlage persönlich auszugestalten, doch etwas größer ist als beim Übersetzen. Für uns gilt die Maxime: So (originalge)treu wie möglich, so frei wie nötig. Allerdings gibt es immer verschiedene Möglichkeiten, diese Maxime umzusetzen – wenn man fünf Übersetzer:innen ein und denselben Text übersetzen lässt, kommen fünf verschiedene Übersetzungen heraus, die alle gleichermaßen angemessen und gelungen sein können. Es bleibt also bei aller Texttreue doch ein gewisses Maß an Individualität. Würde man allerdings bei einer beliebigen Übersetzung auf Anhieb erkennen, von wem sie stammt, wäre diese Individualität zu stark in den Vordergrund gerückt: Erkennen sollte man den Ton der Autor:innen, nicht den der Übersetzer:innen. Für eine:n Solo-Musiker:in hingegen ist Unverwechselbarkeit vermutlich erstrebenswert.

Anders als Klaviervirtuosen fallen Übersetzer:innen noch immer zu wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung zu, obwohl sie es sind, die uns die Weltliteratur erschließen. Wie gehen Sie damit um?

Ich nutze seit jeher jede Gelegenheit, um hinlänglich interessierten Menschen von unserer Tätigkeit und unseren Arbeitsbedingungen zu erzählen. Vielen Leser:innen ist ja nach wie vor gar nicht recht bewusst, wessen Worte sie lesen, wenn sie ein übersetztes Buch vor sich haben: Es sind die der Übersetzerin oder des Übersetzers. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Leute aufrichtig interessiert, wenn sie durch eine persönliche Begegnung aufs Literaturübersetzen aufmerksam (gemacht) werden. Natürlich muss diese Art von Information und Austausch so umfassend wie möglich auch im größeren Zusammenhang stattfinden, also in den Medien, durch Veranstaltungen, durch berufspolitische Aktivitäten etc. Ich war einige Jahre in unserem Übersetzerverband aktiv, um auch auf dieser Ebene meinen Teil dazu beizutragen, dass unsere Arbeit stärker wahrgenommen und gewürdigt wird.

Soeben haben Sie Katie Kitamuras Roman „Intimitäten“ (Hanser) übersetzt, die Geschichte einer Dolmetscherin am Haager Gerichtshof, gefangen zwischen den Wahrheiten. Lassen Sie uns ein wenig über Ihre Schulter schauen: Wie gehen Sie bei der Übersetzung eines solchen Romans vor, wie gestaltete sich Ihr Arbeitsalltag und wie viel Zeit beanspruchte die gesamte Übersetzung?

In den meisten Fällen (aber nicht immer) lese ich das Original mindestens zu einem Drittel, bestenfalls ganz, ehe ich anfange zu arbeiten, weil ich dadurch den Ton schneller und besser finde, ich schwinge mich beim Lesen sozusagen schon ein. Intimitäten habe ich ganz gelesen, bevor ich mit der Übersetzung angefangen habe.
Mein Arbeitsalltag gestaltet sich im Prinzip immer gleich, egal was für ein Buch ich gerade übersetze. Da ich ein Abendmensch bin, fange ich morgens selten vor zehn an zu arbeiten. Als erstes lese ich (am Bildschirm) die Arbeit des Vortags und redigiere meine Übersetzung auf diese Weise – sozusagen portionsweise – ein erstes Mal. Bei Intimitäten fiel einiges an Recherche an, das erledige ich (wie wir alle) inzwischen größtenteils im Internet, wo man zu den meisten Themen früher oder später fündig wird. Was sprachliche Fragen angeht (Verständnisfragen, die Suche nach dem passenden Begriff, stilistische oder grammatikalische Zweifelsfälle etc.), tausche ich mich, oft auch mehrmals täglich, telefonisch mit Kolleg:innen aus. Meist findet man dann gemeinsam – manchmal einfach schon dadurch, dass man gezwungen ist, das Problem genau zu benennen – eine gute Lösung.

Dieser Austausch ist mir sehr wichtig. Abends arbeite ich meistens bis um halb elf – einer der großen Vorteile, die das Freiberuflerdasein bietet, ist ja die freie Zeiteinteilung. Man kann sich den Arbeitstag seiner Disposition entsprechend gestalten, was bei mir bedeutet, dass ich irgendwann im Laufe des Tages – wenn mein Gehirn erlahmt oder die Sonne gerade so schön scheint – rausgehe, um mich zu bewegen, und mich hinterher mit neuem Schwung wieder an die Arbeit mache. Anders würde diese Schreibtischtätigkeit, die ich ja zudem zu Hause ausübe, für mich gar nicht funktionieren.
Für die komplette Übersetzung von Intimitäten habe ich, wenn ich mich recht erinnere, knapp zweieinhalb Monate gebraucht.




(von l.n.r.) Kathrin Razum mit ihren Kolleginnen Regina Keil-Sagawe und Ilka Schlüchtermann
beim 8. Literaturherbst Heidelberg im Format „Starke Frauen. Starke Übersetzerinnen“
am 10. Oktober 2022 im Bücherglück – Petras Bahnstadt-Buchhandlung

Jeder Autor, jede Autorin hat einen eigenen Sprachduktus und Rhythmus. Wie nähern Sie sich dem an? Worauf gilt es zu achten?

Da hilft mir, wie schon erwähnt, das vorherige Lesen des Buchs. Es gibt auch Autor:innen mit einem ausgeprägten eigenen Ton, der einem beim Übersetzen des nächsten, neuen Buchs sofort wieder vertraut ist, bei Katie Kitamura zum Beispiel ist das so, da konnte ich vom Ton her wieder da ansetzen, wo ihr letzter Roman aufgehört hat, auch wenn die Geschichten vollkommen unterschiedlich sind. Ansonsten ist man mit den Büchern ja lang genug beschäftigt, um früher oder später in den Ton hineinzufinden – es liegt einem auch nicht jedes Buch gleich gut, manchmal hat man den Ton ganz schnell gefunden, manchmal müht man sich erst mal etwas ab…

Sie haben neben Edna O‘Brien, Rebecca Solnit, Hilary Mantel und anderen auch Susan Sontag übersetzt, nämlich ihre zweifellos intimsten Schriften: ihre Erzählungen „Wie wir jetzt leben“ und auch die Tagebücher. Als Übersetzerin wurden Sie Teil von Susan Sontags Gedanken, Empfindungen, Lebenswegen. Wie war die Auseinandersetzung mit dieser vielfältigen Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin?

Ich habe Susan Sontag sehr gern übersetzt, weil sie eine ausgesprochen klare, präzise und ausdrucksstarke Sprache hat. Bis auf wenige Stellen in ihren Tagebüchern, wo Einträge derart verkürzt und kryptisch waren, dass ich etwas ratlos davor saß, habe ich bei ihr nie – was bei weniger guten Autor:innen häufiger vorkommt – auf einen Satz gestarrt und gedacht: Ich verstehe jedes einzelne Wort, aber was in aller Welt will sie mir da sagen? Nach dreißig Jahren Berufspraxis ist mir die sprachliche Qualität der Texte, die ich übersetze, wichtiger denn je, der Inhalt tritt da fast ein bisschen in den Hintergrund, denn wenn die Sprache nicht funktioniert, nützt die schönste Idee oder Romanhandlung nichts mehr (da bin ich auch beim „normalen“ Lesen sehr kritisch).
Susan Sontags Texte waren aber natürlich auch inhaltlich äußerst interessant, wobei ich fand, dass in den ganz frühen Tagebüchern (aus den Pubertätsjahren) dies und das sehr Private vom Herausgeber vielleicht doch hätte gestrichen werden sollen. Aber das ist bei Tagebüchern ja manchmal schwer zu entscheiden.

Im Erzählband hat mich besonders die titelgebende Erzählung „Wie wir jetzt leben“ fasziniert und bewegt, es geht um den Beginn der AIDS-Krise in den USA der frühen Achtziger. Die ganze Geschichte ist in einem ständigen, manchmal kaum merklichen Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede verfasst – übersetzerisch eine Herausforderung, aber eine der allerschönsten Art, das habe ich mit großer Freude übersetzt. Zugleich ist es mir inhaltlich aber sehr nah gegangen, eine sehr intensive Übersetzungserfahrung.

Seit den 1990er Jahren sind Sie Übersetzerin, u.a. für Hanser, Hoffmann & Campe, btb, dtv, Nagel & Kimche, Steidl und Diogenes. In all den Jahren haben Sie viele Bücher von Frauen übersetzt. Welche dieser Autorinnen hat Sie besonders beeindruckt, gilt Ihnen als „Starke Frau“?

Starke Frauen sind diese Autorinnen vermutlich alle, immerhin haben sie es geschafft, Bücher zu publizieren, was vermutlich nicht so ganz einfach ist.

Eigens erwähnen sollte ich vielleicht Edna O’Brien, die Grande Dame der irischen Literatur, von der ich mehrere Romane übersetzt habe. Ihr letzter Roman Das Mädchen erzählt die Geschichte eines nigerianischen Mädchens, das von der islamistischen Sekte Boko Haram gefangen genommen und versklavt wird, nach einem wahren Martyrium schließlich fliehen kann, sich dann aber ganz neuen, ungeahnten Schwierigkeiten gegenübersieht, weil sie in der Gesellschaft nun als unrein gilt und geächtet wird. Für diesen Roman ist Edna O’Brien mit Mitte achtzig (!) für mehrere Wochen nach Nigeria gereist und hat mit Betroffenen gesprochen.

Die Übersetzung dieses Romans habe ich als sehr belastend empfunden, manchmal musste ich früher aufhören, weil mir das alles zu nah ging – sowohl die fiktive Geschichte als auch meine ausgiebigen Recherchen – und ich mir erst wieder etwas Distanz verschaffen musste. Was muss es erst für die Autorin bedeutet haben, sich derart intensiv mit diesen entsetzlichen Geschehnissen auseinanderzusetzen (von den Betroffenen natürlich gar nicht zu reden, das versteht sich von selbst)! Dass Edna O’Brien, die in ihren Romanen Zeit ihres Lebens gegen die Unterdrückung der Frau angeschrieben hat, im hohen Alter solche Strapazen auf sich genommen hat, um eine der fürchterlichsten Formen der Frauenfeindlichkeit anzuprangern, finde ich sehr beeindruckend.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto Kathrin Razum © privat | Foto Übersetzerinnen © Literaturherbst Heidelberg, Veronika Haas

Starke Frauen. Starke Autorinnen




Frau Heller, Frau Morin, „Schwestern im Vers. Zwiesprachen zwischen Morgen und Frausein“ ist der Titel Ihres gemeinsamen Lyrik-Bandes (Edition Melos, Winter 2022). Als „Vers-Schwestern“ erlebten wir Sie auch beim diesjährigen Literaturherbst Heidelberg. Dass Frauen in einen gemeinsamen lyrischen Dialog treten und daraus ein Buch entsteht, ist in der Literatur noch immer eher ungewöhnlich. Wie ist es zu Ihrem lyrischen Miteinander gekommen?

Sofie Morin: Wir hatten das gar nicht geplant. Am Welttag der Poesie 2019 haben Dorina und ich uns in Heidelberg bei einer Veranstaltung des Kulturamts gegenseitig lesen gehört. Ich war sofort betört von der Bildkraft und der Leichtigkeit, mit der Dorina über die Sprache tanzt. Das war eine Frische und Lebendigkeit, die mich angesprochen hat, wie eine hoffnungsvolle Aussicht auf eine neue Generation Lyrikerinnen. Im Gespräch haben wir dann Gemeinsamkeiten entdeckt: Da war nicht zuletzt unsere intellektuelle Sozialisation, die eine feministische war und ist. Ich kann von mir sagen, dass ich mich während des Studiums in Wien an der Hand von Denkerinnen wie Luce Irigaray, Judith Butler und Donna Haraway bewegt habe, die sich mit sexueller Differenz befassen. Dorina hat ähnliche, rezentere Erfahrungen. Beide waren wir auch innig in fremden Sprachen unterwegs und haben unsere je eigene Geschichte damit, uns fremde Kulturen begreifbar zu machen.
Zugleich haben wir uns sicherlich auch über unseren Wiener Zungenschlag gefunden, bei uns beiden jeweils unterschiedlich eingefärbt durch die Fremde. Auf eine Weise haben wir einander vielleicht geholfen, uns das spürbar zu machen, und damit vermeintlich die Frage nach der Heimat. Unser eigentlicher Dialog in Form von Lyrik hat dann schon über Ländergrenzen hinweg getragen.
Orte und Texte gehören ja manchmal unentwirrbar zusammen. Ich weiß es jedenfalls noch genau, den Tag als ich mir den Ausdruck eines Gedichtentwurfs von Dorina mit in die Heidelberger Stadtbücherei genommen hatte. Eigentlich wollte Dorina eine Rückmeldung zu ihrem Text, aber ich habe gemerkt, dass ich zu wenig daran auszusetzen und zu viel darauf zu entgegnen hatte. So ist unversehens meine erste Antwort auf einen Text von Dorina entstanden.
Unser Dialog ist innerhalb von zwei Jahren zum Manuskript herangewachsen und das nicht ohne den Anstoß einer weiteren Frau, der Herausgeberin Alexandra Bernhardt, die einen Dialog von uns ins österreichische Jahrbuch Lyrik aufgenommen und uns gefragt hatte, ob wir aus unseren Zwiesprachen nicht ein Buch machen wollen. Und das wollten wir!
Wir schreiben beide auch Prosa, gar nicht wenig, aber das Format unseres Austausches ist zumeist ein poetisches. Ich habe einmal behauptet wir würden uns in Lyrik kleiden, während die Prosa zum Trocknen im Wind weht. Als wäre es einfach Zeit für mehr Poesie in der Welt. Das ist jedenfalls etwas, das mich sehr beschäftigt, das Zusammenspiel von Dialog und Poesie vor dem Hintergrund unserer gesellschaftlichen Bedingungen. Denn alles passiert ja vor diesem Hintergrund. Und ich meine, gerade jetzt ist Solidarität gefragt und unsere lyrische Zusammenarbeit – diese zu Gehör zu bringen, auf Papier, oder auf einer Bühne davon und daraus zu sprechen – soll Räume für ein friedliches Miteinander öffnen.
Dorina Marlen Heller: Ja, Sofie und ich haben uns in der Straßenbahn kennengelernt. Dort fand am Welttag der Poesie eine Lesung statt, mit mehreren Autor*innen, je nach Sitzplatz in der Bahn, konnte man die Lesenden gar nicht sehen. Also habe ich Sofie und ihre Texte gehört, bevor ich sie erst später auch gesehen habe. Rückblickend war vielleicht auch schon dieser erste Begegnungskontext, das In-Bewegung-Sein, das Unterwegssein, programmatisch für unseren Dialog. Wie Sofie schon gesagt hat, Orte und Texte gehören manchmal unentwirrbar zusammen und auch viele unserer Dialoge entzünden sich an Orten oder (noch) nichtexistenten Orten, also Utopien und Sehnsuchtsprojektionsflächen. Besonders ist sicher, dass wir uns zuschreiben über Generationen, Schreibstile und Ländergrenzen hinweg. Vermeintlich Trennendes wird so zur Spielwiese für unsere Texte. Eine Spielwiese, die nun in den letzten Jahren sehr gewachsen ist, über die wir beide wachen und in der wir immer wieder neu aussäen. Sofie, nicht zuletzt als Biologin, ist ja mehr als geübt in der sorgend-beharrlichen Pflege von Wuchsformen jeglicher Art.

„Zwiesprachen zwischen Morgen und Frausein“: Wohin führten Sie Ihre lyrischen Dialoge, und inwiefern kreisen sie um das Frausein?

Sofie Morin: All unsere poetischen Suchbewegungen entzünden sich an gemeinsamen Themen, von denen das Frausein nie wegzudichten ist. Das auszuloten treibt uns beide schon seit der Initialzündung unseres Dialogs um. Auslöser war ein Mann, ein gewisser Blaubart, der bekanntermaßen Frauen ausgelöscht hat. Dorina und ich sind uns glaube ich von Beginn an stillschweigend darin einig gewesen, dass es uns am Herzen liegt, unsere weibliche Sozialisierung in unseren Texten zu benennen und so eine Sichtbarkeit zu erzeugen. Freilich vor dem Hintergrund unser beider akademischer Schulung in feministischen Gedankengängen, die uns einander als Verbündete begreifen lässt.
Wir stehen an unterschiedlichen Punkten in unserem Lebenslauf: Ich bin gerade Großmutter geworden, Dorina baut sich mit bewundernswerter Eleganz eine Karriere auf, nur unter anderem als vielseitige Autorin. Und doch ist Vieles, was uns im Leben aktuell begegnet, vergeschwistert. Die Frage, zum Beispiel, was es braucht, für uns und andere Frauen, um einen Waffenstillstand zwischen Sorgearbeit und Brotberuf herzustellen, was es braucht, um die eigene Sprache als Autorin zwischen alledem zu entfalten.
Dieser Untertitel unseres gemeinsamen Manuskripts »Lyrische Zwiesprachen zwischen Morgen und Frausein« fängt das Prekäre ein, das unsere Schreibpraxis begleitet, das Schreiben in Zwischenräumen, das notwendige Schreiben an unserer Sozialisation als Frauen entlang, aber auch die Stärke, die sich daraus ergibt. Wir schreiben als Schwestern, Mütter, Töchter an den Tagesrändern, zuweilen ohne eigenen Schreibtisch und in Nachtzügen. Es geht um die Möglichkeit der Poesie, punktgenau in Deutungen der Welt ein- und Aneignungen daraus hervorzutauchen.
Unser bewusstes gemeinsames Schreiben setzt sich also notwendigerweise mit unserem Frausein auseinander. Indem wir schreiben, schreiben wir gegen Schubladen an, und sind zugleich gelehnt an diese Gerüste, die wir uns zurecht gebaut haben, um uns beispielsweise als queer oder cis oder weiß zu verorten und von denen wir hoffen, dass wir sie bald nicht mehr brauchen.
Am diesjährigen Weltfrauentag durfte ich in Heidelbergs Partnerstadt Montpellier auf einem Podium zum Thema „Weibliches Schreiben“ sprechen. Ich habe dort behauptet, dass ich es zwar ablehne ästhetische Unterschiede anzunehmen, die sich in Geschlechterzuordnungen begründen ließen, das Weibliche (zu) Schreiben aber unabdingbare Praxis sei. Die besteht für mich im literarischen Austausch mit anderen Frauen, in dem ich mich zuweilen so wahrhaftig fühle, wie ich nur kann.
Ich glaube es geht um dieses große Versprechen der Freiheit, das in den Zwiesprachen liegen mag, la libération mutuelle (also eine gegenseitige Befreiung) denn einseitig geht es ja nicht. La rage doit nous être précieuse, habe ich mit Blick auf unsere Vordenkerinnen behauptet – die Wut hat uns kostbar zu bleiben. Eine nämlich, die nicht blind ist für die Ungerechtigkeiten, die Veränderungen hin zu einem besseren Miteinander antreibt, indem sie dieses vorlebt.


Lesung „VersSchwestern“ im Rahmen desFestivalthemenschwerpunkts
„Starke Frauen. Starke Literatur“ am 16.10.2022

Dorina Marlen Heller: Mich haben Fragen rund um das Gemeinsame und Trennende der Geschlechter schon sehr früh beschäftigt. Immer wieder lande ich bei dieser Frage, was das eigentlich sein soll, „Frausein“? Wie viel ist überhaupt Eigen- und wie viel Fremdzuschreibung? Wieso ist es nach wie vor in vielem so schwer von dieser fixen und unzulänglichen Vorstellung der Geschlechterbinarität abzulassen? All das fließt zwangsläufig in das Schreiben ein. Mit Sofie habe ich hier eine Dialogpartnerin gefunden, die mal radikaler, mal behutsamer, aber stets furchtlos sich diesen und anderen Fragen genauso stellt.

Sie sind auch mit anderen Literatinnen in poetische Dialoge getreten, so etwa in der Mosaik-Zeitschrift: Im Gedicht „Amerika zeigt Flagge“ haben Sie mit Marion Tauschwitz und Jutta von Ochsenstein ein lyrisches Quartett gebildet. Was ist das besonders Reizvolle, vielleicht auch Herausfordernde eines dichterischen Miteinanders? Und wie kam es zu „Amerika zeigt Flagge“?

Sofie Morin: Ich sage das einmal ohne Furcht vor dem Pathos: Sich den Zungenschlag anderer Frauen zu borgen, um das, was uns bewegt hörbar zu machen, erweitert unser Wissen darüber, wie sehr uns die Welt gehören kann, gemeinsam. Ich glaube, dass eine Art innere Übersetzungsarbeit etwas ist, das Frauen unentwegt leisten. Zur eigenen Sprache zu kommen, ist für Frauen daher im besten Fall ein gemeinschaftliches Projekt. Allerdings ist es immer auch ein Wagnis, die eigene Kunst einem Austausch auszusetzen, bei dem das persönliche Schaffen nicht hermetisch in sich abgeschlossen bleibt. Es gehört ein Wunsch, aber einfach auch Glück dazu, die Bereicherung, die sich aus dem Hinzugehen aufeinander gewinnen lässt, als lohnenswert zu erfahren. Hier war der Anlass ein uns allen notwendig erscheinender Bezug aufs Zeitgeschehen. Poesie, mit ihrem Talent zur Verschmelzung von Sinnen, erscheint mir besonders dort, wo uns festgeschriebene Bedeutungen vorgegaukelt werden, als widerständiger Akt. Einer, mit dem wir unsere Beschreibung der Welt gestalten und zeigen können, wie sehr brüchig und daher bröckelnd alles Starre in Wahrheit ist. Eine vielstimmige Lyrik von Frauen ist ein ausgezeichnetes Mittel, um das in die Welt zu bringen.

Ebenfalls in der Mosaik-Zeitschrift findet sich „ein lyrischer Funkenflug“ wiederum von Ihnen beiden „BACHMANN*BRENNT*IMMER“: Lyrisch kreisen Sie um Ingeborg Bachmann, ihr tragisches Lebensende, um Verse, die Sie frei variierend mittels Montage einarbeiten wie „Erklär mir: Leben“. Weshalb Ingeborg Bachmann?

Dorina Heller: Die Inspiration zu dem Gedicht entstand während eines Romaufenthalts von mir, während dem ich auch am ehemaligen Wohnhaus von Ingeborg Bachmann in der Via Giulia vorbeikam, dem Palazzo Sacchettti, ein düsterer Ort. Das Haus mit einer völlig alters-geschwärzten Fassade diente schon Emile Zola als Vorbild für seinen „Boccanera-Palast“. Dort ereignete sich auch der mysterienumwobene Brandunfall, infolgedessen Bachmann verstarb. Ich hatte das Bedürfnis den Eindruck dieses Ortes in seinem sehr speziellen Kontext – ein paar Häuser weiter entfaltete sich Italiens Frauenbewegung zu ungefähr derselben Zeit – lyrisch zu verarbeiten. Sofie hat dann mit einem wunderbar anspielungsreichen Text geantwortet, der eine Art Schnellritt durch Bachmanns Werk ist und doch ganz für sich steht. Und warum Bachmann? In Österreich aufgewachsen ist Ingeborg Bachmann eine literarische Größe, an der frau sich erstmal abarbeiten muss. So viele Fäden laufen in ihrer Biografie zusammen, von der Auseinandersetzung mit Österreichs Rolle während der NS-Zeit über die Wegbahnung einer Frau im männlich dominierten Literaturbetrieb des 20. Jahrhunderts bis hin zu existenziellen Fragen rund ums Schreiben als Beruf(ung) und gesellschaftlichem Auftrag. Und auch wenn Bachmann sich explizit nicht als Feministin verstanden hat, beschreibt sie in ihren Texten doch Frauenschicksale ihrer Zeit mit einer sezierenden Präzision, wie kaum eine andere.

Sofie Morin: Wie nicht die Bachmann? Ich verehre ihre Ernsthaftigkeit, ihr große Hingabe ans Literarische, ihr Zungenschlag hat natürlich etwas sehr Anheimelndes für mich. Ich bin in einem bibliophilen Haushalt aufgewachsen. Ingeborg Bachmann ist mir früh ans Herz gelegt worden. Was für ein Glück! Als Studentin hatte ich meine wöchentlichen Therapiesitzungen – übrigens bei Monika Krampl, einer starken Gestalttherapeutin, die auch Autorin ist – in genau dem Haus, in dem sich Bachmanns Ungargassenland entzündet hat. Verbrannt ist die Bachmann allerdings in Rom. Dorina hat mir direkt von ihrer Italienreise ihre Eindrücke aus diesem Haus geschrieben. Den Ball habe ich sofort dankbar aufgefangen. Die Lyrik war da glücklich schon zu unserer Kommunikation geworden.
Ich behaupte in manchen Vitas von mir selbst, ich habe mich der Herausforderung des Fremdseins gestellt und sieben Jahre im französischen Sprachraum zugebracht. Eine bestimmte Qualität von Fremdsein ist etwas dem Erleben von Frauen sehr Nahes – wie beispielsweise Julia Kristeva, oder auch Louise Kaplan, welche die weibliche Sozialisation selbst für einen Entfremdungsprozess hält, das so treffend beschreiben. Die Bachmann hat diese Fremdheit im eigenen Lebenslauf, so wie ich sie lese, sehr stark empfunden. Für mich ist die Auseinandersetzung mit diesen Schriftstellerinnen ein notwendiges Abarbeiten. Die Bachmann und die Woolf mögen daran zerbrochen sein, ich aber bin wild entschlossen, auch Kompliziertes wie Frieden und Frausein unbeschwert leben zu können, mir Steine nicht in die Kleider zu nähen, sondern sie zu beschriften und wie Anrufungen im Wald aus freien Stücken an die Poesie zu verlieren.

Wenn man Ihre Dialoge liest, wird greifbar, dass hier zwei Lyrikerinnen mit einer bemerkenswerten Sprachdichte und bildhaften, bisweilen chiffrenhaften Komplexität zueinanderfinden. Ist das auch der Schlüssel zur „Sympoesie“? Dass man die Chiffren der Anderen zu lesen und aufzugreifen weiß, dass man die Architektur des Sprach- und Strukturgefüges intuitiv versteht?

Sofie Morin: Oh, ich mag das Wort „Sympoesie“! Und ja, das beschreibt es für mich ziemlich gut, was zwischen uns passiert, das Aufgreifen der Sprache der anderen, damit umgehen zu lernen. Das Greifen finde ich zudem ein treffendes Bild. Es geht ja sowohl um Formen als auch um Sprachbilder, die wir einander im Dialog be-greifbar machen. Und zugleich geht es auch darum, sich an-greifbar zu machen. Dorina und ich sind glaube ich beide recht unerschrocken und entschlossen, uns genau das anzuschauen: unsere eigene Verwundbarkeit. Wir zeigen einander unsere Beschränkungen auf, um so unseren Spielraum zu erweitern und haben nicht vor, uns dabei hinter Rollenklischees wegzuducken, sondern spielen damit, würde ich sagen. Dieses „Ich schreibe Gedichte, um zu erfahren, wovon sie handeln“ (das Oleg Jurjew zugeschrieben wird, einem russischen Juden, der mit seiner Familie in Frankfurt gelebt hat) mit dem ich mich sehr identifizieren kann, das wird in der Zwiesprache zu einem gegenseitigen Begreifen. Keine hat hier die Deutungshoheit, selbst nicht über die eigenen Texte.
Was in mir immense Zufriedenheit auslöst, sind die Momente, in denen wir uns jenseits vorheriger Absprachen einig sind, über das Ende oder das Fortführen eines Dialogs zum Beispiel. Es stellt sich da etwas wie ein gemeinsamer Rhythmus ein, in dem ich mich sehr aufgehoben fühle. Der Beginn ist oft plötzlich: unsere Bewegungen durchs tägliche Leben sind uns unweigerlich Anlässe für Texte, sicherlich die Sehnsucht, uns in der Welt um uns zu verorten. Ich weiß selbst nicht, wie viel Wille und wie viel Wendigkeit in der Not darin liegt. Wie bei allen Kunstschaffenden ist es eine Art Besessenheit von der Möglichkeit des Ausdrucks – hier eben das Schreiben – der Wunsch, sich verstanden zu wissen, von sich und anderen.
Aber all das sind eigentlich Überlegungen, die erst im Nachgang zu unserem Schreiben geschehen, die den Worten folgen, und dem Anspruch an Exposés und MetaTexten. Betrachtungen, die etwas nachzeichnen, das wir selbst nie hätten derart planen können, wie es letztlich passiert und aufs Papier kommt. Die Eigendynamik des poetischen Austauschs.
Dorina Marlen Heller: Sofie hat das gerade schon so klug und eloquent zusammengefasst, dass ich dem kaum mehr etwas hinzuzufügen habe. Vielleicht noch, dass wir auch jeweils das Schreiben der anderen erweitern. Also im Sinne von Weiterdenken, Weiterschreiben, dort, wo die andere aufgehört hat. Zu zweit am Textwebstuhl webt es sich anders, neue Muster werden möglich, wenn vier Hände am Werk sind. Und Sympoesie ist insofern auch ein sehr passender Begriff, als dass die Basis für eine so mitunter doch sehr intime dialogische Arbeit sicher Sympathie sein muss.

Frau Morin, Sie schreiben auch mit anderen Literatinnen wie Stephanie Mehnert, Jutta von Ochsenstein, Silke Scheffel, Miriam Tag, Ulrike Titelbach und Christine Zureich im literarischen Miteinander. Gibt es ein Grundmotiv in dieser lyrischen Vielstimmigkeit? Wie nähern sich die schreibenden Frauen im Dialog an?

Sie tun es wild und zart und ungestüm und sachte, und gemeinhin auf eine wundervoll unvorhersehbare Weise! – Ich kann selbst meist nicht sagen, was alles dazu führt, dass ein Dialog sich entspinnt, aber ich weiß, dass jeweils all das mitspielt, was jede von uns mitbringt. Von außen betrachtet sind es oft spontane Eingaben, die ich nicht hinterfrage, die ich gerne unerklärlich sein lasse, denn die gute Wirkung hat Vorrang. Das Einlassen darauf ist dann allerdings eine Entscheidung. Mitunter gründen die Vorhaben auf einem Thema, das uns zusammenbringt. Zuweilen offenbart sich das gemeinsame Thema erst in der Rückschau.
Es gibt Autor:innen, mit denen ich mich prächtig verstehe und mit denen ich mich auch über die Bedingungen unseres Schreibens austauschen kann. Nicht mit allen kommt mir ein Dialog in den Sinn. Es erfordert eine Augenhöhe, einen Willen zur Öffnung für andere Sprachräume, die sich im besten Fall als auf eine besondere Weise vergeschwistert herausstellen, eine Art Wahlverwandtschaft. Nicht selten kommt mir das gemeinsame Schreiben wie ein willentlicher Ausflug in die Wahrnehmung der anderen vor. Ich verstehe das Poesieschaffen an sich gewissermaßen als eine Ausbeutung des persönlichen Talents zur Synästhesie, der Verschmelzung von Sinnen. Ich folge der anderen in ihre Formen, nehme fürwahr, was sie an Wirklichkeitskonstruktion vorschlägt, ein lustvolles Spiel mit den Bildern im Zweiklang. Ich möchte ja für mich gern daran glauben, dass der rote Faden, der meine Studienfächer, die tierische Verhaltensforschung und die menschliche Philosophie mit dem Schreiben verbindet, das genaue Hinschauen ist. Auf Mitgeschöpfe, auf fremde Gedanken, auf eigene und fremde Zeilen – und bei allem immer auch auf das aufregend flimmernde Dazwischen.


Tandem-Projekt von Sofie Morin und Miriam Tag

Mit Silke Scheffel unterhalte ich mich über „Käferfunde“, mit Stephanie Mehnert schreibe ich im weitesten Verständnis von Sinnlichkeit, mit Ulrike Titelbach betreibe ich „Phytopoetik“, hier in Heidelberg suche ich zuweilen mit Miriam Tag die Verbindung zu Mutter Erde, und mit Jutta von Ochsenstein und Christine Zureich überlasse ich mich dem Zufall, der in Wahrheit möglicherweise nie einer ist. Mit vielen dieser Frauen verbindet mich das Muttersein, mit allen das Tochtersein. Der Austausch mit Dorina ist immer noch von besonderem Gewicht, vielleicht, weil er eine Generationengrenze überbrückt im Zueinanderfinden in der Sprache. Und: Sie war einfach die Erste!

Frau Heller, lassen Sie uns nochmals auf das Frausein zurückkommen. Sie haben vor zwei Jahren einen interessanten Gastbeitrag in „Der Standard“ über Gleichberechtigung und Sexismus veröffentlicht „Reden ist Silber, Schweigen ist weiblich“. Darin sagen Sie, dass „das Lippenbekenntnis zur Gleichberechtigung oft auch eine Selbstimmunisierung gegen die eigenen blinden Flecken ist“ und dass sich Frauen in der Regel – seien es Konferenzen, Vorträge, Diskussionsrunden – noch immer zu wenig aktiv beteiligen, ja, einmischen. Woher kommt das Ihrer Meinung nach?

In diesem Text stelle ich die These auf, dass das Phänomen der “schweigenden Frauen” eine lange Vorgeschichte hat. In der Antike, wo die Rhetorik ihren Ursprung hat, waren öffentliches Sprechen und Redekunst nicht nur einfach Dinge, die Frauen „nicht gemacht haben“, sondern Fähigkeiten und Praktiken, die exklusiv den Männern vorbehalten waren und Maskulinität als Geschlecht definierten, wie die Wissenschaftlerin Mary Beard schreibt. Hinzu kommt, dass es kaum Vorbilder für weibliche Macht gibt. Mächtige Frauen werden oftmals de facto zu Männern, in ihrem Kleidungsstil, siehe die Hosenanzugsuniformen von Angela Merkel und Hillary Clinton, und auch in ihrer Rhetorik und Stimmlage. Margaret Thatcher trainierte sich etwa mittels Sprechcoaching eine tiefere Stimme an. Weibliche Politiker*innen, Journalist*innen, Entscheidungsträger*innen jeglicher Art, die sich diesen Anpassungsritualen entziehen, müssen in Kauf nehmen, dass sie und ihre Körper breiter öffentlicher Bewertung, Kritik und auch Shaming ausgesetzt sind. Hinzu kommt, dass es auch 2022 noch ein Risiko ist, sich als Frau öffentlich zu äußern, sich angreifbar zu machen. In vielen gesellschaftlichen Kontexten werden Frauen systematisch zum Schweigen gebracht. Etwa mittels Mansplaining, Hatespeech und regelrechten Hetzjagden im Netz, über Nichternstnehmen und Lächerlichmachen im öffentlichen Diskurs bis hin im extremsten Fall in Form von körperlicher Gewalt und Femizid. Dennoch: Viele Frauen lassen sich ihre Stimme nicht nehmen, fordern selbstbewusst Räume für ihre Meinungen, ihre Bedürfnisse und ihr Erleben ein. Auch hier halte ich Taktiken von Solidarität essenziell. Also Frauen, die sich aufeinander beziehen, aufeinander verweisen, sich gegenseitig den Rücken stärken und sich und anderen so Wege bahnen im mitunter unwegsamen Gelände. Vor allem jene, die aufgrund von sozialer, ethnischer oder kultureller Herkunft größere Privilegien genießen.

Frau Heller, Beim Wortmeldungen-Literaturpreis haben Sie „Sie sind wach“ eingereicht, drei berührende Skizzen von Frauen in China, die Sie in Anlehnung an persönliche Schicksale erzählen – ein Gefangensein zwischen gesellschaftlichen Konventionen, Ein-Kind-Politik oder aber auch Übergriffen in überfüllten U-Bahnen. Sie selbst sind Sinologin und haben Gender Studies studiert, waren bereits in China. Was hat Sie zu diesen drei Skizzen inspiriert?

Der Text entstand gegen Ende meines Masterstudiums in Oxford, das ich coronaunterbrochen aus der Ferne und im virtuellen Raum abschließen musste. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt monatelang intensiv wissenschaftlich mit Frauenschicksalen in China vom letzten Jahrhundert bis zur Gegenwart beschäftigt. Mit massiven Verletzungen von Frauenrechten während der Ein-Kind-Politik, mit Forderungen von jungen Feminist*innen und auch mit der besonderen, queeren Figur Chinas “erster Feministin”, der Dichterin, Rebellin, Schwertkämpferin Qiu Jin. Der Wortmeldungen-Text war ein bisschen auch die Flucht vor dem wissenschaftlichen Schreiben, zu dem ich mich immer wieder sehr disziplinieren musste. Eine andere Form der Annäherung an dieselben Themen. Gleichzeitig auch das Bedürfnis, vielleicht anderen ein wenig zu vermitteln, mit welcher Vielfalt von gelebten Realitäten wir es zu tun haben, wenn es um Frauenschicksale in China geht.

Eine Herausforderung ist dabei für mich immer die Erzählperspektive. Wer spricht da und mit welcher Stimme? Welche Innensicht maße ich mir als Erzählerin in und über einen anderen kulturellen Raum an?
Die Geschichte feministischer und frauenrechtlicher Forderungen in China zeigt zudem, was wir derzeit an so vielen Stellen wieder erleben müssen: Nichts, was mühsam errungen wurde, ist notwendigerweise von Dauer. Alles Erkämpfte muss ständig verteidigt werden. Sei es das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, politische Mitbestimmung oder ein Leben ohne gewaltsame Übergriffe. Feminismus ist insofern keine Theorie oder Philosophie, sondern vor allem eine politische Bewegung. Eine politische Bewegung, die fragt: Wie wäre es, wenn wir die politische, soziale, sexuelle, wirtschaftliche, psychologische und physische Unterdrückung von Frauen beenden würden? Die Antwort ist, wir wissen es nicht, aber lasst es uns versuchen. So hat es die von mir sehr geschätzte Gegenwartsphilosophin Amia Srinivasan jedenfalls ausgedrückt. Ich bin überzeugt, dass diese politische Bewegung nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie im Bewusstsein um die Vielseitigkeit globaler Feminismen agiert. Also die unterschiedlichen Lebensrealitäten von Frauen kennt aufgrund ihrer kulturellen, religiösen, politischen Kontexte. So wie eben auch in China.

Frau Morin, wie ist Ihr Eindruck: Wie steht es um die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Frauen in den großen Verlagsprogrammen und bei der Vergabe von Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum?

Also ich bin ja Autorin und mit voller Absicht nicht in einem Verlag oder einer Jury tätig. Mich macht es glücklich zu schreiben, und ich bin froh, wenn meine Texte publiziert werden, ohne dass ich Entscheidungen fällen muss über Verlagsprogramme, die Qualität der Texte von Kolleg:innen, oder gar die Korrektur einer Schieflage in der Publikation oder Honorierung von Autorinnen verantworten muss. Dennoch mache ich mir freilich Gedanken über die Sichtbarkeit von Autorinnenschaft. Mein Hebel ist aber ein anderer, einer im persönlichen Austausch mit Autorinnen und gegenseitiger Stärkung.
Ebenso, wie es nicht nur zufällig Texte sind, die ums Frausein kreisen, sind Dorinas und meine Texte mit voller Absicht solche, denen eine feministische Haltung zugrundeliegt. Wir schreiben entlang des Interesses an Gleichstellung. Und wir tun es eben nicht nur inhaltlich. Dorina hat es einmal – als wir uns im Zuge einer Texteinsendung positionieren sollten – sehr schön und klar so gefasst: „Sich … bewusst für eine gemeinsame, solidarische Textproduktion zu entscheiden ist feministisch.“ Das sehe ich ganz genauso.
Wir halten diese Solidarität insbesondere für nötig, da es eben noch keine vollkommene Gleichstellung gibt. Der Literaturbetrieb ist da gesellschaftlich zugleich Abbild und Wegweiser. Die Aufmerksamkeit, die Anerkennungen, die Schriftstellerinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen zuteilwerden, sind immer noch ungleich verteilt. Und die Messbarkeit der Ungleichverteilung ist in der kreativen Branche, jenseits objektiver Qualitätskriterien um einiges erschwert. Im verdienstvollen Sachbuch „Frauen Literatur“ von Nicole Seifert lassen sich Zahlen und relevante Überlegungen dazu nachlesen.

Es geht im Wesentlichen um Sichtbarkeit. Annie Ernaux, unsere frischgebackene Literaturnobelpreisträgerin, schreibt (in „L’occupation“): “Ecrire, c’est d’abord ne pas être vu.” Schreiben heiße zu allererst, nicht gesehen zu werden. Ich lese dies nicht nur als Bemerkung zur Praxis des Schreibens, sondern auch als Anspielung auf die genuin weibliche Erfahrung nicht gesehen zu werden. Für mich geht es darum, einen eigenen Namen zu haben, immer noch darum, ein eigenes Zimmer zu haben, darum nicht stillschweigend für Sorgearbeit zuständig gehalten zu werden, bevor wir von einer Gleichberechtigung auf dem Literaturmarkt sprechen können.
Meine persönliche Wahrnehmung will ich gern auf das richten, was sich zum Positiven hin bewegt in der Verlagswelt in den letzten Jahren. Einige Verlage, auch größere sind mittlerweile in starker weiblicher Hand, oder entscheiden sich für Herausgeberinnen, was in den Programmen merkbar wird. Ich verdanke meinen ersten Literaturpreis einer überwiegend weiblichen Jury. Es gibt engagierte Verlegerinnen und Lektorinnen, die sich aktiv für Autorinnen einsetzen. Ich merke auch eine Veränderung in der thematischen Ausrichtung von Ausschreibungen, die zu vielfältigen weiblichen Positionen einladen. Das sind alles ermutigende und wichtige Impulse.

Ich freue mich persönlich, wenn Texte erscheinen, die sich auf aufrichtige Weise mit Klischees um weibliches Begehren auseinandersetzen, wie Lea Schneider das in „Scham“ tut, kürzlich gelesen, sowie Barbara Rieger, oder Anna Neuwirth und Julia Knaß, schonungslos verwundbar. Alles Leseerfahrungen an denen ich mich sehr laben kann. Ich kann nicht beurteilen, ob das besonders so ist, weil ich auch Frauen liebe, aber es hilft sicherlich.

Frau Morin, Sie haben auch Lyrik über die Liebe zwischen Frauen geschrieben. Gibt es auf dem deutschen Buchmarkt und auch in den Lesegewohnheiten bereits ausreichend Diversität?

Die Notwendigkeit, diese Frage zu stellen, macht die Antwort bereits ahnbar: Nein, die gibt es noch nicht. Wenn ich sehe, dass die Selbstverständlichkeit noch fehlt, vielfältige Lebensweisen in Büchern zu thematisieren, etwas, das in Filmen und Serien bereits besser gelingt, wie Sabine Brandl und Gisela Weinhändler das in ihrem Interview hier richtigerweise feststellen, dann wird deutlich, dass es immer noch Steuerungsinstrumente braucht, um Vielfalt abzubilden.

Es sind einige interessante Metatexte zum Thema in den letzten Jahren erschienen. Zuletzt habe ich „Queer“ von Alexander Graeff gelesen. Ich mag den Begriff „queer“ für mich in vielerlei Hinsicht, auch in seiner Widersprüchlichkeit. Er will uns herausfordern über Dichotomien hinauszudenken, zugleich ist er ja eine ewige Utopie, ein in die Zukunft gerichtetes Begehren, das sich an einer behaupteten Normalität misst, von der es sich abgrenzt. Sobald sich die Andersartigkeit nivelliert haben wird und alle Liebensweisen gleichermaßen anerkannt und lebbar sind, werden wir die Kategorie „queer“ nicht mehr brauchen. Bis dahin gibt es noch viel zu schreiben.

Literatur trägt sich innerhalb gesellschaftlicher Rahmenbedingungen zu. Das ist gut und schlecht zugleich. Sie kann, ja muss darauf reagieren. Oder, wie Anna Hetzer das so schön sagt, gilt es, den Glauben an die Unschuld der Poesie zu verlieren.
Als Lyrikerin berufe ich mich nicht selten darauf, dass das lyrische Du mir die Möglichkeit bietet, die Geschlechtergrenzen verschwimmen zu lassen. In einer poetischen Sprache ist es nicht notwendig, mich auf eine Figurenbeschreibung einzulassen. Ich muss eine Befreiung nicht auf gleichermaßen aktive Weise wie in der Prosa erwirken. In der Lyrik kann das implizit passieren. Eine poetische Schreibweise kann mit gleicher Kraft „Du“ sagen und eine politische Stellungnahme für sich beanspruchen. Sie kann mit diesem Du durchaus das Begehren selbst meinen.
Als Philosophin interessiere ich mich für Fragen. Ich mag die Frage danach, von welchem Körper aus wir schreiben. Es mag nicht allen Textschaffenden passend erscheinen, das Begehren ins Spiel zu bringen, ich hingegen glaube, es ist ohnehin schon auf dem Feld, also müssen wir damit spielen. Ich schreibe seit dem letzten Jahr an einem Manuskript, das den Untertitel „Eine translibidinöse Pflanzenkunde“ trägt. Ich verwende „trans“ hier im Sinne einer Erweiterung der üblicherweise abgebildeten Liebensweise. Diese meine „Liebeleien mit Wuchsformen“ sind eine Übung die Sehgewohnheiten zu ändern, die wissenschaftliche und künstlerische Betrachtung willentlich durchmischt, das Sprechen über die Natur als eines über uns offenlegt. Auch das verstehe ich als „queer“. Florale Protagonist:innen verweigern sich auf ganz besondere Weise den binären Zuschreibungen. Es verlangt Autorin wie Leser:in eine Nahbarkeit ab, wenn sich die narrativen Positionen Ich und Du als fluide erweisen. Ich mag es, wenn sich poetische Rede nicht im Gestus der Weltaneignung über eine vorgestellte Natürlichkeit erhebt, um sie sich einzuverleiben, sondern sie vielmehr lebbar machen will. Darin steckt freilich ein Wunsch.
Einige – und zugleich nicht alle – meiner Dialogpartnerinnen würden sich, so wie ich, als queer bezeichnen. Ich suche sie nicht danach aus. Gleichwohl ist das gemeinsame Schreiben immer auch ein sinnlicher Akt. Manchmal ist das expliziter, manchmal uneindeutig. Ganz abgesehen davon, dass das natürlich aufregend zu schreiben und hoffentlich ebenso zu lesen ist, ist es ein wohltuender Spiegel dessen, was in der Welt passiert: Wir sehen es den Menschen nicht an, wie sie lieben. Wenn wir das akzeptieren, haben wir die Möglichkeit, unsere Wahrnehmung beständig zu erweitern. Und ist das nicht schön?

Frau Heller, Frau Morin, haben Sie selbst weibliche Vorbilder, „Starke Frauen“, die Sie inspiriert oder geprägt haben, literarisch oder persönlich?

Sofie Morin: Ich bin jetzt versucht, von fernen oder verstorbenen Schriftstellerinnen zu sprechen, von denen mir keine böse sein wird, wenn ich hier vergesse, sie zu erwähnen. Von Virginia Woolf, Djuna Barnes, Jeanette Winterson, Audre Lorde, Julia Kristeva, Hélène Cixous, Ágota Kristóf, Undine Gruenter, Eva-Maria Alves, Elfriede Jelinek, Ilse Aichinger, Christine Lavant, Herta Kräftner. Dabei fände ich es ebenso wichtig von den Frauen zu sprechen, die mich konkret heute beeinflussen durch Mut machende Begegnungen, literarisch mit ihrem eigenen Werk als Autorinnen, oder strukturell, weil sie Herausgeberinnen, Verlegerinnen, Jurorinnen, Preisstifterinnen, Lektorinnen, Moderatorinnen, Kulturamtsmitarbeiterinnen, oder Festivalorganisatorinnen sind. Einerseits kann so eine Liste aber nur unvollständig und daher ungerecht sein, andererseits möchte ich nicht völlig auf die Namensnennung verzichten, denn Sichtbarkeit steht uns Frauen zu. Also will ich wenigstens die Frauen aufzählen, von und zu denen ich schon literarisch geschrieben habe, wo ich meine Hinwendung also nicht in einen Text über, sondern einen hin zu diesen Frauen verfasst habe. Derart genähert habe ich mich: Clarice Lispector, Christine Haidegger, Meta Merz, Adelheid Duvanel, Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Lore Perls, Sophie Mereau – zu der hier ein wunderbarer Beitrag der starken Festivalorganisatorin Veronika Haas zu finden ist – sowie Hilde Domin und Selma Meerbaum, deren Geschichte und Werk uns eine so umsichtige wie einfühlsame Biografin wie Marion Tauschwitz erfahrbar macht.
Ich beziehe mich literarisch gern auch auf bildende Künstlerinnen wie Lotte Laserstein, Jeanne Mammen, Camille Claudel, Maria Lassnig und Paula Modersohn-Becker, Xenia Hausner und Valie Export. Und auch zur Musik von Frauen schreibe ich gerne, da wären: Viv Albertine, Gudrun Gut, Cecilia Vicuña, Laurie Anderson, Arlo Parks. Alle diese Frauen sind ja nicht bloß ästhetische Leitbilder, sondern Menschen, die durch ihre Art als Künstlerinnen zu leben, Wege für uns geebnet haben, und an deren Gedankengängen ich mein Selbstverständnis als Frau aufrichten kann.
Dorina Marlen Heller: Ich habe mir mit dem Konzept „Vorbild“ immer etwas schwergetan. Es ist so absolut. Generell halte ich unsere Angewohnheit für problematisch stets so viel auf eine einzige Sache oder einen Menschen zu projizieren, der dann ganz viel auf einmal erfüllen muss – sei es in romantischen Partner*innenbeziehungen, in der klassischen Aufteilung von Hierarchie und Verantwortlichkeit im Arbeitskontext oder eben auch Vorbilder fürs eigene Schreiben. Für mich ist es vielmehr so, dass es eine ganze Reihe an Menschen gibt, an denen ich bestimmte Aspekte enorm schätze und bewundere. Auch in der Literatur. So viele Autorinnen haben mich begleitet, berührt, beschäftigt. Eine Liste würde zu kurz greifen. Ob als Kind lesend im Baumhaus, später in versteckten Winkeln von Universitätsbibliotheken über zerlesene Bücher gebeugt oder mit Kopfhörern in chinesischen Zügen. Ich habe zudem das Glück, eine Vielzahl inspirierender, toller Frauen in meinem Leben zu haben. Die mich prägen in ihrer Resilienz, ihrer Klugheit, ihrer Fähigkeit, sich einzulassen.


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto Sofie Morin © Robert Marcus Klump; Dorina Marlen Heller © Darina Nikolova | Foto Lesung © Literaturherbst Heidelberg, Veronika Haas

Starke Frauen. Starke Buchhändlerinnen




Frau Berschin, vor nunmehr drei Jahren haben Sie das „Bücherglück“ in Heidelbergs neuem Stadtteil „Bahnstadt“ eröffnet. Als Diplom-Dokumentarin sind Sie, wenn man so sagen will, „Quereinsteigerin“. Wie kam es zur Eröffnung einer Buchhandlung?

Das Buch begleitet mich seit meiner frühen Kindheit. Es ermöglichte mir den Blick auf eine vielfältige Welt. Als Teenagerin träumte ich vom Beruf als Buchhändlerin. Dann bin ich mit meiner Berufswahl in eine andere Richtung gegangen, die Recherche habe ich somit von der Pike auf gelernt. Die Buchhandlung ist mir vor drei Jahren nach einer spontanen Idee in den Schoß gefallen. Das „Lesenswert“ schloss seine Türen und ich durfte das „Bücherglück“ eröffnen. Ein großes Glück der späten „Berufung“.

Was bietet das „Bücherglück“? Worauf legen Sie in Ihrer Literatur-Auswahl besonderen Wert?

Ich habe mich herangetastet. Vor allem mit Klassikern und Neuerscheinungen im Bereich Belletristik und Sachbuch bin ich gestartet. Das Kinderbuch nimmt immer mehr Raum ein, kein Wunder, ist die Bahnstadt doch Heidelbergs „jüngster Stadtteil“. Ich lege Wert darauf, nicht jeden Bestseller Hype mitzunehmen, ein gutes Buch muss nicht unbedingt ein Kassenschlager sein.


Schaufenster des
„Bücherglück – Petras Bahnstadt-Buchhandlung“


Petra Berschin mit Ilka Schlüchtermann bei der Vorbereitung zur
Literaturherbst Heidelberg-Veranstaltung „Starke Frauen. Starke Übersetzerinnen“

Doch es gibt noch mehr in Ihrer Buchhandlung: eine Kaffeetheke, auch mit „Coffee to go“ und Bio-Tees, Tartes und Macarons, Sitzgelegenheiten, eine Non-Book-Auswahl u.a. mit Geschenkpapieren, Grußkarten und vielem mehr. Welche Ideen und Wünsche haben Sie bei der Gestaltung des „Bücherglück“ geleitet?

Ich liebe die Papeterie. In jungen Jahren habe ich selbst marmoriert und Bücherumschläge sowie Mappen und Kladden hergestellt. Ich habe einen Buchbinderkurs im Studium besucht. Als ich nach Heidelberg kam, habe ich im Kurpfälzischen Museum in einem Kurs das Papier selbst hergestellt.
Die Kaffeetheke habe ich übernommen und das Kaffeekochen ist ein liebes Hobby geworden. Im Zuge der Pandemie gibt es einen Umschwung. Mehr Raum für Bücher. Die Kaffeetische im Bücherglück habe ich abgeschafft. Auch Kuchen gibt es nicht mehr. Den Kaffee nimmt der Stammkunde gerne im kompostierbaren Kaffeebecher mit oder genießt ihn vorm Bücherglück mit Blick auf die neu gestaltete Pfaffengrunder Terrasse.

Nur ein Jahr war nach der Eröffnung des „Bücherglück“ vergangen, dann kam die Corona-Pandemie und der erste Lockdown. Wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre erlebt? Halten die Auswirkungen auch heute noch an?

Ich war gelinde gesagt schockiert, dass wir schließen mussten. Wir haben eine Welle der Solidarität erfahren und alle Bücher per Fahrrad ausgeliefert. Leider war die Baustelle vor der Tür viel gravierender. Aber auch die haben wir ausgesessen und so freuen wir uns auf Alles, was jetzt kommen mag.

Von Beginn an haben Sie sich auch für den Stadtteil und die Heidelberger Literaturszene engagiert: In Zusammenarbeit mit dem „Freundeskreis der Grundschule Bahnstadt“ erhalten Erstklässler vom „Bücherglück“ Lesetüten, Sie veranstalten Lesungen in Ihrer Buchhandlung und bei Ihnen erhält man auf Anfrage signierte Bücher von Heidelberger Autor:innen. Woher nehmen Sie die Kraft für dieses vielfache Engagement neben dem alltäglichen Buchgeschäft und nicht zuletzt auch als Mutter. Was trägt Sie?

Allein die Liebe zur Bahnstadt. Ich bin Bahnstädterin der 1. Stunde. Vernetzung ist für mich eine Überlebensstrategie. Nur im „Bücherglück“ zu sitzen und zu warten, bis etwas passiert, das wäre nicht mein Ding. Aber tatsächlich ist mir beispielsweise die wunderbare Heidelberger Autorin Bella Bender einfach ins Bücherglück hineingeschneit und jährlich findet eine Lesung mit ihr statt.


„Bücherglück“-Büchertisch anlässlich
des Literaturherbst Heidelberg-Themenschwerpunkts
„Starke Frauen. Starke Literatur“

Immer wieder hört man mit Blick auf Digitalität und Online-Shopping Sätze wie „Der Buchhandel ist im Umbruch“, er müsse sich neu erfinden. Warum lohnt der Weg in eine Buchhandlung und der Griff zum gedruckten Buch weiterhin?

Die Stadtteilbuchhandlung ist eine Institution, ein Ort des kulturellen Austausches. Es lohnt sich, aus dem Haus zu gehen und sich inspirieren zu lassen. Und ein Buch kann ich in die Hand nehmen, es bewundern und allein die Haptik macht glücklich. Das ist mit Tablet und Co nicht erreichbar.

Welche Zukunftsvision und Ideen haben Sie für das „Bücherglück“?

Möge das Bücherglück unwiderruflich zur Bahnstadt dazugehören, das ist mein Wunsch, und egal wer es mit Leben füllt, bestimmt findet sich immer jemand zur geeigneten Zeit.

Frau Berschin, die persönliche Beratung ist für das „Bücherglück“ charakteristisch. Welche „Shortlist“ mit Büchern von oder über „Starke Frauen“ – ganz gleich ob aktuell oder Klassiker – würden Sie zusammenstellen?

Als Sachbuch: Torsten Körner „In der Männerrepublik. Wie Frauen die Politik eroberten“, dazu die Dokumentation „Die Unbeugsamen“. Brisant und aktuell, das Thema Gleichstellung ist hier sehr klar skizziert.

Literarisch ist es eine persönliche und sehr subjektive Wahrnehmung. Mich prägten Astrid Lindgren „Pippi Langstrumpf“, „Madita“ und „Lotta“. Besonders die Biografie von Astrid Lindgren hat mich sehr berührt.

Und welche anderen Literatinnen haben Sie angesichts ihrer Texte und womöglich auch ihrer Lebensgeschichte ganz persönlich beeindruckt, vielleicht gar inspiriert?

  • Enid Blyton, Hanni und Nanni (ich selbst bin Zwilling)
  • Astrid Lindgren, Madita
  • Lucy Maud Montgomery, Anne of Green Gables
  • Isabell Allende, Das Geisterhaus
  • Mascha Kaléko, Gedichte
  • Ingrid Noll, Die Apothekerin
  • Petra Hartlieb, Meine wundervolle Buchhandlung
  • Petra Dittrich, Meine Inselbuchhandlung

Das Interview führte Veronika Haas.
Foto Frau Berschin © privat | Fotos Buchhandlung © Literaturherbst Heidelberg, Veronika Haas

Starke Frauen. Starke Autorinnen



Das Interview führte Christian Weiß (Draupadi-Verlag)


Sri Lanka befindet sich in einer tiefen politischen, ökonomischen und sozialen Krise. Was sind die Ursachen dieser Krise?

Die ökonomische Krise in Sri Lanka wurde durch die Korruptheit der Herrschenden verursacht. Aber das ist nicht der einzige Grund. Es gibt auch geopolitische Gründe. Sri Lanka steht zwischen den US-amerikanischen und den chinesischen ökonomischen Interessen. In den westlichen Medien wird China dämonisiert. Es wird behauptet, dass China die Ursache für die ökonomische Krise sei, aber das ist falsch. Wir haben bei den US-Banken mehr Schulden als bei China. In anderen Worten: Unsere Schulden gegenüber dem Westen sind höher als gegenüber China. Außerdem: Kurz vor Corona beschlossen die internationalen ökonomischen Rating-Agenturen, dass wir nicht länger Kredite zu niedrigen Zinsen bekommen dürfen. Kurz danach wurden wir in einen international verordneten Lockdown gezwungen. Dafür wurde Corona verantwortlich gemacht. Corona war keine große Gefahr, aber die großen Unternehmen, die PCR-Tests anboten, blähten die Zahlen auf. Die Gesunden wurden in Quarantäne genommen. In einem Land wie unserem, in dem es kein soziales Sicherheitsnetz gibt, führte dies zu ökonomischem Elend. Ich bestreite nicht, dass die herrschenden Brüder korrupt sind. Sie folgten den irrationalen Verordnungen eines internationalen Narrativs, anstatt eine eigene Wahl basierend auf unseren eigenen Daten zu treffen. Daher sage ich, dass unsere Krise hauptsächlich geopolitische Ursachen hat.

Sie haben vier Romane und sechs Theaterstücke geschrieben. Welches Feedback haben Sie in Sri Lanka zu Ihren Werken bekommen?

Für meine Romane habe ich Kritik und Lob bekommen. Ich versuche, die Vielfalt Ceylons zu porträtieren, die mit der Entstehung Sri Lankas (1972) in eine buddhistische Identität verwandelt wurde. Ich gebe den Minderheiten eine Stimme und kritisiere die Kräfte (in der Regierung und in den religiösen Institutionen), die aus Sri Lanka ein homogenes buddhistisches Land machen möchten. Ich schreibe nicht “objektiv”, sondern versuche auf subjektive Weise, die Figuren in meinem Werk sprechen zu lassen. Die Leser werden nicht indoktriniert, sondern haben die Wahl, zwischen richtig und falsch zu wählen.

Ihr zweiter Roman („The Theravada Man”, 2009) erschien auch in deutscher Übersetzung („Ein Mann des Mittleren Weges“, 2019). Können Sie kurz zusammenfassen, worum es in dem Roman geht?

Der “Theravada Man” ist ein Diskurs zwischen drei philosophischen Wegen: dem Buddhismus, der Lehre der Jyotish oder Hora Sastra und dem Animismus, der in meinem Land immer noch weit verbreitet ist. Der Diskurs findet auf einem Ochsenkarren, der in der Stille der Nacht unter zunehmendem und abnehemden Mond zu seinem Bestimmungsort fährt, statt. Plötzlich wird die Stille belebt durch die Präsenz einer Frau, die gezwungen ist, eine Synthese zwischen den vielen philosophischen Schulen und Mütterlichkeit zu finden.

Wie ist die Lage der Frauen in Sri Lanka heute?

Frauen haben eine Stimme und werden respektiert. Die Mütter werden bei uns sehr verehrt. Daher kommt der Respekt für die Frauen. Es ist klar, dass in einer solchen Kultur eine Frau, die auch weiterhin respektiert werden möchte, sich entsprechend den Normen der traditionellen Gesellschaft verhalten muss.

Die Mehrheit der Menschen in Sri Lanka sind Buddhisten und ihre Sprache ist Singhalesisch. Inwiefern ist der Buddhismus ein Faktor im Kampf der Frauen für Emanzipation? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Buddhismus einerseits und anderen Religionen wie Hinduismus, Islam oder Christentum andererseits?

Nein, in der Religion geht es um Erlösung, nicht um Emanzipation. Die Frauen in Sri Lanka verstehen die Rolle der Religion und gebrauchen die Heiligkeit von religiösen Plätzen nicht für die Emanzipation. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen buddhistischen, hinduistischen oder christlichen Frauen in Sri Lanka. Religion ist für uns transzendent. Sie dient dem Zweck der Hingabe, der Befreiung und des Nirvanas. Wir entweihen das Heilige nicht durch Emanzipation. Unsere Frauen verstehen, warum es so wichtig ist, das Religiöse und das Säkulare zu trennen.


Manuka Wijesinghe wurde 1963 in Sri Lanka (damals: Ceylon) geboren. Die Liebe zur Literatur und die Lust an kreativer Betätigung wurden ihr als Tochter eines lesebegeisterten Ingenieurs und einer Kunstlehrerin bereits im Elternhaus vermittelt. Ihre Muttersprache ist Singhalesisch, aber sie besuchte eine anglikanische Schule und schreibt vorwiegend auf Englisch. Später studierte sie Drama an der University of Maine, USA. Auch zur spanischen Sprache und Literatur, die sie als Studentin kennenlernte, hat sie eine intensive Beziehung. Besonders angezogen fühlte sie sich vom magischen Realismus lateinamerikanischer Autoren – ein Einfluss, den man in ihren Romanen erkennen kann. Bevor sie eigene schriftstellerische Werke veröffentlichte, machte sie bereits als Tänzerin und Schauspielerin in Colombo auf sich aufmerksam. Heute lebt sie in Sri Lanka und Deutschland, ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder.
Auf Deutsch erschien bisher eines ihrer Werke: der Roman “Ein Mann des Mittleren Weges” (Draupadi Verlag, 2019). Er wurde von Reinhold Schein aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. In diesem Roman durchleuchtet Manuka Wijesinghe die Geschichte und die Seele ihrer Heimat Sri Lanka. Protagonist ist ein Dorfschulleiter, dessen felsenfester Glaube an den Theravada-Buddhismus und das britische Bildungssystem von irrationalen Mächten wie Astrologie, Numerologie, Mythologie und menschlichem Begehren herausgefordert wird. Mit ihrem typischen Temperament und mit Humor verbindet sie in diesem Roman eine satirische Version des Mythos von Sri Lanka mit einer gesunden Dosis ihrer eigenen Art von Mystizismus. Manukas Stärken liegen in ihrer einzigartigen Fabulierlust, ihrem an der Theaterarbeit geschulten Ohr für Dialoge und ihrem eigenwilligen Blick auf Geschichte und Kultur ihrer Nation.


Das Interview führte Christian Weiß (Draupadi-Verlag).
Foto © Draupadi Verlag

Starke Frauen. Starke Geschichten




Dear Regina Kanyu Wang: In China, you are known as one of the established female authors of science fiction literature. Since people who are not connoisseurs of the Chinese literature or science fiction scene would also like to get to know you, we are interested in how you came to write. Can you tell us something about your career as a writer and especially as a science fiction writer?

I actually began to write during my creative writing Master of Fine Arts program at Fudan University in Shanghai. It was fate that brought me here. I had been a science fiction fan for years and had organized a lot of science fiction events during my undergraduate years as a business student at Fudan. I wanted to do science fiction research for my master’s but ended up in creative writing. I was trained to write in those years by writers of mainstream literature such as Wang Anyi, but I knew that I would write a science fiction story as my graduation thesis, a science fiction story that could be appreciated by my teachers. That story was “Of Cloud and Mist 《云雾》”, which was later serialized in Mengya 《萌芽》 and which won the Xingyun Award (Chinese Nebula Award 星云奖) for Chinese Science Fiction.


Zur Erklärung
Wang Anyi 王安忆 bzw. 王安憶 (geb. 1954) ist eine chinesische Schriftstellerin und Professorin der Fudan-Universität in Shanghai. Wang begann in den 1970er Jahren, während ihrer Landverschickung im Zuge der Kulturrevolution, mit dem Schreiben von Prosa. Nach ihrer Rückkehr nach Shanghai wurde sie Mitherausgeberin der Zeitschrift Ertong shidai 儿童时代 (Kindheit) und begann gleichzeitig, ihre Erfahrungen während der Kulturrevolution literarisch zu verarbeiten. In den 1980er Jahren wandte sie sich in ihren Texten der Suche nach den eigenen Wurzeln und der chinesischen Identität zu. Ihre Werke aus dieser Zeit sind aus diesem Grund der sogenannten „Literatur der Wurzelsuche“ bzw. xungen wenxue 寻根文学 zuzurechnen. Eine weitere thematische Neufokussierung erfolgte im Jahr 1986 mit der Veröffentlichung der Drei Erzählungen über die Liebe (San lian 三戀), die eine stärkere Psychologisierung aufweisen und sich mit „dem Widerspruch zwischen tiefer emotionaler Bindung und frustrierender Partnerschaft in entfremdeter Ehe in bislang in China ungekannter Schärfe“ befassten. Literarisch kehrte Wang in den 1990er Jahren in ihrer Prosa zurück zu Identitätsverhandlungen und der Verarbeitung eigener Erfahrungen. Neben diesen autobiographisch gefärbten Texten verfasste sie in dieser Zeit auch erstmals Erzählungen, die den Prinzipien der postmodernen Gestaltung folgen. Siehe: Klöpsch, Volker und Eva Müller [Hrsg.]: Lexikon der chinesischen Literatur, München: C.H. Beck, 2004, S. 308-309.
Mengya 萌芽ist auch heute noch eines der wichtigsten (Online-)Literaturmagazine in China, das sich an ein junges Publikum richtet. Seine Ursprünge können auf das Jahr 1956 datiert werden, jedoch finden sich Vorbilder auch bereits früher, nämlich aus dem Jahr 1930, als Lu Xun 鲁迅 (1881-1936) gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Liga linksgerichteter Schriftsteller (Zuolian 左联) die Zeitschrift Mengya yuekan 萌芽月刊 publizierte, die monatlich erschien. Der Titel Mengya bedeutet in seiner substantivischen Form „Saat“ bzw. „Samen“ oder auch „Keim/Spross“ und weist – ebenso wie die Zusatzangabe auf der Webseite des Magazins, „qingchun wenxue jiayuan“ (青春文学家园) bzw. „Zuhause der Jugendliteratur“ – auf die Zielgruppe des Mediums hin. Die Kalligrafie des Titels wird auch in der heutigen Fassung der Zeitschrift in ihrem Print- und Online-Format Lu Xun zugeschrieben. Siehe: Xiao, Hui Faye: „From New Concept to Youth Economy: The Rise and Crisis of the Me Generation”, in: Berg, Daria und Giorgio Strafella [Hrsg.]: Transforming Book Culture in China, 1600–2016 (The 2016 Yearbook of the International Society for Book Studies [IBG]). Wiesbaden: Harrassowitz, 2016 (147-172), S. 149-150.
Xingyun Preis (Chinese Nebula Award): Im Jahr 2010 rief die World Chinese Science Fiction Association mit Sitz in Chengdu den chinesischen Nebula Award (chinesisch: 星云奖; pinyin: xingyun jiang) ins Leben, der nicht zu verwechseln ist mit dem gleichnamigen US-amerikanischen Preis. Der chinesische Nebula Award wird jährlich für chinesischsprachige Science-Fiction-Werke in verschiedenen Kategorien verliehen. Die Preisträger:innen werden von einer Jury aus einer Liste von Nominierten ausgewählt, die durch eine öffentliche Abstimmung ermittelt wurde. Ehemalige Preisträger sind z.B. Chen Qiufan, dessen Werke auch teilweise in deutscher und englischer Übersetzung vorliegen, oder aber Liu Cixin, der als erster asiatischer Autor überhaupt für seinen Roman Die drei Sonnen (dt. Titel), dem Auftakt einer Trilogie, die in deutscher Übersetzung im Heyne-Verlag erschienen ist, auch mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde, dem international wichtigsten Preis für Science-Fiction-Literatur.


What excites you about the genre of science fiction, both as a writer and as a reader? What inspires you in your writing?

Science fiction has both the freedom to explore what doesn’t exist in reality and the logic to make it read real. The feeling of dancing with the chains fascinates me. It is neither completely wild nor totally restricted to our reality. It enables writers to discuss some issues that could not be discussed in realist fiction while maintaining the connection to our reality.

It is said that science fiction literature is popular and also sanctioned in China, as the genre deals with technological futures and creates scenarios of progress that could be of benefit to Chinese society. Does your own cultural background play any role at all for you when writing? Do you always write in your native language?

In recent years, more and more Chinese science fiction writers began to refer to our own cultural background when writing science fiction, which used to be a genre strongly tied with the western tradition. I was born in 1990 in Shanghai and my cultural background is quite mixed and international. I cannot say that the Chinese classics have more influence on me than Japanese cartoons or western tv-series. However, when Chinese science fiction has become popular internationally and people started to ask “what makes Chinese science fiction Chinese”, the domestic editors, publishers, and readers also started to seek for more “Chinese-style” science fiction. I have recently published a story called “Zhurong on Mars,” which is a retelling of Chinese mythology and story about artificial intelligence on Mars. The editor asked for “a science fiction story taking place on Mars, but with oriental features.” I have also written a few stories in English, which is quite different from my writing in Chinese. They are always from a non-human perspective because I feel “alien” when writing in English, and such style also began to inspire my writing in Chinese. “Zhurong on Mars” is an example of this mutual influence.

Zhurong (chin. 祝融) ist in der chinesischen Mythologie der Gott des Feuers und der Herrscher des Südens sowie der Name des Rovers der am 23. Juli 2020 gestarteten chinesischen Marsmission Tianwen-1.

You grew up and were socialized in China, but you are currently living and researching in Norway and were just a guest at the Literary Colloquium Berlin. How do you experience these „journeys through cultures“ and how does this affect your writing and yourself? Does it make a difference to you as an author whether you write in Scandinavia, in China, or in Germany, and whether you find yourself in different linguistic environments?

A lot my writing is about such “journeys through cultures”, especially my non-fiction writing! These journeys have provided me a lot of inspirations and materials to write. And I think science fiction is also a kind of journey that brings readers to a different culture. There is something strange or unfamiliar in the story world, and you have to explore that with texts. For now, I don’t feel different when I write in different geographical locations and linguistic environments, but the places that I have visited may appear in my stories, like in “The Seafood Restaurant” or “The Winter Garden”.

To what extent is there a connection between your work as a researcher and your writing of science fiction literature? Do these two identities even influence each other?

I have to say that my research has influenced my writing, and vice versa! The research has helped me to broaden my writing themes, from human to non-human, from individual to the larger world. I also become more aware of what I write in my stories may echo with certain research topics. On the other hand, my experience of writing and working in the science fiction industry also constantly contributes to my research. That is my major difference with other researchers. I can see my research object from other perspectives.

This interview appears in the interview series „Strong Women. Strong Literature.“ Are there many women writers in the Chinese science fiction scene? To what extent is writing science fiction also a kind of „empowerment“ for you as a female author?

Oh definitely yes, and they have always been there. I interviewed Zhang Jing (张静, a.k.a. 晶静) last year, who is one of the earliest Chinese women science fiction writers that we know today. She told me that during the “anti-spiritual pollution campaign” in the 1980s, when science fiction was criticized in the society, she thought such criticism was unfair, so she began to write science fiction as a support. She is still writing now in her 80s, together with many younger generation women authors. I think not only writing science fiction is a kind of “empowerment” for women, but also women writing science fiction is a kind of “empowerment” for science fiction.

Die „Anti-spiritual pollution campaign“ bzw. „Kampagne gegen geistige Verschmutzung“ (chin. 清除精神污染, wörtlich: „Beseitigung der geistigen Verschmutzung“) war eine politische Kampagne gegen Einflüsse aus dem Westen, die im Herbst 1983 von konservativen Vertretern der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) initiiert und durchgeführt wurde. Die Kampagne kann als Reaktion auf die Reform- und Öffnungspolitik verstanden werden, die nach dem Ende der Kulturrevolution im Jahr 1978 und dem damit einhergehenden Niedergang der maoistischen Utopie angestoßen wurde. Sie richtete sich gegen westlich inspirierte, liberale Ideen und Individualismus — Ideen, die u.a. durch Literatur, Filme, Kunst und Musik aus dem westlichen Ausland nach China gelangten. Die Kampagne gegen geistige Verschmutzung bestürzte vor allem die chinesischen Intellektuellen, u.a. da sie den Eindruck verstärkte, dass die KPCh nicht beabsichtigte, ihre Kontrolle über das Leben der chinesischen Bürgerinnen und Bürger in nennenswerter Weise zu lockern. Die Kampagne erreichte ihren Höhepunkt Mitte November 1983 und endete im Dezember 1983.

In addition to being a writer and scholar, you recently co-edited an anthology of Chinese science fiction and fantasy in translation entitled The Way Spring Arrives and Other Stories. This anthology was created by an all-female and non-binary production team. How important are such projects to you and why?

The whole team has put lots of efforts and creativity into The Way Spring Arrives and Other Stories (《春天来临的方式》2022), and I am so proud of it! It’s the first all-women-and-non-binary anthology of Chinese speculative fiction translated into English and published in Chinese as well. Meanwhile, there are three other all-women Chinese science fiction anthologies being published around the same time in Chinese or Japanese: She Science Fiction (《她科幻》2021), Her: A Collection of the Classic Works of Chinese Female Science Fiction Writers (《她:中国女性科幻作家经典作品集》2021), and Running Red: Chinese Female Science Fiction Writers Anthology (《奔跑的红:中国女性科幻作家选集》2022). Some people may say that there has never been an all-male anthology of Chinese science fiction, but most of them include 90% or all-male authors. So such projects focusing on women and non-binary creators are to raise people’s gender awareness. Although individual authors may not feel any discrimination, the structural bias still exists. Of course, the ideal status is that we don’t need to emphasize on authors‘ gender, but we still have a long way to go.

The German translation of your short story collection The Seafood Restaurant („Das Meeresfrüchterestaurant“) will be published in Germany by Drachenhaus Verlag soon. Do you have a favorite story from this volume? Would you mind telling us which one it is and why you like that story in particular?

I am so happy and honored for that! A great many thanks to my publishers and translators! My favorite story from this volume is the title story “The Seafood Restaurant”. The story is very “me.” I attach some personal experiences and feelings to the story, different from most of my other stories, and also different from other “science fiction” stories. It is that kind of story that can only be written by me. I call it “prose science fiction (散文化的科幻)” because it inherits some features from my prose writing on international travelling, in which I explore a new place and encounter with new people. I was invited to write a story about food and emotions. At that time, I was travelling in New England, where a lot of Cthulhu stories take place, and fear seems to be the deepest human emotion in those stories, so…

You are an active member of the science fiction fan community around the world and take part in so-called science fiction conventions, and you also give many talks online. We are sure that you get a lot of feedback from your readers at these events. We would be interested to know what has been the most valuable and what has been the strangest feedback for you so far?

Learning that people know about my work and enjoy what I have been writing or doing is the most valuable part! It is the power that makes me keep going. Strangest feedback…some people don’t even read or learn about what you are saying or doing and they think they can judge.

Finally, we would like to look into the future together with you: What do you wish for yourself and what do you wish for the future of the science fiction genre?

I wish I can continue to write science fiction and my stories can make the world a better place. I hope there can be more communication and dialogues between science fiction from different cultures and languages, especially between the non-anglophone world.


Das Interview führten Frederike Schneider-Vielsäcker and Dr. Petra Thiel.
Foto © privat

Starke Frauen. Starke Autorinnen



Emanzipation durch Schreiben
Frauen in der Heidelberger Romantik

Ein Essay von Veronika Haas


Noch bis in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts waren die Namen von Schriftstellerinnen in der Literaturgeschichte häufig nur Randbemerkungen. Thematisiert wurden sie zumeist nur als Frau, Freundin, Geliebte oder Muse eines bekannten Dichters. Frauen, die keine Beziehung zu einem solchen hatten, rutschten in eine andere Sparte: Trivialliteratur. Was aber von Frauen, die sich bilden, gar dichten wollten, damals – in der Goethezeit – zu halten war, erklärt Friedrich Schiller in seiner Parodie „Die berühmte Frau“:

„Ein starker Geist in einem zarten Leib,
Ein Zwitter zwischen Mann und Weib,
Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben.
Ein Kind mit eines Riesen Waffen,
ein Mittelding von Weisen und von Affen!“

Eine dichtende Frau ist unweiblich, nicht mehr als eine Karikatur – ein Zwitterwesen, wie Schiller sagt. Die Frau sollte Gattin, Mutter und Hausfrau sein; für geistige Tätigkeiten hat sie weder die Zeit noch die geistigen Voraussetzungen. Bildungsmöglichkeiten gab es aber auch nicht für Frauen: Das Schulwesen und die Universitäten standen nur Männern offen. Die französische Revolution wollte zwar Menschen- und Bürgerrechte, aber diese bitte nur für das „starke Geschlecht“.
Frauen der Heidelberger Romantik: Bettina von Arnim, Karoline von Günderrode und Sophie Mereau. Sie gehören zu der ersten größeren Generation von deutschen Schriftstellerinnen. Und sie waren Frauen, die in, um und mit der Heidelberger Romantik Geschichte schrieben. Heute würden wir salopp von „Beziehungskisten“ sprechen, denn die geistige Elite war zur Zeit der Romantik aufs Äußerste miteinander verflochten. Man kannte sich untereinander, man verkehrte miteinander; man diskutierte, kritisierte, lobte und intrigierte. Möglich wurde dies durch einen Briefverkehr, der in einer solchen Intensität nie wieder gepflegt wurde. Und man traf sich in Städten wie Berlin oder auch Heidelberg, die zum geistigen Zentrum wurden. – „Beziehungskisten“ in der Heidelberger Romantik: Bettina von Arnim war die Schwester von Clemens Brentano. Sie heiratet dessen intimsten Freund und Bruder im Geiste Achim von Arnim. Karoline von Günderrode und Bettina waren inniglich miteinander befreundet. Clemens Brentano wiederum warb einige Zeit heißblütig um Karoline, die beste Freundin seiner Schwester, die jedoch dankend ablehnte und ein freundschaftliches Verhältnis bevorzugte. Er heiratet schließlich Sophie Mereau. In Heidelberg trifft Karoline von Günderrode den Altphilologen Friedrich Creuzer. Liebe auf den ersten Blick – doch Creuzer ist verheiratet – „Beziehungskisten“!

Aber diese drei Frauen sind nicht dadurch in Erscheinung getreten, dass sie in männlichen Dichter-Zirkeln verkehrten. Es sind schreibende Frauen, Dichterinnen, Frauen, die sich durch Schreiben emanzipierten, die sich freischrieben von der Geschlechtervormundschaft. Doch sie schrieben sich nicht nur frei, sie dachten sich auch frei, und das in einer Zeit, da die Frau nach einem Geschlechterbild erzogen wurde, das das eigene Denken und die freie Meinung kategorisch ausschloss. Sich durch Schreiben zu emanzipieren, bedeutet hier jedoch noch lange nicht die „Gleichstellung von Mann und Frau“: Sie nahmen sich vielmehr die Freiheit, sie selbst zu sein, sich zu erkennen, zu erforschen und sich selbst in Bezug zur Außenwelt zu setzen. Das war die eigentliche Revolution! Kurz: Sie wollten sich ihrem Mensch-Sein bewusst werden. Dies konnte auch in einem Moment der Stille, der Meditation entstehen. Rahel Varnhagen, eine weitere Romantikerin, notiert in ihrem Tagebuch als Antwort auf die Frage – „Was machen Sie denn?“: „Nichts. Ich lasse das Leben auf mich regnen!
Die Frauen der Romantik hatten durch Privatunterricht im Elternhaus eine für damalige Verhältnisse exquisite Bildung. Alles, was ihnen nicht gelehrt wurde, eigneten sie sich im Selbstunterricht an. Sie lasen, sie waren wissensdurstig. Lesen war nicht nur geistige Nahrung, sondern auch Meinungsbildung, Eröffnung neuer Horizonte, literarisch-phantasievolle Reisen in ferne Länder. Während um sie herum die männliche Dichterwelt ihren Gefühlen, ihrer Weltsicht – schlicht: ihrem Wesen Ausdruck verlieh, suchten auch diese Frauen nach ihrer eigenen Sprache: „Dein Leben muss doch eine Sprache haben –, denn sonst ist es ja nichts“, schreibt Bettina von Arnim in einem Brief an Karoline von Günderrode. Sie fanden ihre Sprache – und mit ihrer Sprache erschufen sie sich selbst. Sie schrieben und schreibend suchten sie das Leben mit all seinen Facetten und Momentaufnahmen. Sie entdeckten es allein für sich – und gemeinsam – nicht zuletzt in Briefen.
Es waren – jede für sich genommen – beeindruckende Frauen. Jede ging ihren eigenen Weg. Ihrem Wesen nach waren sie teilweise sehr verschieden. Worin sie sich aber glichen: Alle beherbergten in ihrem Innern einen gewaltigen Gefühlsreichtum, eine scharfe Beobachtungsgabe und den Drang, das Leben in sich aufzunehmen, um es in ihrer eigenen Sprache wieder auf die Welt zu bringen.



Bettina von Arnim, geborene Brentano. Ein Zeitgenosse beschreibt sie wie folgt: „Ich sollte über ihr eigenes Wesen Auskunft geben? Häufen Sie Widersprüche auf Widersprüche, berghoch, überschütten Sie alles mit Blumen, lassen Sie Funken und Blitze herausleuchten, und nennen Sie’s Bettina!“ – 1785 in Frankfurt geboren, das siebte Kind von Anton Brentano und seiner Frau Maximiliane, Tochter von Sophie La Roche. Zu ihrem 7 Jahre älteren Bruder Clemens hat sie ein inniges Verhältnis. Nach dem Tod ihrer Mutter kommt sie achtjährig in ein Klosterpensionat. Als der Vater stirbt, zieht sie zu ihrer Großmutter La Roche nach Offenbach. Sie ist kess, selbstbewusst, voller Schabernack und Mutwillen. Ihrem spontanen Wesen musste sie unverzüglich Luft machen. Niemals – auch nicht im Alter – sah man sie auf Stühlen sitzen. Als Kind sitzt auf einem Schemel, meistens aber unter dem Tisch. Sie berichtet in ihrem Tagebuch, im Klosterpensionat habe sie sich vier Jahre lang nicht im Spiegel sehen können, da es dort keinen gab. In Offenbach bei ihrer Großmutter sieht sie sich zum ersten Mal wieder selbst: „Die eine erkannte ich nicht, […] mit feurigen Augen, glühenden Wangen. […] Ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen; in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt, ich muss ihr Treue zusagen.
Diese Schilderung macht ihre Lebenshaltung und die Einstellung zu ihrem eigenen Selbst greifbar: Bettina von Arnim konnte sich ganz so annehmen wie sie war. Ein Privileg! Sie schwor sich selbst die Treue und genügte sich selbst. Trotz ihrer innigen Liebe zum Bruder oder zu ihrem Ehemann Achim blieb sie immer erstaunlich frei und unabhängig. Selbstbewusst und pragmatisch wie sie war, meisterte sie ihr Leben. Als der Bruder sie bittet, sich in der Gesellschaft besser einzufügen, sich den Menschen, wie er sagt, „lieb zu machen“, nicht unangenehm anzuecken und bitte bald an Eheschließung zu denken, antwortet sie keck: „Ich bitte Dich um Gottes willen, gib den Stoßseufzer auf um einen lieben Mann, den du mir herbeiwünschst. Glaube mir, daß ich keiner Stütze im Leben bedarf. Ich bedarf, dass ich meine Freiheit behalte – daß ich das ausrichte, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun.
Bettina ging unbeirrt ihren Weg. Das Gewöhnliche, das Übliche konnte sie nicht ertragen: „Ich will nicht Geschichte studieren, ich will sie leben!“ Und die geistige Über-Lebendigkeit ließ den inneren Kobold in ihr nie verstummen. Auch nicht als sie 1811 in Weimar bei einer Ausstellung Goethes Gattin, Christiane Vulpius, derart provoziert, dass sie sich gegenseitig ohrfeigen und Bettina abschließend lapidar in den Raum ruft, eine wilde Blutwurst habe sie gebissen.
In Achim von Arnim, mit dem sie zunächst eine jahrelange Freundschaft verbindet, findet sie einen Ehemann, neben dem sie ihre Freiheit auch weiter leben darf. Sie ergänzen sich gegenseitig, stärken sich und werden zu Seelenpartnern. Seine Sanftmut und Verantwortlichkeit konnten ihr nicht zur Fessel werden. Auch nicht ihre Mutterpflicht gegenüber sieben Kindern. Nach seinem doch frühen Tod geht Bettina ihren Weg unbeirrt weiter. Sie wird zur Sozialkämpferin und setzt sich für Arme und Inhaftierte ein. Erst jetzt beginnt sie, schriftstellerisch aktiv zu werden. Nach dem Tod Goethes veröffentlicht sie das Erinnerungsbuch „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“, nach dem Tod des Bruders Clemens flechtet sie ihm den „Frühlingskranz“ und setzt ihm ein Denkmal. Die Briefe sind Zeugnisse ihrer Selbstwerdung – sicherlich auch an der einen und anderen Stelle stilisiert, umgeschrieben und hier und da ins rechte Licht gerückt. Aber so war sie eben auch. Mit dem Briefroman Die Günderrode setzt sie ihrer nach ihrem Tod in Vergessenheit geratenen Freundin ein Lebensdenkmal. Es folgen selbständige Publikationen, sozialkritisch und aufrüttelnd. Im Alter von 74 Jahren stirbt sie nach einem bewegten Leben im Kreise ihrer Familie.
Mit spontanem leidenschaftlichem Verlangen an einen Menschen gefesselt war Bettina eigentlich nie. Sie blieb stets erstaunlich unabhängig – mit einer Ausnahme: die vertrauensvolle Freundschaft, die Seelenliebe, zur fünf Jahre älteren Freundin Karoline von Günderrode. „Wenn Du nicht wärst, was wär mir die ganze Welt? – Kein Urteil, kein Mensch vermag über mich, aber Du! – mein Leben ist unsicher ohne Deine Liebe, und mir ist’s eben so durch den Kopf gefahren, als ob Du mich vergessen könntest … und wenn ich denk an die feurigen Strahlen, mit denen Du oft meine Seele durchleuchtest! – Bleib mir doch.

Während der eigene Gefühlsreichtum Bettina Lebenskraft bescherte, litt Karoline von Günderrode unter der Intensität ihrer Gefühle, unter ihrem Leben, das ihrem eigenen Daseinsentwurf nicht entsprach. Im Alter von sechs Jahren stirbt der Vater. Mit der Mutter und den sechs Geschwistern zieht sie von Karlsruhe nach Hanau. Das Geld ist knapp. Karoline tritt in ein evangelisches Damenstift in Frankfurt ein, sozusagen eine „standesgemäße Versorgungsanstalt für unvermögende Töchter“. Während Bettina sich vom Leben geliebt fühlte und ihrer Umgebung trotzte, war Karoline zurückhaltend, sanftmütig, still, nie aufbrausend. Gefühlsstürme erlebte sie in ihrem Innern. In einer strengen Umgebung wie dem Damenstift wurde ihr früh die Dichtung, die Sprache und die Phantasie zum eigentlichen Lebensraum. In ihren Worten kann sie laut sein, stürmisch, fordernd. In der wirklichen Welt, mit dem Gefühl, in einem schwachen Körper gefangen zu sein, droht sie zu ersticken.
Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtgetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd und uneins mit mir!
Streit und Tod in der Familie tragen zu einer Vereinsamung bei. Die Freundschaft zu Bettina stärkt sie. Sie finden vor allem im Schreiben zueinander. „Ich denk mir’s so schön, alles mit Dir zu überlegen.“ Bettina, die Lebenswillige, bewundert die geistig begabte und reflektierte Günderrode. „Das Beste, was ich weiß, verdanke ich der Günderrode“, bekennt Bettina. In ihr findet Karoline einen Lebensgeist, den sie braucht. Als Frau mit der eigenen Dichtung an die Öffentlichkeit zu gehen, war ein soziales Wagnis. Zumeist riskierten es die weiblichen Literaten nur anonym oder unter Pseudonym. Literarische Zeitschriftensammlungen hatten sich bereits etabliert – nicht nur von Herren herausgegeben wie die Horen von Schiller, sondern auch von Frauen. Günderrode schickt eine Erzählung an die bekannte Schriftstellerin La Roche, die Großmutter der befreundeten Brentanos, und diese veröffentlicht sie – anonym. Bald vermutet man die Günderrode hinter den Texten. Doch auch die ersten Buchveröffentlichungen erscheinen unter einem Pseudonym. Dennoch: Sie galt nun als Dichterin. Karoline reist nach Heidelberg und lernt bei einem Spaziergang am Schloss den Philologen Friedrich Creuzer kennen. Diese Begegnung wird für sie zum Schicksal. Creuzer verliebte sich auf den ersten Blick in Karoline: „Aus mir sprach Liebe vom ersten Augenblick an. Wer kann der Gottheit widerstehen?

Creuzer war ein äußerlich unschöner Mann, in Heidelberg sagte man vornehm, er sei „von zweifelhafter Schönheit“, verheiratet mit einer 13 Jahre älteren Professorenwitwe. Seine flammende Liebe für Karoline entzündet schließlich auch in ihr ein Feuer. Eine klassische Dreiecksbeziehung: In seiner Euphorie will Creuzer sich scheiden lassen, seine Frau spricht ihn sogar von Tisch und Bett frei. In der kleinen Universitätsstadt Heidelberg verlässt ihn aber immer wieder der Mut. Karoline und er schmieden abenteuerliche Pläne: Sie will als Jüngling verkleidet in Creuzers Nähe wohnen, sie wollen nach Russland auswandern. Keiner dieser Pläne wird umgesetzt. Es verbindet sie nicht nur Liebe, sondern auch der geistige Austausch. Creuzer wird zum Förderer und Herausgeber Karolines Schriften, sie wird ihm zur Muse. Bettina von Arnim, die von der Liaison zunächst nichts wusste, bemerkt, was vor sich geht und reagiert eifersüchtig. Creuzer verlangt von Karoline, die Freundschaft zu beenden. Bereits in eine tiefe Abhängigkeit geraten, bricht sie den Kontakt zu Bettina wirklich ab. In ihrem letzten Brief an sie schreibt sie: „Ich bin ein Kind von müd gewordner Liebesanstrengung.“

Müde, das ist sie wahrlich. Gerade erst das Glück erfahren, geliebt zu werden, darf sie es nicht ausleben. Sie zieht sich in ihre sprachgewaltigen Phantasiewelten zurück und denkt immer häufiger an den Tod: Die Liebe, das Verlangen, die Sehnsucht, im Tod erlöst zu werden, spiegeln sich in ihrer Liebeslyrik.

Wie ist ganz mein Sinn befangen,
Einer, Einer anzuhangen;
Diese Eine zu umfangen
Treibt mich einzig nur Verlangen;
Freude kann mir nur gewähren,
heimlich diesen Wunsch zu nähren,
mich in Träumen zu bethören,
mich in Sehnen zu verzehren,
Was mich tödtet zu gebähren.


Auch Creuzer ist geschwächt: Nach einer schweren Erkrankung beschließt er, seine Beziehung zu Karoline zu beenden. Lange lässt er nichts von sich hören und bittet schließlich einen Dritten, den Heidelberger Carl Daub, Karoline die Botschaft zu überbringen. Sie hält sich zu diesem Zeitpunkt in Winkel am Rhein auf und bricht bei der Nachricht zusammen. Still und unbemerkt geht sie am Abend an das Rheinufer und nimmt sich mit einem Dolch, den sie bereits viele Jahre bei sich trug, das Leben. Ein Skandal! Creuzer versucht, alle Spuren, die ihm eine Schuld zusprechen würden, zu vernichten. Er verbrennt Briefe und gar Manuskripte. Der Vorfall wird totgeschwiegen. Auch das geschah vor 200 Jahren im Umfeld der Heidelberger Romantik.

Vor 200 Jahren, auch in Heidelberg, führen zugleich Clemens Brentano und Sophie Mereau eine relativ erfüllte Ehe. Relativ, denn Streit gab es häufig. Anders als Bettina von Arnim war Sophie Mereau bereits vor ihrer Ehe mit Clemens eine selbstbewusste und erfolgreiche Schriftstellerin. Zu den Anfängen: Schiller, der die „berühmte Frau“ polemisierte, machte bei Sophie Mereau eine großmütige Ausnahme. An Goethe schreibt er: „Unsere Freundin Mereau hat in der Tat eine gewisse Innigkeit und zuweilen selbst eine Würde des Empfindens, und eine gewisse Tiefe kann ich ihr auch nicht absprechen.
Schiller wird sogar zu ihrem Gönner und Förderer, indem er in den Horen oder in seiner Zeitschrift Thalia ihre Gedichte veröffentlicht. – Sophie Mereau ist eigentlich eine geborene Schubart; mit dem Juristen Karl Mereau, Professor an der Universität Jena, geht sie nach dem Tod der Eltern nicht aus Liebe, sondern aus sozialen Absicherungsgründen eine Ehe ein. Sie ist eine schöne Frau – in Jena munkelt man sogar, dass es kein Mann mit ihr in einem Raum aushalte, ohne sie umarmen zu wollen. Die Grundstimmung ihres Lebens ist die Liebe zum Augenblick. Sie genießt das Leben, sie genießt ihre Phantasie, ihre Gefühlswelten; sie werden ihr zur Lebensformel: „Ein schöner Morgen! Mir ist ganz heiter zu Mut. Überall leichtes Gewölk, das mit Licht-Glanz kämpft. Und er siegt! Möchte mein Leben sein wie dieses Bild!
Heiterkeit und Selbstgefühl. Durch die Ehe mit Mereau tritt sie in Kontakt mit der Geisteselite in Jena. Sie besucht sogar als einzige weibliche Hörerin die Vorlesungen Fichtes und bildet sich unentwegt weiter. Ihr Mann preist Schiller ihr dichterisches Talent an. Mereau hoffte aber, dass sie sich doch irgendwann in die Rolle der Mutter und Hausfrau einfinden würde, gerade nach der Geburt des ersten Kindes. Doch Sophies Tatendrang blieb. Bereits im Alter von dreiundzwanzig Jahren veröffentlicht sie ihren ersten Roman Das Blütenalter der Empfindung. Es festigte sich ihr Ruf als begabte Dichterin. Ihre Lyrik und auch ihre Prosa werden getragen von der ihr eigenen Augenblicksphilosophie; die Figuren genießen das Leben, fast hedonistisch.
1798 liest man zum ersten Mal den Buchstaben „B.“ in ihren Tagebüchern. Der Medizinstudent Clemens Brentano ist in Jena und wird zu ihrem Verehrer. Beide verlieben sich ineinander und verbringen heimliche, aber innige Stunden der Zweisamkeit. Sie schiebt die Ehescheidung immer wieder hinaus. Brentano verlässt Jena und bricht den Kontakt vorerst ab. Die letzten Begegnungen zwischen ihnen waren unfreundlich, sie fühlte sich von seinem Drängen und Fordern erdrückt. Nach dem Tod ihres kleinen Sohnes trennt sich Sophie von ihrem Mann und wird zu einer mittlerweile bekannten Dichterin und Herausgeberin. Die Sprache, die Dichtung ist ihr Lebenselixier, und zum ersten Mal in der deutschen Literaturgeschichte auch ein Beruf für eine Frau. Sie ist Berufsschriftstellerin und verdient damit ihren eigenen Lebensunterhalt. Eine Revolution! Eine Emanzipation.

Brentano und sie finden in Briefen wieder zueinander; teilweise sarkastisch, bittend, liebevoll und ablehnend zugleich zeigen sich bereits in dieser Korrespondenz die Schwierigkeiten ihrer Beziehung. Sophie scheint zu spüren, dass der nicht einfache Charakter Brentanos ihr zum Verhängnis werden kann. Sie schreibt ihm: „Meine Gegenwart ist eine dumpfe Stille und die Zukunft steht vor meiner Seele wie eine Wolke, von der ich nicht weiß, ob sie wohltätigen Schatten oder verheerenden Sturm bringt – ich bin ein Fegefeuer, der nächste Zustand muß Himmel oder Hölle sein.“ Sie treffen sich und finden trotz aller sich anbahnenden Schwierigkeiten wieder zusammen. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, schreibt sie ihm: „Deine Unruhe ist wie ein feines Gift, das selbst durch das unschuldige Papier ansteckend wirkt. Fest drücke ich beide Augen zu, halte die Hände vor beide Ohren und so springe ich in den Abgrund – in Deine Arme!

Brentanos Gefühlsausbrüche sind heftig. Sie versucht sich dagegen zu immunisieren, gibt ihm handfeste psychologische Ratschläge, dass er sich doch körperlich ertüchtigen möge, um sein Gemüt zu beruhigen. Brentano fleht sie an: „O Sophie, führe mich ins Leben, gib mir ein Haus, ein Weib, ein Kind, einen Gott!“ Was Brentano, der nach seiner Zeit in Jena längst bemerkt hatte, dass er zu mehr berufen war als zur Medizin, von Sophie eigentlich einforderte, war – dass sie für ihn das Schreiben, die Schriftstellerei aufgab. Er, der selbst die ersten Erfolge mit seinen Veröffentlichungen hatte, gab ihr zu verstehen, dass sie als Frau für ihn eine Göttin sei, als Schriftstellerin aber eine Schmach, eine Bürde, die er zu tragen sich nicht im Stande fühlte. Sie heiraten – dennoch. Und Sophie widmete sich nur noch Übersetzungen. Sie unterstützte Brentano in seinem dichterischen Schaffen. Oft war es schwer, aber aus den Briefen beider Ehepartner an Bekannte geht deutlich hervor, dass sie in Heidelberg mit ihrer Arbeit an Des Knaben Wunderhorn – zusammen mit Achim von Arnim – die schönste gemeinsame Zeit verbrachten. Sophie Mereau starb im Alter von nur 36 Jahren bei der Geburt ihres Kindes in Heidelberg.

Emanzipation durch Schreiben. Es ging nicht um eine Emanzipation im feministischen Sinne, wenngleich sie teilweise auch stattfand. Es ging vielmehr darum, als Frau – entgegen der vorherrschenden Konvention und Geschlechterideologie – zum Mensch zu werden; sich als Mensch selbst zu entdecken, das Leben zu entdecken, Leben zu schreiben – miteinander wie Bettina und Karoline – und allein für sich. Es gab nicht nur eine Welt außerhalb von Kinderstube und Haushalt, sondern eine noch viel größere Welt im eigenen Innern dieser Frauen, die gelebt und gefühlt werden wollte. Das war eine Revolution. Drei Frauen, die das Leben auf sich regnen ließen. Alle drei liebten das Leben, jede ging anders damit um. Für Sophie war das unmittelbare Jetzt entscheidend, Bettina fühlte sich vom Leben geliebt, Karoline durfte das Leben, das sie liebte und nach dem sie sich sehnte, nicht führen. Alle erschrieben sie sich ein Leben und waren sich damit ihrer Identität bewusst. Novalis sagte: „Ein Roman ist ein Leben, als Buch. Jedes Leben hat ein Motto, einen Titel – einen Verleger – eine Vorrede – Einleitung – Text – Noten …“. – Und „das Leben soll uns kein gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman seyn“. Der Stoff, den die Dichtung also umgestalten soll, ist im Wesentlichen das „Leben“. Es sind große Lebens-Geschichten, die diese Frauen in und um die Heidelberger Romantik schrieben, revolutionär, tragisch, mitreißend und alles andere als nur „trivial“. Bettina schreibt an Karoline: „Das Leben im Wort ist Auferstehung.“


Der Essay basiert auf einem Vortrag im Rahmen des Internationalen Musikfestivals Heidelberger Frühling anlässlich des Themenschwerpunkts „200 Jahre Heidelberger Romantik“ 2006. Alle Rechte liegen bei der Autorin.

Starke Frauen. Starke Autorinnen



Essay
„Über das Hochstapeln“


Der Bücherturm lag auf einem hölzernen Klapptisch in der Stadtbücherei. Darüber verkündete ein angestaubter, laminierter Aufsteller: „Starke Frauen-Literatur“. Bindestrich, dann Punkt. Ich blieb davor stehen. Vielleicht stimmte es, was man mir andauernd vorwarf, und ich suchte immer das Haar in der Suppe. Doch das Erste, was mir in den Sinn kam, war:„Das ist aber ein verdammt kleiner Stapel“.
Ich sah nach draußen. Es war ein finsterer Nachmittag im November. Eine Wolke hatte sich vor das geschoben, was laut Studienplan und Einführungswoche ein unbeschwertes erstes Wintersemester hätte sein sollen. Doch der Rausch des Neuanfangs war schon Ende Oktober verpufft zwischen Schuhschachteln von Altstadtkneipen, wo sich die Luft zu fünf Prozent aus Schnaps, zu 50 Prozent aus Einsamkeit und zu fünfundvierzig Prozent aus Unsicherheit zusammensetzte. Längst hatte die Germanistik uns dazu konditioniert, artig unseren Platz in den gigantischen Hörsälen der Neuen Uni einzunehmen. Von unten betrachtet sahen die Klappsitzreihen aus wie eine zerklüftete Schlucht, von oben wirkten die bebrillte Dozentin und ihre Definitionen doch sehr klein.
Was Literatur ist, sollten wir lernen und die Ergebnisse in ordentlichen Strichpunkten festhalten. Die ganz Beflissenen strichen sich die wichtigen Aspekte mit Marker an, während die Dozentin von „Doppelbödigkeit“ sprach und die Literatur in drei Klassen unterteilte: 1. „E“ stand für „ernsthaft“ und „erlesen“ 2. „U“ für „Unterhaltung“ oder „Urteil“. 3. Last, but not least: das F-Wort. „Frauenliteratur“. Von, für und über Frauen. Da die Frauenliteratur nicht einfach Literatur sein durfte, erfand man für das andere Geschlecht natürlich ein eigenes Label. Jederzeit war klar, was mit Werken passierte, die gegen diese drei Klassen rebellierten. Bestraft wurden sowohl Gefallsucht als auch Aufbegehren, Tabus wie Konvention. Dann stopfte man die Bücher in ein Regal, über dem fett „trivial“ geschrieben stand und überreichte lästernden Feuilletonisten den Blankoscheck. Doch von allen drei Labeln erschien mir das F-Wort am verhängnisvollsten, ein zu schmaler Grat, als dass eine Autorin wirklich darüber gehen könnte. Höchstens auf die eine oder die andere Seite herunterfallen.

  • Provoziere! Brich mit allen Tabus! Trau dich!
  • Musst du immer so übertreiben?
  • Reflektiere dein Frausein in der Gesellschaft.
  • Niemand will dein autobiografisches Gedöns lesen.
  • Sei ein feministisches Vorbild! Denk an die jungen Mädchen.
  • Schreib alles, außer noch eine feministische Kampfschrift. Gähn.
  • Greif nach den Sternen. Wir brauchen starke Frauen in der Literatur!
  • Komm auf deinem Höhenflug ja der Sonne nicht zu nah. Schau auf das Meer unter dir, wo die Leiber deiner Vorgängerinnen vom Salz und Plankton zersetzt werden. Dädalus war ein Mann, warum solltest du es ihm gleichtun können?

Seit dieser Einführungsveranstaltung vor sechs Jahren habe ich keinen Marker mehr in der Hand gehalten, den mickrigen Starke Frauen-Stapel in der Stadtbücherei gibt es auch nicht mehr. Was nützt es, ordentliche Notizen zu führen, wenn Literatur ebenso lebendig ist wie wir. Wir haben sie geschaffen, um Dinge besser zu verstehen, angefangen bei uns selbst und unserer Geschichte. Worte lassen uns mitfühlen mit Menschen, die uns nie begegnet sind, und Schicksale nachempfinden, die nie unsere sein werden. Die Literatur ermöglicht uns, durch Türen zu gehen, die sonst verschlossen bleiben. Sie konfrontiert uns mit der Realität und erlaubt uns dennoch das Träumen. Das ist ihre einzig wahre Stärke.

Immer mehr Autorinnen haben ihre Höhenangst abgelegt. Mag sein, dass manche Kritiker sie immer noch ins Meer stürzen und verblassen sehen wollen. Doch das ändert nichts mehr daran, dass die Ära des Dädalus vorbei ist.
Und es ist wahr: Ich suche das Haar in der Suppe, weil ich mir eben nicht alles einverleiben muss, was mir vorgesetzt wird. Es reicht mir nicht, jede Autorin ausschließlich in die Schubladen „Chicklit“, „Feministische Literatur“ oder „ernsthafte Literatur eines Pick-Me-Girl. Will ihren männlichen Kollegen Konkurrenz machen“ einzuordnen. Schreibende Frauen schulden ihrem Publikum nichts – weder Konvention noch Wokeness, weder Vorbildfunktion noch Provokation, weder die Ausbeutung der eigenen Erfahrungen noch die messerscharfe soziologische Analyse. Ich respektiere andere Autorinnen für ihre Resilienz, für ihre Wut und für ihre Vielschichtigkeit. Dafür, dass ihre Worte mir unter die Haut gehen und dort unsichtbare Male hinterlassen. Und nicht zuletzt auch dafür, dass sie mir nicht nur erzählen, was ich längst weiß und was ich hören will, sondern meine Überzeugungen auf den Kopf stellen.
Ich gönne Autorinnen mehr als nur einen mickrigen Stapel in der Stadtbücherei.


Bella Bender studierte in Heidelberg an der Ruprecht-Karls-Universität Germanistik und Europäische Kunstgeschichte, Bachelor of Arts. Schon während des Studiums begann sie, als freie Autorin und Lektorin zu arbeiten. Seit Mai 2019 steht sie als Autorin beim Berliner Periplaneta Verlag unter Vertrag, wo auch ihr Kurzprosaband „Die artgerechte Haltung von Gedanken“ erschien. Das Werk wurde mit dem Bronze Skoutz-Award ausgezeichnet. Zwischen 2018 und 2020 engagierte sie sich in den Literaturkollektiven sexyunderground im Frankfurter Literaturhaus und semikolon in Heidelberg. Beiträge beim Urban Art-Projekt „Aufgehört“ 2021, beim Festival „Lust4Live“ und zur Anthologie Heidelberger Autor*innen „Millenial Trilogie“ anlässlich der Theaterpremiere „Oscillation“ von Iván Peréz. Von November 2021 bis März 2022 war sie Stipendiatin der VG Wort in Kooperation mit der Initiative Neustart Kultur und arbeitete am Prosaprojekt „Mademoiselle Bovary verschwand“.


Starke Frauen. Starke Verlegerinnen




Frau Lustig, Ihre Biografie liest sich wie ein spannender Fortsetzungsroman. Sie sind in Karlsruhe geboren, studierten in Heidelberg Philosophie und Germanistik und sind dann, anstatt zu promovieren, nach Italien emigriert. Heute lässt sich die Liebe zu den mediterranen Sprachwelten, die Sehnsucht nach dem Mittelmeerraum auch in dem vielfältigen Verlagsprogramm von Edition Converso entdecken. Was hat Sie damals zu ihrer lebensprägenden „Italienischen Reise“ bewogen?

Es wäre schön, wenn sich mein Leben auf- und zuklappen ließe wie ein Buch und ich könnte das „Spannende“ daran wohldosiert aus der ästhetischen Distanz erleben. Ihre Frage könnte nun, über vierzig Jahre nach Beginn meiner Italienischen Reise, tatsächlich DIE Chance sein, um daraus eine geschönte, einem Ideal, einem Bild entsprechende Erzählung zu machen. Ich will’s aber stets grell und ehrlich. Komplex waren die Beweggründe allemal. Ein treibender Faktor war gewiss meine ewige Nestsuche verbunden mit einer gewissen Haltlosigkeit. Umso eiserner der Entschluss. Ich hatte alles abgebrochen, gekündigt, verkauft, verschenkt; den Ast, auf dem ich saß, zerlegt. Ich war mir bewusst und auch wieder nicht, an welchem Scheideweg ich da stand. Und wie eine aufmerksame Beobachterin meines Werdegangs einmal sagte: Wo die Wahl ist zwischen einem geebneten Weg und einem steilen, beschwerlichen, unwegbaren – Monika nimmt immer letzteren. Das Fehlen jeglichen Plans ist notwendig, um einen mutigen Schritt zu tun. Es war eine tollkühne Tat, das würde ich auch heute noch sagen.
Damals im Frühling 1979 war es keineswegs so, dass ich leichtfertig beschlossen hätte, nicht zu promovieren. Mein Studium, das war eine große Liebhaberei im wörtlichen Sinne. Aber ich hatte mir im wahren Leben bereits einige gravierende Fallstricke eingehandelt; dennoch machte ich mein Staatsexamen bei Prof. Theunissen und Prof. Buhr. Jahrzehnte später, exakt 1999, konnte ich mir ob des immerdar schlechten Gewissens über die vertane Chance eine kleine Absolution einholen: Von Florenz aus am Telefon mit dem großen Hans-Georg Gadamer (ein sizilianischer Freund hatte mich gebeten, Einzelheiten im Vorfeld eines Interviews mit ihm anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Siracusa zu klären) sagte dieser zu meinem abgebrochenen Weg zu akademischen Höhen: „Aber das ist doch mehr als klar, dass der Ruf, der Sie von Italien ereilte, viel stärker, lauter war, als in Heidelberg zu bleiben und zu promovieren!“ Mit Nachdruck. Ich erinnere seine jugendliche Stimme. Er, ein fast Hundertjähriger.
Ende Mai 1979 eine abenteuerliche Autofahrt nach Elba. Und der Magnetismus dieses Eilands mit seinen zahlreichen Eisenerzvorkommen zeitigte sofort Wirkung. Es war mein erstes Mal am Meer. Meer ist  seither gleichbedeutend mit Mittelmeer. Die Schönheit der Landschaft, die Natur, die Gewalt der Elemente, das noch fischreiche Meer. Die Atmosphäre – wie man es sich so vorstellte: lebensprall, bunt, voller uralter Geheimnisse und Rituale. Eine Theaterbühne, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Geschaffen für einen Mythos. So dass die Worte eines dorthin „Ausgestiegenen“ – es gab da ein buntes Grüppchen, das sich in feuchten Kellerwohnungen oder auf abgelegenen Landhütten eingenistet hatte – „Hier herrscht die Magie des Alltags! Alles fügt sich, Du schraubst deine Bedürfnisse zurück und nimmst, was der Tag oder der Freund auf der Piazza dir beschert. Und natürlich kannst du hier deine Diss. schreiben“. Guru-Worte, die ich in mein philosophisch geschultes Gehirn tröpfeln ließ, wie eine neu entdeckte Droge. Zurück in Heidelberg, machte ich mich daran, viel Geld in wenigen Monaten zu verdienen. Ein weiterer Faktor: Niemand sagte zu mir, während ich die Zelte abbrach: Bleib doch! Bleib bei uns! Hier bei mir, bleib, überleg’s dir doch nochmal! Um meine Angst vor diesem gravierenden Schritt einzudämmen, stürzte ich mich in Scheinpragmatismus. Ich zog los, weil es dort auf der Insel einen Platz für mich gab. Meinen Platz auf der Welt. Ich glaubte fest daran.

Wie würden Sie rückblickend Ihre ersten Monate beschreiben? Wohnte jedem Anfang, wie Hesse ja verspricht, ein Zauber inne?

Ende Oktober 1979, Sturm, Regen peitschten das Fährschiff von Piombino, der Winter stand vor der Tür, die Touristen – damals noch überschaubar – waren längst weg. Die Aussteiger auf Heimaturlaub oder des Landes verwiesen; die Insel bot ihr ganz ursprüngliches Gesicht. Ich fror, bei rauchendem Kaminfeuer; die Holzstängelchen wurden bis vor die Haustür geliefert, die Preise waren die für eine tedesca. Die Panoramen waren weiterhin phantastisch. Um nicht zu verzweifeln, hielt ich mich fest an meiner 47 cm Robert-Walser-Gesamtausgabe – denn über ihn wollte ich promovieren. Ich bewarb mich um ein Stipendium, was wegen der Wohnanschrift abgelehnt wurde; es war noch sehr lange vor jeglichem digitalem Denken.
Ich sprach außer Gastro-Idiom noch keine Silbe Italienisch, die aus Australien zurückgekehrten Arbeitsmigranten, die Yeah-Yeah-Männer auf der Piazza, brabbelten ein unverständliches Englisch, meinten, es genüge mit ihnen zu sprechen. Ich lernte in Windeseile Italienisch mit allen klassischen Mitteln, die mir zur Verfügung standen. Und es entstand ein krasses Sprach=Identitätsgefälle, gerade noch in Hegelscher Begrifflichkeit und soziolinguistischen Kategorien zu Hause, musste ich mit einem Basic-Italienisch, das doch so wenig mit Latein zu tun hatte, in einer komplexen Welt mit unbekannten Regeln und Mentalitäten zurechtfinden. Noch heute kann ich das Gefühl des Mich-selbst-ausgeliefert-zu-haben-wie-ein-Opferlamm wachrufen. Ich schmückte die Wohnung mit Macchia-Blumen und anderen Fundstücken, das Meer im Winter erzählt viele Geschichten. Das sind zweifelsohne die magischen Momente, ja. Die prallten an die harte Realität, die beispielsweise hieß: Permesso di soggiorno, Aufenthaltserlaubnis, wofür man aber einen festen Wohnsitz –  una residenza – brauchte; und ob die echt oder nur vorgetäuscht, das wurde überprüft von dem allmächtigen Franco La Guardia. Meine Bude war nur bis zum Eintreffen der nächsten Pfingsttouristen an mich vermietet. Dann tauchte ein jüngerer lockiger Sarde auf, der viel redete, sogar über Literatur, alle Cantautori-Songs kannte, und der Gott Eros hatte die Strippen in der Hand. Viel Zauberflitter, Zauberglanz in die Augen. Ich machte die Bekanntschaft eines deutschen Malers, Hausbesitzer in Capoliveri. Als er mich zu einer Cena di capodanno in ein Ristorante einladen wollte, meinte der Wirt, ein eingewanderter Neapolitaner: Aber nicht mit der! Die verkehrt mit den Sarden.“ Das war eine Lektion in Inselrassismus. So verbrachte ich Sylvester mit der sardischen Familie meiner neuen Liebe, und die Mutter warnte den Sohn: pass auf, die meint’s ernst! Ein elbanisches Landschaftsgemälde jenes Malers schmückt heute ein pittoreskes Elba-Buch, das ich nie hätte schreiben können.

Beruflich drehte sich bei Ihnen schon bald alles um Sprache, Schreiben und Literatur. Immer, so scheint es, war Ihnen dabei auch Selbstständigkeit wichtig, die Freiheit, sich von neuen Projekten und Aufgaben inspirieren zu lassen. Erzählen Sie uns doch bitte von Ihren wahrlich spannenden Wegen, die Sie auch vom Festland auf Inseln führten.

Das mit der Sprache stimmt, wie dargelegt. Aber das mit der Selbständigkeit, das war eher den ersten Schritten in Italien geschuldet. Ich hatte von einer Insel aus, die schon viele verführt und gefangen gehalten hatte, versucht, mir den Weg auf den Continente zu bahnen. Ich hatte sehr wohl Ansätze gemacht, doch noch die Kurve in Deutschland zu kriegen, wieder Fuß zu fassen; aber nun war ich ja in der Rolle der Liebenden, bei der das Mütterliche eigentlich die dominante Farbe war. So blieb es bei halbherzigen Bewerbungen und zahlreichen Jobs, um zu überleben.
Später auf dem festen italienischen Land, dann in der italienischen Sprache firm und zu Hause, da gab es keine Festanstellungen für ausländische laureate, keine Stellen, von denen allein frau sich hätte den Lebensunterhalt verdienen können; man konnte mehrere feste einjährige oder Honorarstellen als Muttersprachenlehrerin an Gymnasien haben, die Stellen an den Unis wurden vorwiegend vom DAAD besetzt, waren aber auch zeitlich beschränkt, die Bezahlung nicht üppig; ich hatte es dann zu einer Dozentenstelle an der Uni Salerno gebracht, konnte sie aber nicht antreten, weil ich seinerzeit, inzwischen mit Kind und alleinerziehend in Modena, bereits zwei Stellen an dortigen Gymnasien, eine große Schar Deutschnachhilfeschüler, technische Übersetzungen machte, dolmetschte und einen weiteren Job in der Unibibliothek hatte …. Alles, was so unterkam, um sich und die Familie über Wasser zu halten. Auf Elba zurück begründete ich die erste elbanische Sprachschule – STUDIO FIORE BLU (Italienisch, Deutsch, Englisch), und spätestens als ich mit der Literaturagentur und dem literarischen Übersetzen begonnen hatte, war das Gewässer des Selbständigen mein natürliches Habitat.

Waren Sie tatsächlich auch Landwirtin auf Sardinien?

1982 wollte ich die Herkunftsinsel meiner sardischen Liebe kennenlernen. Wir bewegten uns nur durch die Ogliastra, dort lebten die Clans der zwei Elternfamilien, und landeten schließlich in Ulassai, Provinz Núoro. Ein typisches Inlanddorf unter dem steilen Felsbrocken des Taccu. Weiter ins Tal Richtung Santa Barbara, unter dem Winters mächtigen Wasserfall lag ein Grundstück, riesig, von einem alten Bauern mit Familie über Jahrzehnte bestellt. Es stand zum Verkauf. Dort wuchs und gedieh einfach alles: eine fruchtbare Gartenebene, tausend Olivenbäume, alte Rebstöcke des köstlichen Cannonau, Obstbäume aller Sorten, zu jeder Jahreszeit reife Früchte, Nüsse im Winter Nikolausäpfel und Kaki – nach Cacao oder Vanille schmeckend. Ein Wäldchen aus Korkeichen, Wacholder, Ginster, Steineichen, grüne tiefe Teiche, ein Bächlein mit Bergforellen .. . Wie konnte ich dort nicht Bäuerin sein wollen?! Es war eine gigantische Arbeit … den Terrassenweinberg konnte nur der Ochsenpflug pflügen, der kostete ein Tagwerk wie ein Monatslohn. Es war außerhalb jeder Infrastruktur; keine befestigten Straßen, (7 km vom Ort entfernt), kein Handy, kein Strom, kein fließend Wasser. Es gab die Quelle. Wir wollten die Hütte ausbauen, ich kochte auf der Feuerstelle und mit dem Gaskocher. Dann wurde ich schwanger. Der Zauber hatte also gewirkt.
Die Lehre, die die sardischen Frauen in costume, die schwarz oder braungewandeten Frauen, mit Schürze und Blüschen, mir angedeihen ließen, blieb unvergessen. Eine harte Schule. Denn ich war ja keine von ihnen, war eine von außerhalb, eine Schamlose. Eine andere, die auch nicht braun und schwarzgewandet umherging, war die einheimische Maria Lai (Ulassai 1919-2013, Cardedu), Installationskünstlerin, Malerin; ihr großartiges Projekt „Legarsi alla montagna“ – das blaue Band, das sie um sämtliche Häuser des Dorfs schlingen und dann ganz oben auf dem Berg befestigen ließ, hat ein Jahr vor meiner Ankunft dort stattgehabt; einen Zipfel noch habe ich ergriffen. 2017 waren Maria Lais Kunstobjekte auf der Documenta Kassel/Athen zu sehen.

Auch Lebensgeschichten und bedeutsame Ereignisse scheinen Sie inspiriert zu haben. Sie planten einst einen Dokumentarfilm über den Palermer Frühling, Sie schrieben, als Auftragsarbeit, die „Biografie eines Mafiajägers – Leoluca Orlando“, dem international bekannten Bürgermeister Palermos, und Sie übersetzten Mario Krebs‘ Buch „Ulrike Meinhof. Ein Leben im Widerspruch“, spezialisierten sich zeitweise gezielt auf politische Literatur. Welche Wirkung hatten einerseits der Palermer Frühling oder etwa auch die Ära Berlusconi und andererseits die intensive Auseinandersetzung mit beiden doch sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten Orlando-Meinhof auf Sie?

Das Buch von Mario Krebs, Ulrike Meinhof – ein Leben im Widerspruch (rororo) brachte die Jahre, die aus der bleiernen Zeit heraus- und dann wieder in den Untergrund führten, auf den Punkt. Das Bleierne der Nachkriegszeit, das Weiterleben und Bestehen des nazistischen Denkens und Entscheidens in vielen Machtzentralen der Republik. Die Archive über Ulrike Meinhof durchsuchend, mit Freunden, Kollegen, Angehörigen von ihr sprechend, kamen dem Autor immer mehr Zweifel an dem, was sich da an gesicherten Fakten darstellt. „(…) die Medien hatten aus ihr das Zerrbild der Staatsfeindin gemacht. Zweifel …“ – Und das In-Zweifel-Ziehen wurde ein roter Faden, eine epistemologische Grundkategorie meiner Recherche genannt Leben. Und viele Jahre später, während meiner Beschäftigung mit dem sizilianischen Aufklärer, Literaten, Essayisten Leonardo Sciascia entdeckte ich in seinen Parlamentsreden, er war ja auch Parlamentsabgeordneter auf den Listen des Partito Radicale: „… Das einzige Mal, dass ich Sartre begegnet bin, war nach dem Selbstmord (oder Mord) an einigen Terroristen im deutschen Gefängnis. Sartre sagte etwas, das mich sehr beeindruckt hat, (…): dass er nichts unternehmen würde, weil er Zweifel hatte. (Fußnote: (..) Zwischen 1976 und 1977 starben im Gefängnis auch Baader und die Meinhof: laut offizieller Version war es Selbstmord.)“ (Leonardo Sciascia, deputato radicale, 1979-1983, a cura di Lanfranco Palazzolo, Milano 2004)

Wir waren alle Staatsfeinde, denn wir wollten keinen Staat, der auf dem größten Unrecht, dem größten vorstellbaren Grauen, dem Holocaust aufbaute, als wär nichts gewesen. Ich erinnere noch deutlich einen Vormittag, ich kehrte von einer Vorlesung an der Uni in meine Wohnung in der Weststadt zurück, steckte den Schlüssel in die Haustür, trat ins Treppenhaus und hatte zwei MP-Läufe im Rücken. Die Nachbarin hatte mich bei der Polizei denunziert, wohl weil ich einen großen Freundeskreis hatte. Auf der Rückseite des Krebs-Buchs, das ich dann 1990 für Kaos edizioni ins Italienische übersetzt habe, das Zitat von Gustav Heinemann, 1976: „Mit allem, was sie getan hat, so unverständlich es war, hat sie uns gemeint.“
Mit Leoluca Orlando, das war eine glückliche Fügung, meine neugierige Nase immer nach vorn gestreckt; ab 1992 – just am Tag der Ermordung des Ermittlungsrichters Giovanni Falcone, 23. Mai, war ich mit meinem Sohn an der Hand und wenig Gepäck nach Panzano in Chianti gezogen – lebte ich in der Toscana, hatte meine ganze Existenz, Haus und Studio Fiore Blu und Kindsvater auf Elba zurückgelassen – und verfolgte aufgewühlt, seit Jahren bereits, das Treiben der Machtzirkel zwischen Politik, Mafia, Vatikan, Wirtschaft. Also Palermo, Rom, Vatikanstadt, Mailand. Im Gespräch mit einer Lektorin eines größeren Publikumsverlags, die sich für Sizilien, Mafia (ist ja immer ein beliebtes Unterhaltungsthema), meinte ich locker: ja wenn es keine Biografie vom Palermer Bürgermeister gibt, dann schreib ich sie doch! Und so landete ich ein Jahr nach der Ermordung von Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Palermer Frühling, und der war sehr heiß. Fortan wurde ich auf dem Silbertablett herumgereicht, lernte adlige Kokaindealer, schreibende Fischerstöchter, Schriftsteller, Verleger und natürlich den ganzen Staff von Palazzo delle Aquile kennen.
Zum 100. Geburtstag des bereits zitierten Leonardo Sciascia, 8. Januar 2021, rief mich Orlando frühmorgens an – gratulierte mir als neugekürter Sciascia-Verlegerin – ich hatte zu diesem Anlass zwei bis dato unübersetzte Texte von ihm in einer Festschrift vereint: „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ mit Essays von Maike Albath und Santo Piazzese. Und in meinem 2018/19 gegründeten Verlag Edition Converso veröffentlicht. Die Palermer Seiten von La repubblica berichteten in einem zweiseitigen Artikel.
Zur Ära Berlusconi mich zu äußern, das würde den Rahmen sprengen. Ich möchte an einen Brief von mir an die Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnern, in dem ich laut protestierte, denn sie vertrat in Ihrer Position nicht nur die vermeintlich geschlechtsneutralen deutschen Bundesbürger*innen, sondern eben auch die FRAUEN. Und es wäre ihre Pflicht gewesen, sich gegen eine sehr heftige, sehr vulgäre Beleidigung (culona inchiavabile) Berlusconis zur Wehr zu setzen, nicht nur auf diplomatischer Ebene. Nein – Laut in der Öffentlichkeit. Bis auf ein höfliches Standardbescheidungsbriefchen von Amts wegen kam nichts zurück.

Ende 2000 verließen Sie Italien, kehrten nach über 30 Jahren zurück in Ihre Geburtsstadt Karlsruhe. Wie erlebten Sie die Rückkehr in eine Heimat, die womöglich zunächst gar keine mehr war und in Kultur und Sprache fern von dem lag, was Ihr Leben seit 1979 so vielfach prägte?

Es war ein sehr kaltes Wasser, in das ich mich da gestürzt hatte. Ich wäre liebend gern wieder umgedreht. Mehr dazu will ich an dieser Stelle nicht sagen, ich versuche mich seit Jahren, immer wieder, an der Fertigstellung meines Romans „Die wankelmütige Heimkehrerin“. Eine weitere Tollkühnheit.

Zurück in Deutschland riefen Sie, neben Ihrer Arbeit als Übersetzerin, verschiedene Veranstaltungsreihen ins Leben, so zum Beispiel „Südwärts um die ganze Welt“ mit Literatur, Gesprächen und Philosophie. Für Ihre Veranstaltungsreihe „Liebe öffnet Tor und Tür“ wählten Sie bewusst einen besonderen Veranstaltungsort: ein Altenpflegeheim. Was hat Sie sowohl zum Thema als auch zum Ort Ihrer Veranstaltungsreihe bewogen?

Die Veranstaltungsreihe „Südwärts um die ganze Welt“ 2013 gegründet, mit sozusagen ganzheitlichem Konzept, also themenspezifische Speisen und Livemusik an unterschiedlichen Locations in Karlsruhe – Cafè Rih, Architekturschaufenster, Bauhaussiedlung: Architekturbüro Rossmann, Gartensaal des Karlsruher Schlosses et al. – war eine klasse Sache. Eine großartige Kommunikationsplattform, sozusagen eine Vorstufe zu meinem Verlag.
Die Reihe „Die Liebe öffnet Tor und Tür“, gründete ich dann, als mein geliebter niederländischer Ehemann, den ich kurz vor dem 11. September 2001 in Karlsruhe kennengelernt hatte (ich selbst am Tag des Anschlags in Palermo weilend), aufgrund seiner schweren Demenz (Levy-Body) 2015 dann in ein „Heim“ gebracht hatte – eine schreckliche, noch heute schmerzende Entscheidung, denn daraus wurde ein Kalvarienberg, viele Heime, Psychiatrie, ans Bett gefesselt, Notaufnahmen, Stürze, unmögliche Untersuchungen… Er starb 2019. Auf seinem Grabstein steht: Die Liebe öffnet Tor und Tür.
Leben bis zum Schluß, dieses Motto leuchtet oft über Hospizangeboten, auf die am Ende das Alten- und Pflegeheim ja die Vorstufe ist. Fast täglich gehe ich auf der so genannten Beschützten Station des Pflegeheims N.N. ein und aus. Zugleich war und ist mir das Tabuthema Alter und die Tabuisierung der Altenheime bewusst. Diese neue Reihe – mit Literatur, Musik und Kulinaria – stellt also just einen Vorstoß gegen jede Art von Ghetto- und Lagerdenken sowie gegen die Ausgrenzung geistig und psychisch Erkrankter dar, wo das Überschreiten der Schwelle eines solchen Heims bereits einen „revolutionären“ Akt darstellt. Beim Vorstand des genannten Hauses, darunter der Bürgermeister des Ortes, und dem dortigen begleitenden Dienst („wir tun hier nichts anderes als Liebesdienste“) rannte ich offene Türen ein.

2018 gründeten Sie den Verlag „Edition CONVERSO“, ein noch junger Verlag, der sogleich Auszeichnungen wie den Deutschen Verlagspreis 2021 oder den Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung erhielt. Das sind Auszeichnungen für eine außerordentlich hohe Qualität der verlegerischen Arbeit, für kulturelles Engagement und innovative Programme. Wie kam es zur Verlagsgründung, und was leitet Sie bei der verlegerischen Arbeit?

Wie schon skizziert, waren die Veranstaltungen und gleichzeitig meine Jahrzehnte als literarische Übersetzerin wichtige Bausteine für die Verlagsgründung. Dann dieser Schritt, schon öfters hatte ich mit der Idee geliebäugelt, einen Verlag zu machen, aber eher wie die Kinder es sagen „was willst du mal werden, wenn du groß bist?“. Die Verlagsgründung sozusagen eine organische Fortführung meiner bisherigen Leidenschaften: Es galt jenes Podium, mit dem ich irgendwie mit der Öffentlichkeit, der Welt verbunden war, nicht zu verlieren.

Zugleich stürzte ich mich liebend gerne in neue Themen, Sprachen, das lässt sich ja alles schön auf meiner Website nachlesen, mein Mittelmeerkonzept. Angetrieben von dem Motto des lebenslangen Lernens. Angesichts des unendlichen Schmerzes ob der heimtückischen irreversiblen Krankheit meines Liebsten brauchte ich auch etwas, an dem mich festhalten. Etwas Starkes und Forderndes. Und das hatte ich dann, und ob! Meine kauffrauliche Unerfahrenheit, mein Nicht-in-Zahlen-Denken, meine kreative Weltsicht habe ich bislang teuer und bar bezahlt. So dass mir gestattet sei, dem Thema des Heidelberger Literaturherbstes hinzufügen: Starke Literatur von Starken Frauen braucht Starke Investorinnen.

Da können wir Ihnen auch seitens des Literaturherbstes nur seufzend beipflichten. In Ihrem Verlagsprogramm finden sich viele starke Frauen, es ist eine Freude, sie zu entdecken. Gibt es für Sie selbst, wenn Sie zurückblicken, neben männlichen Autoren wie etwa Pier Paolo Pasolini, auch Literatinnen, die Sie im Rahmen Ihrer Arbeit oder ganz privat beeinflusst und inspiriert haben?

Selbstverständlich und konsequenter wäre es natürlich gewesen, unter dem Dreizack der Meeresgöttin, der eigentlichen Herrscherin über die Meere, nur Frauenliteratur zu vereinen. Das würde allerdings die Themen, die Stimmen, die Sprachen und letztendlich auch mich nicht abbilden. Ich habe natürlich meine Lektionen von Simone de Beauvoir gelernt, ich habe die Klischeeschmiede „Volevo i pantaloni“ von Lara Cardella gelesen und in die Ecke geworfen. Als Hausbücher erfreue ich mich an Natalia Ginzburg und Elsa Morante. Ich liebe Leila Slimani, verehre Assia Djebar, gehe in die Lehre bei Joan Didion, die ich natürlich über ihr „Das Jahr des magischen Denkens“ kennengelernt hatte; ich verschlang A.L. Kennedy, aber ich las auch viel Katherine Mansfield; ich zog mir alle auf Deutsch vorliegenden Titel von Ágotá Kristof rein. Ich las Kate Millet in italienischer Übersetzung. Ich lernte Conni Palmen und ihre „Gesetze“ kennen. Unzählige mehr, neulich auch eine für meine Arbeit wichtige griechische Autorin Dido Sotiriou „Lebewohl, Anatolien“. Ich durfte vor wenigen Tagen den großartigen Roman von Chisako Wakatake „Jeder geht für sich allein“ als Mitglied der Preisjury für den Liberaturpreis verkünden, eine Rede halten. Darin liegt ein ganzer Trost und Humorvorrat. Allerdings hatte ich 1992 auch den Roman von Elena Ferrante „L’amore molesto“ deutschen Verlagen vergeblich zur Übersetzung angeboten, wie sauer Bier.

Ihre Lebenswege, liebe Frau Lustig, zeigen etliche Meilensteine, die Mut und Stärke voraussetzen. Zweifellos sind Sie eine starke Frau. Wie blicken Sie selbst auf sich?

Es hätte schlimmer kommen können. Oft denke ich an den geschmeidigen Weg. Wäre ich nur stärker gewesen – souveräner, Herrin meiner selbst, darin liegt ja bereits der Widerspruch – dann hätte ich diesen gewählt.

Das zeichnet starke Frauen doch geradezu aus, dass sie eben nicht den geschmeidigen Weg gehen. Und welche Visionen haben Sie für Ihre Zukunft – als Verlegerin oder auch angesichts der unstillbaren Sehnsucht nach dem Mittelmeerraum?

Keiner weiß, was die Zukunft, die sich ja im Hier und Heute bereits zuträgt, bringen wird. Ich wünsche mir, meinen 70. Geburtstag auf meiner ersten Insel feiern zu können, mit der ganzen zerbrochenen Familie, mit allen Freunden und Weggefährten. Hoffnungen, Träume, Sehnsüchte, die die ganze Menschheit und ein zur Vernunftkommen, angehen – mit Verlaub, die habe ich nicht. Dem einzelnen wie der Gesamtheit ist als allererstes der Orientierungssinn abhandengekommen, der letzte Rest von Dinosauriergehirn verkümmert. Ich wünsche mir ganz heftig, dass ich zusammen mit meinem Sohn noch das von ihm zu illustrierende INSELKOCHBUCH schreiben kann, was kein Rezeptbuch sein wird. Und eine Vision, dass meine geliebte Enkeltochter, der ich nebst meinem niederländischen Mann stets meine Verlagsvorschau widme, vielleicht doch eines Tages den Verlag übernehmen kann, was bedeuten würde: Ich muss noch viele Jahre weitermachen.

Noch viele Jahre, liebe Frau Lustig, klingt für uns Leser nach einem wunderbaren Versprechen, das INSELKOCHBUCH literarisch und illustratorisch verlockend. Haben Sie herzlichen Dank für das Interview!


Das Interview führte Veronika Haas.
Foto: Monika Lustig © privat


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